Wo ein Brathähnchen lebendig wurde

Gevelsberg. (zico) Rund 1.000 Pilger passieren pro Jahr den Gevelsberger Teil des Jakobsweges mit seinen elf Stempelstellen, nutzen die Pilgerunterkünfte und stärken sich an den Verpflegungsstellen. Denn nicht nur durch Spanien und Portugal führt „der Jakobsweg“, auch in anderen Ländern Europas gibt es Wege, auf denen sich Pilger auf in Richtung des angeblichen Grabes des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Galicien (Spanien) machten. Seit wenigen Tagen kann man sogar einen schmuckvollen Sticker im Rathaus, bei der VHS, im Hotel Alte Redaktion und bei der Familie Fröhlich, Friedhofsstraße 23, zum Preis von zwei Euro erwerben. Darauf abgebildet ist St. Engelbert, und überdies erfährt man, dass Gevelsberg 2645 Kilometer von Santiago de Compostela entfernt liegt.

Freuen sich auf den Vortrag über den Jakobsweg im Pfarrsaal der Sankt Engelbert-Gemeinde: (von links) Dietmar Grimm, Claus Jacobi, Martin Stais und Dr. Bernd Bernsdorf. (Foto: Frank Schmidt)

Zusätzlich ins Bewusstsein rückt den Jakobsweg ein Vortrag von Dr. Bodo Bernsdorf, der am Donnerstag, 12. April 2012, 19 Uhr, im Pfarrsaal der St. Engelbert-Gemeinde zu hören ist. Der Referent sowie Pastor Martin Stais, Bürgermeister Claus Jacobi und Verwaltungsmitarbeiter Dietmar Grimm, der der Sankt-Engelbert-Gemeinde angehört, erläuterten in dieser Woche das Thema des Vortrages, der den portugiesischen Teil des Jakobsweges vorstellt. Portugal nämlich hat starke Bezüge zum Jakobsweg – zum Beispiel wegen des Hühnerwunders von Barcelos. Hier soll Jakobus, vom Tod durch den Strang bedroht, dem ein Brathähnchen essenden Bürgermeister angekündigt haben: „Wenn ihr mich hängt, dann wird dieser Hahn wieder lebendig“. Und als man sich tatsächlich anschickte, Jakobus aufzuknüpfen, erwachte der Hahn tatsächlich zu neuem Leben, so dass der Bürgermeister Jakobus gerade noch retten ließ. Deshalb ist der Hahn heute portugiesisches Nationalsymbol.

Weitere zahlreiche Originalschauplätze des Wirkens von Jakobus finden sich in Portugal; etwa Padron, wo der Apostel zum ersten Mal auf der iberischen Halbinsel gepredigt haben soll. Der Überlieferung nach kam er nach seiner Überführung aus Jerusalem auch hier wieder an.

Dr. Bodo Bernsdorf war bereits mehrfach in Spanien und Portugal auf dem Jakobsweg unterwegs und ist als selbständiger Tourführer derzeit mit einer kleinen Gruppe von Pilgern auf dem westfälischen Teil des Jakobsweges unterwegs. Am kommenden Donnerstag macht er Station in Gevelsberg und nimmt die Besucher mit auf eine zwölftägige Reise von Porto nach Santiago. Über die Hintergründe seiner Pilgerreise kommt er in einem interessanten Bildervortrag auf Themen wie die Wegstrecke, die Menschen und die Höhepunkte des portugiesischen Jakobswegs zu sprechen. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei, eine Spende für die Gemeinde ist jedoch willkommen.

Einen Vorgeschmack auf die Atmosphäre einer Pilgerreise in Portugal und Spanien gab Dr. Bernsdorf bereits im Gevelsberger Rathaus. „Es ist zum Beispiel üblich, einen kleinen Stein aus der Heimat mitzunehmen und am Cruz de Ferro (Cruz de Hierro), einem Eisenkreuz am höchsten Punkt des Camino Santiago, abzulegen. Dies symbolisiert die Bürde, die man auf der Pilgerreise ablegt“, so Dr. Bernsdorf. Die Pilgerreise nach Santiago hat vielfach symbolischen Charakter – während man auf dem Hinweg die aufgehende Sonne im Nacken spürt, geht man auf dem Rückweg der aufgehenden Sonne entgehen; spirituell gereinigt und mit neuer Hoffnung. „Während es auf der eigentlich Wanderung askethisch zugeht und auch die Unterkünfte spartanisch, aber nicht heruntergekommen ausfallen sollten, sind die Abende übrigens durchaus von Geselligkeit geprägt“, erinnert sich der Referent gern an Abende mit Gitarre und Gesang, die nicht vor zwei Uhr morgens endeten. „Da haben Deutsche für gewöhnlich wenig beizusteuern. Wenn unsere Besuchergruppen in den Partnerstädten Gevelsbergs zum Singen aufgefordert werden, dann herrscht meist betretenes Schweigen“, schmunzelte Bürgermeister Claus Jacobi bei dieser Bemerkung. Dr. Bernd Bernsdorf entgegnete, er empfehle stets das Mitnehmen der berühmten Mundorgel.

Claus Jacobi und Dietmar Grimm, der ebenfalls schon auf dem spanischen Jakobsweg unterwegs war, wiesen aus Anlass der Vortrages auf die Gevelsberger Jakobsweg-Angebote hin. Nachdem um 820 nach Christus das Grab des Jakobus entdeckt worden war, begannen im 10. Jahrhundert die Pilgerreisen und erreichten im 11. Jahrhundert beachtliche Beteiligung, denn es kamen für damalige Zeiten erstaunliche 1.000 Pilger täglich in Santiago an. Als man sich in den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr auf den Jakobsweg zurück besann, wurden auch in Deutschland die alten Wege wieder entdeckt. Die Ausweisung der Wege begann erst 1992, als der evangelische Pfarrer Paul Geißendörfer zusammen mit sechs Jakobusgemeinden einen Pilgerweg von Rothenburg ob der Tauber nach Nürnberg realisierte. Seit 1999 erarbeiten die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe das Projekt Wege der Jakobspilger im Rheinland und in Westfalen und rekonstruierten auch den Gevelsberger Teil, der den alten Handelswegen des Mittelalters entspricht.

Claus Jacobi stellte in Aussicht, dass er sich durchaus vorstellen könne, am Jakobustag, 25. Juli 2012, eine Wanderung auf dem heimischen Weg von Vogelsang bis Stüting einzurichten. Konkretere Planungen, zum Beispiel mit einem Abschlussfest am Stüting, stehen jedoch noch aus. Zunächst dürfen sich alle Interessenten auf den Vortrag von Dr. Bernd Bernsdorf freuen, der am kommenden Donnerstag im Pfarrsaal der St. Engelbert-Gemeinde sicherlich alle Zuhörer und -seher in seinen Bann nehmen wird.