Als Hagens Bahnhof noch ein Zimmer für „feine Damen“ hatte …

Von Michael Eckhoff

Hagen. Der überraschende „Uhren-Fund“ im früheren Wartesaal 1./2. Klasse im Hagener Hauptbahnhof hat den wochenkurier schon mehrfach beschäftigt. Jetzt ist es Heimatbund-Vorstand Jens Bergmann gelungen, eine Ausgabe des „Zentralblatts der Bauverwaltung“ aus dem Jahr 1912 zu ersteigern, worin über das just fertiggestellte „neue Empfangsgebäude am Bahnhof Hagen in Westfalen“ berichtet wird.

1909 war mit der Baumaßnahme begonnen worden. Zunächst musste natürlich noch der alte Bahnhof – ein 1875 errichtetes Fachwerkgebäude – abgebrochen werden. Er stand ziemlich genau an der Stelle, an der dann bis 1911 der prächtige Neubau emporwuchs.

Im hinteren Teil des Hauptbahnhofsgebäudes - hier befindet sich heute ein kleiner Supermarkt - existierte früher der Warteraum 1. und 2. Klasse. Unser Foto von 1912 zeigt die gediegen gestalteten Eingangstüren. (Foto: Zentralblatt)
Im hinteren Teil des Hauptbahnhofsgebäudes – hier befindet sich heute ein kleiner Supermarkt – existierte früher der Warteraum 1. und 2. Klasse. Unser Foto von 1912 zeigt die gediegen gestalteten Eingangstüren. (Foto: Zentralblatt)

Nicht allzu modern

Stilistisch gesehen wurde hier wahrlich kein modernes Gebäude verwirklicht – die äußeren Formen entsprechen eher dem Neu-Barock und zeigen zudem Einflüsse des um 1910 bereits aus der Mode gekommen Jugendstils. Dass trotzdem eine „Zierde der Stadt“ entstand, lässt sich nicht leugnen.
Insbesondere die einstige Ausschmückung der Bahnhofshalle, das große Thorn-Prikker-Glasfenster über dem Eingangsportal und vor allem die ursprünglich recht aufwändig gestalteten beiden Wartesäle im hinteren Bereich beeindruckten „Anno Dazumal“ die Reisenden.

Verschwunden

Viele Ausstattungsstücke sind längst verschwunden – die eingangs erwähnte Uhr gehörte lange Zeit ebenfalls zu den verschollenen Kunstwerken. Bis vor wenigen Wochen war unbekannt, dass das von dem niederländischen Silberschmied Frans Zwollo gestaltete Schmuckstück – immerhin über drei Meter hoch – hinter einer Verkleidung versteckt war.

Wie der wochenkurier inzwischen herausfinden konnte, hatte es Mitte der 1960er Jahre ein damals mit Renovierungsarbeiten beauftragter Architekt nicht über das Herz bringen können, die Uhr auf den Müll zu werfen.

Gepäckabfertigung

Aus dem von Jens Bergmann entdeckten „Zentralblatt“ erfahren wir weitere Details aus der Erbauungszeit des insgesamt fast hundert Meter langen Gebäudes:

„Die übersichtlich gestaltete Halle bringt ihre stattlichen Abmessungen voll zur Geltung. Die rechte Längsseite nehmen 15 Fahrkartenschalter, zwei Diensträume und der Buchhändlerstand ein. Zur Linken des Eintretenden liegt die Gepäckabfertigung. Sie steht durch zwei Aufzüge mit einem großen Lagerraum für das Übergangsgepäck und weiterhin mit dem Gepäcktunnel in Verbindung.“ (…)

„Im Wartesaal 3. und 4. Klasse entstanden Sitznischen, die zum Teil als Aufenthaltsraum für Frauen bestimmt sind. Außerdem ist diesem Wartesaal noch ein Zimmer für Nichtraucher angegliedert.“

Prachtvoll: So sah es 1912 im Wartezimmer 1./2. Klasse aus. Links: die lange Zeit verschollene und erst kürzlich entdeckte Uhr des niederländischen Silberschmieds Frans Zwollo. (Foto: Zentralblatt)
Prachtvoll: So sah es 1912 im Wartezimmer 1./2. Klasse aus. Links: die lange Zeit verschollene und erst kürzlich entdeckte Uhr des niederländischen Silberschmieds Frans Zwollo. (Foto: Zentralblatt)

Gediegene Ausgestaltung

„Der Wartesaal 1. und 2. Klasse hat fünf bis an die Decke reichende Fenster mit Korbbogenabschluß. In Verbindung mit den Kleiderständern ließen sich hier kojenartige Einbauten schaffen, die zum längeren Verweilen abgesonderte Plätze bieten. Eine breite Pendeltür mit seitlichen Fenstern gewährt Einblick in das Speisezimmer. An der anderen Schmalseite des Wartesaals liegt – dem Speisezimmer entsprechend – das Damenzimmer. Es kann durch einen Vorhang geschlossen werden.“ (…)

„Das Gebäude ist in Anlehnung an die überlieferten Formen in heimischer Bauweise durchgebildet. Die Ausgestaltung der einzelnen Räume ist gediegen; eine ansprechende Wirkung ist durch eine stimmungsvolle Farbenzusammenstellung erreicht worden. (…) Im Wartesaal 1. und 2. Klasse wurde der Mittelteil der Längswand zur Aufnahme der Uhr architektonisch stärker betont. (…) Außer den im ganzen Raum verteilten Leselampen sind die zur Erhellung des Saales nötigen 60 Glühlampen an einen Reif aus Peddigrohrgeflecht gleichmäßig verteilt.“

Schade, dass von dieser „gediegenen Ausgestaltung“ fast nichts erhalten ist, sonst hätten wir hier immer noch eine außergewöhnliche Zierde der Stadt …