Wohnraum für Familien

Gevelsberg. (je) „Wir mussten nicht lange nachdenken. Es ist Teil unseres diakonischen Auftrags, uns nach Möglichkeit für Flüchtlinge einzubringen.“ Mit diesen klaren Worten erklärte Pfarrer Martin Bach, Vorstandsvorsitzender der Theodor-Fliedner-Stiftung, ein leider noch immer nicht alltägliches Engagement: Mit sofortiger Wirkung stellt die Stiftung im „Stadtwohnen Hagebölling“ drei Wohnungen für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung. Ende des Jahres wird noch eine vierte dazu kommen.

Gemeinsame Entscheidung

Vier Wohnungen zwischen 43 und 69 Quadratmetern – das sind für die Einrichtung im ehemaligen Gevelsberger Stadtkrankenhaus an der Hochstraße 22 immerhin mehr als zehn Prozent ihrer insgesamt 29 Wohneinheiten. Das bedeutet natürlich auch für die anderen Bewohner und nicht zuletzt die Angestellten des Stadtwohnens eine ganz neue Situation. Denn in dem Haus wohnen bislang vornehmlich Menschen, die das siebzigste Lebensjahr bereits überschritten haben. Und in der benachbarten Fliedner-Klinik wird sich vornehmlich um Menschen mit seelischen Problemen gekümmert.

Daher betont Pfarrer Bach auch ausdrücklich, dass Angestellte und Bewohner in die Entscheidung einbezogen wurden. „Unsere Mitarbeiter haben den Entschluss sofort mitgetragen. Mit den Bewohnern haben wir dann eine Runde einberufen, bei der wir Ängste abbauen wollten – und haben dort keinerlei Ablehnung erlebt.“ Denn viele der älteren Menschen kennen die Situation von Flucht und Vertreibung aus eigener Erfahrung, manchmal sogar aus selbst erlebter. Und so war einer der am häufigsten gehörten Sätze in der Runde: „Wir müssen helfen.“

Positives Beispiel

Auch Bürgermeister Claus Jacobi ist höchst erfreut: „Wir haben hier ein positives Beispiel, wie gute Unterbringung funktioniert. Ich hoffe, das macht auch Privatpersonen Mut, Wohnraum zur Verfügung zu stellen.“ Denn dieser wird so langsam knapp – waren in Gevelsberg Anfang Juli noch rund 200 Geflüchtete untergebracht, sind es jetzt schon fast 400. Alleine in diese Woche wurden der Stadt 27 weitere Menschen zugewiesen.

Alle Beteiligten sind sich dennoch sicher, dass Beispiele wie dieses dazu führen, dass keine großen Probleme entstehen. „Die Aufnahme in die Gesellschaft funktioniert am besten im kleinen räumlichen Bereich“, weiß Jacobi. „Dort kann direkte Hilfe geleistet werden.“ Und auch Martin Bach glaubt, dass die positiven Effekte überwiegen: „Natürlich wird sich das Bild in unserer Einrichtung verändern. Aber unserer Erfahrung nach ist es für ältere Menschen beglückend, wenn sie Kinder um sich haben.“ Auch um eventuelle Sprachbarrieren macht er sich nur wenig Sorgen. Es wurden bereits Bild-Wörterbücher bestellt und um neue Beschilderungen wird sich derzeit gekümmert.

Engagement

Nicht unerwähnt darf das Engagement von Rüdiger Frohn bleiben. Der ehemalige Chef des Bundespräsidialamtes ist gebürtiger Gevelsberger und Mitglied des Kuratoriums der Fliedner-Stiftung. Auf seine Anregung hin hat sich Jacobi mit Bach in Verbindung gesetzt. Letzterer ist gerührt von dem Engagement der Gevelsberger: „Wir nehmen beeindruckt wahr, wie hier mit Menschen umgegangen wird und freuen uns, unseren Teil beitragen zu können.“