Von 20 Blinkern geht nur einer

EN-Kreis/Monastir. (zico) Die Einweisung in die Technik des Fahrzeugs dauert genau null Sekunden. Wir erhalten einen ausgelutschten Helm, eine verdreckte Taucherbrille gegen den Staub und sehen damit natürlich ziemlich dämlich aus. Dann kommt ein vielleicht zwölfjähriger Junge, tritt die Fahrzeuge an, und wir steigen auf. Das Abenteuer Quadfahren in Nordafrika kann beginnen.

wochenkurier-Redakteur Frank Schmidt nutzte seinen Urlaub in Tunesien zu einer waghalsigen Quad-Tour auf nordafrikanischen Buckelpisten. (Foto: Privat)

Tagelang hatte ich mit dem Agenten gefeilscht, der jeden im Hotel Club Eden davon überzeugen wollte, dass Quad fahren gefälligst die ultimativ höchstvergnügliche Freizeitbeschäftigung ist, wenn man in Tunesien Urlaub macht und dort eigentlich baden sowie die örtlichen Sehenswürdigkeiten unter die Lupe nehmen möchte. Bei mir hat er Glück, denn ich fahre für mein Leben gern Quad. Allerdings nicht um jeden Preis. Kamel – er heißt wirklich so – von der Reisegesellschaft hatte mir eingebläut, dass man außerhalb von Hotels nicht mehr als 20, 25 Dinar für eine Tour zählen müsse. Der Agent verlangte 45. Er kann besser handeln als ich. Wir einigten uns auf 40, denn für 35 hätte er mich mit einem untermotorisierten Quad auf die Piste geschickt. Die Blöße wollte ich mir allerdings nicht geben, und wenn ich erst per Taxi nach einem günstigeren Anbieter gesucht hätte, wäre ich im Endeffekt auf den gleichen Preis gekommen.

Nun sitzen zehn Fahrer auf ihren mehr oder weniger ramponierten Gefährten, die immerhin mit 150-ccm-Motoren ausgestattet sind. Bei mir fehlt das linke Vorderlicht, und die Blinker gehen gar nicht. Eigentlich gehen sie bei niemandem aus unserer Karawane – nur ein Quad hat einen funktionierenden Fahrtrichtungsanzeiger, der sich allerdings nicht abstellen lässt und ständig anzeigt, dass dieses Quad gleich links abbiegen wird. Nur nicht irritieren lassen.

Aus dem kleinen Wellblechverschlag geht es direkt in die Botanik. In Deutschland, wo das Quadfahren in freier Natur aus Umweltschutzgründen nicht erlaubt ist, undenkbar. Langsam zockelt die Karawane auf weiß-braunem Lehmboden in Richtung Unwirtlichkeit, und ich denke mir: Laaaangweilig!“ Immerhin ermöglicht mir das moderate Tempo einen genauen Blick auf die Hinterachse meines Vordermanns, die einen keckem Bogen aufweist. Seine Sache!

Nach 300 Metern halten wir an. Ein Papa, der die Tour mit seinem kleinen Sohn fährt, hat sein Quad abgewürgt. Das kann ja heiter werden. Aber schnell läuft der kleine Flitzer wieder, und es geht weiter. Schon erreichen wir einen Olivenhain, der zwischen der Lehmpiste und einer Bahnstrecke liegt, und unsere Tourführer bedeuten uns, dass jetzt freies Fahren angesagt ist. Und schon geht aber richtig die Post ab.

Slalom durch die Olivenbäumchen. Entweder auf verdorrtem Gras oder auf einem ausgehärteten, unebenem Weg mit zahllosen Bodenwellen. Es gilt, schon etwas Kraft aufzuwenden, wenn man den Lenker halten will. Wie schnell wir sind? Keine Ahnung, denn der Tacho ist kaputt. Gefühlte 80 Stundenkilometer, würde ich mal schätzen. Kreuz und quer heizen unsere Quads über das Areal. Einem Lokführer gefällt die Szene offensichtlich, denn er lässt seine Diesellok Ohren betäubend laut pfeifen, und die Jungs, die in den öffenen Türen der Waggons sitzen, winken uns fröhlich zu. Angesichts der anspruchsvollen Strecke können wir nicht zurück winken.

Nach zehn Minuten ist die Sache mit den Olivenbäumen ausgereizt, und es geht zurück auf die Strecke. Zunächst schüttelt mich eine Buckelpiste mächtig durch, und immer wieder erhebe ich mich aus dem Sitz, um das Rütteln etwas abzumildern. Das alles geschieht in voller Fahrt und macht irre viel Spaß. Da die Quads nicht sonderlich rasch umkippen, darf nach Herzenslust gedriftet werden – kein Vergleich zu den braven Touren in Deutschland, mit Tempo 45 am rechten Fahrbahnrand… Schon geht es auf einen Damm, der kaum breiter ist als die Quads selbst, dafür aber ebenso uneben wie der Rest der bisherigen Strecke. Fast verschlägt es mir den Lenker, und in letzter Zehntelsekunde bekomme ich mein Quad wieder unter Kontrolle. Das wäre ein schöner Stunt gewesen, wenn ich mit dem kleinen Flitzer zwei Meter den Anhang hinunter gepurzelt wäre und die Vorzüge meines Auslands-Krankenversicherungsschutzes hätte prüfen können.

Wir erreichen einen kleinen Platz mit ein paar Pfosten, die mit Wellblech verkleidet sind, und gleich taucht eine Frau zwischen uns Taucherbrillenträgern auf, die eiskalte Softdrinks serviert. Dankbar drücken wir ihr je zwei Dinar in die Hand und spülen den Staub hinunter. Auch der Junge ist wieder da, der für die Ahnungslosen die Fahrzeuge antritt. Es geht es weiter, diesmal auf eine Art Rallyestrecke mit Steilkurven. Hier können wir dem Affen richtig Zucker geben. Wir werden sicherer und waghalsiger, starten Überholmanöver und kleine Rennen. Es macht unheimlich viel Spaß.

Schließlich geht es zurück, und mein zuvor weißes Shirt ist nun hellbraun. Auch die Hose ist staubig, aber das macht gar nichts. Ich bin froh, den ollen Helm und die unsägliche Taucherbrille endlich vom Kopf schnallen zu können. Am Ziel können wir Erinnerungsfotos kaufen oder es bleiben lassen. Ich nehme meines natürlich mit, denn: Quad fahren ist wirklich die ultimativ höchstvergnügliche Freizeitbeschäftigung, wenn man in Tunesien Urlaub macht…