Wenn Tim der Tante „Kussverbot“ erteilt

Ennepetal. (ric) Der kleine Tim möchte von seiner Tante nicht ständig auf die Wange geküsst werden. Die fünfjährige Lisa hasst den pinken Rock, den ihre Mutter so gern an ihr sieht. Und ihr ein Jahr älterer Bruder Lukas will in letzter Zeit partout weder seinen Teller leer essen noch sich abends die Zähne putzen. „Du musst aber! Du machst das jetzt!“ schallt es tagaus, tagein. Was viele dabei übersehen: Ein „Nein!“ vom Kind zählt nicht.

Und dies kann fatale Folgen haben: Denn wie sollen Kinder dann lernen, sich durchzusetzen? Eigene Meinungen und Grenzen zu setzen und die anderer Menschen zu akzeptieren? Letztlich begegnen Streitereien, Meinungsverschiedenheiten und Hänseleien schon sehr früh im Leben: Kinder werden ausgrenzt, dürfen bei den anderen nicht mitspielen. In Kindergärten, auf Spielplätzen und Schulhöfen wird geschubst, gehauen und mit Sand geworfen. Was sollen aber Kinder tun, um sich zu wehren, wenn ihnen schon früh beigebracht wurde, dass ihre Grenzen nicht zählen? Schlimmer noch: Was macht ein solches Kind, wenn es von einem Fremden angesprochen wird und mitkommen soll?

Damit Kinder und Eltern von Anfang an den richtigen Umgang rund um das Wort „Nein!“ lernen, begann nun wieder das „Mut tut gut“-Programm im Ennepetaler Mehrgenerationenhaus. Unter der Leitung von Andrea Schiffarth üben elf Vorschulkinder im Antiaggressionstraining spielerisch ein selbstbewusstes Auftreten. Dazu gehört nicht nur das Wissen, wie wichtig der Einsatz der eigenen Stimme ist. Ein stärkeres Selbstbewusstsein ermöglicht es auch, Grenzen einzufordern und zu setzen. Denn dies verlangt zuerst einmal viel Mut.

„Wir wollen mit den Kindern aber natürlich auch erarbeiten, was sie mögen oder nicht. Außerdem müssen sie wissen, wie sie überhaupt nein sagen können“, erklärt Heidemarie Kremer vom Mehrgenerationenhaus.

Sensibilisierung ist das Stichwort im Programm. Die Kinder sollen bestimmen können, wie mit ihnen selbst umgegangen werden soll. Darauf aufbauend wird dann erarbeitet, wie man mit anderen Menschen umgeht. „Das beginnt beim nicht mitspielen dürfen und endet bei Hänseleien“, erklärt Heidemarie Kremer. Doch auch die Eltern müssen und sollen sensibilisiert werden. Hier gilt es zu beachten, dass bei einem „Nein“ immer auch unterschieden werden muss. „Wenn sich ein Kind abends nicht die Zähne putzen möchte, sollte das natürlich nicht einfach hingenommen werden“, ist sich die Mitarbeiterin sicher: „Wenn es aber darum geht, dass man von der Tante nicht geküsst werden will oder dass ein bestimmter Ort nicht besucht wird, sollte man sich nach den Gründen fragen und die Meinung akzeptieren.“

Grundsätzlich sollten die Eltern ihrem Nachwuchs genau zuhören. Aus einem normalen Gespräch ergeben sich bereits viele Eckpunkte, die die Einstellung des eigenen Kindes darstellen. Die eigene Welt nicht einfach auf das Kind zu übertragen ist ein wichtiger Punkt, wenn man den Nachwuchs stärken möchte. „Will man sein Kind schützen, sollte man ihm auch selbst keinen Willen aufzwängen“, erklärt Kremer. Schließlich können Kinder sonst nicht unterscheiden, wann sie sich nach anderen Meinungen zu richten haben und wann die persönlichen Grenzen eingehalten werden sollen. Um dies zu unterstützen, lernen die Vorschulkinder im Kurs auch, wie sie sich bei negativen Gefühlen verhalten sollen. „Die Kinder brauchen eine gewisse Handlungskompetenz“, sind sich alle einig: „Dazu gehört auch, dass Hilfe gefunden und geholt werden kann.“

Das Programm „Mut tut gut“ ist für die teilnehmenden Kinder und ihre Familien kostenlos. Um jedem Kind das nötige Wissen zu vermitteln, übernimmt der Förderverein des Mehrgenerationenhauses die Kosten. Doch nicht nur die Kinder profitieren davon: Für die Eltern gab es bereits einen Informationsabend. „Schließlich wollen wir ganzheitlich ansetzen, um den Kindern und ihren Familien auch wirklich zu helfen“, versichert Heidemarie Kremer.