107 Millionen Euro für neue Rathaus-Galerie

Das Stadtentwicklungsunternehmen GEDO will den gesamten Eckbereich Mittel-/Rathausstraße abreißen, um hier im Zuge einer 107-Millionen-Euro-Investition eine neue Einkaufspassage („Rathaus-Galerie“) aus einem Guss zu schaffen, wobei es keinen „Riesenklotz“ geben soll, sondern einen aufgelockerten Baukörper mit „Flugdächern“. (Abbildung: Gedo)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Wer durch die Mittel- oder Rathausstraße bummelt, kann es nicht übersehen: Die Weichen für die Rathaus-Galerie sind gestellt, im betroffenen Bereich sind schon fast alle Mieter ausgezogen. Mit den Abbrucharbeiten des Komplexes wird Anfang März 2012 gestartet. Der Bauherr und Investor, die GEDO-Gruppe, stellte – zusammen mit dem beauftragten Architekturbüro KuBuS – am Mittwoch die Baumaßnahme öffentlich vor.

Das aus Grünwald bei München stammende Stadtentwicklungsunternehmen GEDO will den gesamten Eckbereich Mittel-/Rathausstraße mitsamt früherem Viktoria-Kino (heute Kaufpark) und ehemaligem Butz-Haus (später lange Zeit Domizil des Stadtarchivs) abreißen, um hier im Zuge einer 107-Millionen-Euro-Investition eine neue Einkaufspassage („Rathaus-Galerie“) zu schaffen.

Für den wochenkurier ein guter Grund, zunächst kurz in der Geschichte der Hagener Innenstadt zu blättern:

Auf dem Pflaster im Eckbereich Rathaus-/Mittelstraße/Friedrich-Ebert-Platz war kein moderner Künstler am Werk, sondern ein Experte, den den Verlauf diverser unterirdischer Ver- und Entsorgungsleitungen markiert hat. (Foto: Michael Eckhoff)

Zwar wurde Hagen bereits 1746 zur Stadt erhoben, war jedoch Mitte des 18. Jahrhunderts nur eine eher unbedeutende Ortschaft, die sich vornehmlich um die Johanniskirche gruppierte. Die katholische Kirche stand seinerzeit am Rande des Ortskerns – in der heutigen Mittelstraße, dort, wo sich jetzt das Schuhhaus Salamander befindet. Ein richtiges Rathaus entstand erst 1831 – allerdings ebenfalls am Rand des eigentlichen Ortes. Es erhob sich ziemlich genau dort, wo heute die „Volme-Galerie“ am Ebert-Platz steht.

Zwischen den beiden Polen Johanniskirche und Rathaus entwickelte sich noch im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten „Geschäftsmeilen“ der Stadt – die Mittelstraße. Bis zum Zweiten Weltkrieg zeigte sie sich als eine von schönen Bauten gesäumte Straße, deren wichtigste Anziehungspunkte die Warenhäuser Kornblum (gegenüber der Johanniskirche) und Sinn waren.

Auch der gesamte heutige Parkplatzbereich hinter Sinn wird bald überbaut. Für die Besucher der Passage beziehungsweise der Innenstadt entsteht hier eine Parkgarage mit fast 450 überbreiten Stellplätzen. (Foto: Michael Eckhoff)

Schneller Wiederaufbau

Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, lagen bekanntlich große Teile der Stadt in Trümmern. Schnell machten sich die neuen Stadtväter unter Oberbürgermeister Fritz Steinhoff daran, den Wiederaufbau zu planen – und bald wurde Hagen weithin gerühmt als die Stadt im rheinisch-westfälischen Industriebezirk, die als erste ihren Wideraufbauplan vorlegen konnte.

Die 60er Jahre brachten unter anderem die Errichtung eines neuen Rathauses, den Bau großer neuer Kaufhäuser (man denke an Horten und Quelle) sowie das erste Hochhaus (das erhaltene Verwaltungsgebäude des Rathauses).

In den 70er Jahren verschwanden nicht allein die Straßenbahnen aus dem Stadtbild, sondern auch zahlreiche Stahlwerke. Großzügig bemessene Sanierungen in Haspe und Hohenlimburg und die Planung zahlreicher Renommierprojekte (Fernuniversität, Stadthalle, Gewerbegebiet Unteres Lennetal etc.) sollten über die Stahl-Krise hinweghelfen. Zu den Neuerungen gehörte ferner die Schaffung einer ersten Fußgängerzone (zunächst nur im Bereich der Elberfelder Straße).

Die ersten Planungen gingen davon aus, einen Baukörper an der Rathausstraße/Ebert-Platz zu erhalten, doch die neuen Pläne sehen vor, den gesamten Eckbereich in die Rathausgalerie einzubeziehen. (Foto: Michael Eckhoff)

Stillstand

Die frühen 80er Jahre brachten einen gewissen Stillstand. Manche Stadtplaner glaubten, es sei sinnvoller, sich auf den Erhalt und die Verbesserung des Vorhandenen zu konzentrieren, weil die Einwohnerzahl eh sinken werde und man deshalb kaum noch neue Geschäfts- und Wohngebiete benötige.

Erst in den 90er Jahren nahm die Stadtverwaltung die Planung von neuen Gewerbe- und Wohngebieten wieder verstärkt auf. Und auch der Errichtung einer „Neuen Mitte“ sowie dem Projekt „Volmeaue“ schenkten die Politiker die gebührende Aufmerksamkeit. Womit wir wieder in die Mittelstraße zurückkehren, in alten Stadtplänen übrigens nur „Haubtstraße“ genannt:

Blick vom derzeitigen Sinn-Parkplatz auf den einstigen Eingangsbereich des Stadtarchivs. Überragt wird der Baukörper von einem steilen Dach, das zum früheren Viktoria-Kino, dem heutigen Kaufpark gehört. Dieser Komplex wird zuletzt abgerissen. (Foto: Michael Eckhoff)

Gesamte Ecke

Wie schon eingangs erwähnt, stehen an der Mittelstraße nun die nächsten großen Veränderungen „ins Haus“: Der Stadtentwickler Gedo hat kurz vor Ende des Jahres 2010 verkündet, den Eckbereich Mittel-/Rathausstraße mitsamt früherem Viktoria-Kino (heute Kaufpark), ehemaligem Verlagshaus der „Hagener Zeitung“ (lange Zeit Pressehaus und Stadtarchiv) und Sinn-Kaufhaus abzureißen, um hier im Zuge einer 107-Millionen-Euro-Investition eine neue Einkaufspassage zu schaffen. Ursprünglich sah der Plan vor, an der Rathausstraße mehrere Baukörper zu erhalten, doch diese Vorstellung hat sich inzwischen gewandelt. Erhalten bleibt nur noch der Baublock Rathaus-/Ecke Potthofstraße. Und erhalten bleiben natürlich auch die Bauten an der Dahlenkampstraße.

Bevor das Stadtarchiv zur Eilper Straße umzog, hatte es sein Domizil im ehemaligen Druckhaus, erreichbar war es von der Rathausstraße aus. (Foto: Michael Eckhoff)

Bislang standen in diesem Areal diverse Gewerbeflächen in einer Größenordnung von über 10.000 Quadratmetern zur Verfügung. Investor Gedo plant mehr als eine Verdoppelung. Die ersten Planungen hätten – so Gedo-Geschäftsführer André Haase – anfänglich eine Ausweitung auf 15.000 Quadratmeter vorgesehen. Doch bald habe man landauf, landab so großes Interesse an dieser neuen Galerie verspürt, dass jetzt über 20.000 Quadratmeter angepeilt würden. Einer der Ankermieter wird die bereits vorhandene Kaufpark-Filiale sein, die sich künftig fast doppelt so groß im Vergleich zu heute präsentieren wird.

Die neue Rathaus-Galerie verfügt – so das Ziel – über zwei Hauptzugänge. Einen gibt es direkt an der Mittelstraße (quasi dort, wo heute der Sinn-Haupteingang ist), den anderen im Eckbereich Rathaus-/Mittelstraße, wo obendrein – also gleichsam im Bereich des ehemaligen McDonald‘s – die Märkische Bank eine neue Filiale eröffnen möchte. Die beiden Hauptgänge führen in V-Form aufeinander zu und vereinen sich unter einer großen gläsernen Ellipse.

Nebeneingänge sollen zudem an der Rathausstraße und natürlich zur fast 450 Plätze umfassenden Parkgarage hin entstehen. Die Einfahrt zum Parkdeck wird sich an ähnlicher Stelle befinden wie die bisherige Zufahrt zum Sinn-Leffers-Parkplatz, das heißt: die Potthofstraße soll ihre heutige Funktion behalten.

Das aus den 1920er Jahren stammende Wohnhaus der Verlegerfamilie Butz an der Rathausstraße. Hier soll ein Seiteneingang zur neuen Rathausgalerie entstehen. (Foto: Michael Eckhoff)

Mehrere Bauabschnitte

In mehreren Bauabschnitten entsteht die neue zweigeschossige Passage bis 2014, wobei im Obergeschoss ein nicht unerheblicher Teil der Fläche für Dienstleister (Arztpraxen etc.) vorgesehen ist. Zunächst wird der Sinn-Bereich „untergepflügt“, dann die unmittelbare Eckbebauung an der Rathaus-/Mittelstraße.

Die Fertigstellung der ersten Bauten erfolgt im Bereich des heutigen Sinn-Hauses. Wenn dieser erste Komplex fertiggestellt ist, zieht der Kaufpark um. Anschließend kann auch der Bereich des heutigen Kaufparks und früheren Kinos abgerissen und ersetzt werden.

Die Baufahrzeuge sollen hauptsächlich über die Potthofstraße anrollen. Hier wird nach der Fertigstellung der Passage auch der größte Teil des Anlieferverkehrs in einer speziell konstruierten „eingehausten“ Zone über die Bühne gehen – lediglich die Belieferung des Kaufparks ist nicht von hier aus vorgesehen.

Die Fassadengestaltung orientiert sich an innenstädtischen heimischen Vorbildern und zeigt unter anderem „Flugdächer“, so wie sie in den 50er Jahren in Hagen häufig geplant wurden. Ferner soll die Fassade recht transparent werden und lange Schaufensterflächen aufweisen. Die Architekten haben überdies Licht-Designer ins Boot geholt, damit auch der „lichttechnische Aspekt“ gebührend berücksichtigt und die neue Passage ein echtes Schmuckstück wird…