Angriff der Giftraupen

Hagen. (anna) Der Klimawandel soll verantwortlich dafür sein, dass für ein schädliches und gefährliches Insekt inzwischen ideale Lebensbedingungen entstehen. Denn in trocken-warmen Frühjahren fühlen sich die Raupen eines Falters, dem Eichenprozessionsspinner, besonders wohl.

Die Giftraupen breiten sich in Deutschland rasant aus. Ihre Härchen verursachen Hautirritationen, Atemnot und Augenreizungen. Deshalb sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners für den Menschen sehr gefährlich.

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners sind für den Menschen sehr gefährlich. In diesem Jahr breiten sie sich wieder enorm aus. (Foto: Albre)

Schlimmste Plage

Die mit Gift gefüllten Mikrohärchen des Eichenprozessionsspinners verteilen sich auch durch den Wind. Wenn sie die Haut berühren, können Menschen einen Ausschlag bekommen, der sich über den ganzen Körper ausbreiten kann. Weitere Symptome sind Atemnot, Fieber und Schwächegefühle. Experten sprechen in diesem Sommer von der schlimmsten Plage der Raupen seit dem Krieg.

Insgesamt sind nach Angaben des Julius-Kühn-Instituts (JKI) zehn Bundesländer betroffen. Dabei am stärksten Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, Bayern und ebenso Nordrhein-Westfalen. Da die Eichenprozessionsspinner sich in einem trocken-warmen Frühjahr besonders gut entwickeln, müsse auch in diesem Jahr wieder mit vielen Raupen gerechnet werden.

Eichenprozessionsspinner schlüpfen meist im späten April und frühen Mai. Ihr Name geht auf die Art und Weise zurück, wie die Raupen an ihre Nahrungsplätze wandern – in einer Prozession, die bis zu 20 Spuren erreichen kann. Die giftigen Härchen der Tiere bilden sich nach der zweiten Häutung. Die Nester seien ebenfalls gefährlich, weil sich darin auch nach Abzug der Raupen noch Haare und Häutungsreste befinden.

Mit Widerhaken

Im dritten Larvenstadium bilden die Tiere ihre Brennhaare aus. Die mit Widerhaken versehenen Härchen enthalten das Nesselgift Thaumetopoein, das eine Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems auslöst. Berührt man sie, kommt es zu einer allergischen Reaktion in Form von starkem Juckreiz und Entzündungen der betroffenen Stellen. Atmet man die Brennhaare ein, kann es zu Atemnot und Asthma-Anfällen kommen. Auch Schwindel und hohes Fieber sind möglich.

Besonders gefährlich: Die Schmetterlinge legen ihre Eier inzwischen nicht mehr nur im Wald auf Eichenbäume, sondern auch in Parks, auf Spielplätzen oder an Straßen ab. Hat sich der Schmetterling einmal gehäutet, bleiben die giftigen Haare zurück.

Nach Kontakt zum Arzt

Auf keinen Fall sollte man die Raupen anfassen. Am besten einen weiten Bogen herum machen, meint das Institut. Wer trotz aller Vorsicht mit den fladenförmigen Raupen in Berührung kommt, sollte sofort den Arzt aufsuchen.

Experten rechnen in den nächsten Jahren mit einer weiteren Ausbreitung, denn immer häufiger trifft man die Insekten nicht nur in Eichenwäldern, sondern auch in Wohngebieten an.

Nester absaugen

Das Institut fordert einzelne Länder auf, gegen die Schädlinge, die ganze Eichenwälder kahl fressen, mit zugelassenen Pestiziden vorzugehen. Das müsse allerdings vor dem dritten Larvenstadium geschehen. Danach können nur noch Spezialkräfte etwas gegen die Raupen unternehmen.

Die Gespinstnester sollen nicht mit Wasser oder Feuer vernichtet werden, da die gefährlichen Haare der Insekten sich verbreiten könnten. Es gibt Firmen, die solche Nester in Schutzanzügen und mit Masken behaftet absaugen.

Experten zuversichtlich

Ökologisch gesehen ist das vermehrte Auftreten des Falters, der Jahrzehnte lang kaum in Deutschland anzutreffen war, absolut unbedenklich, so ein Insektenexperte. Auf eine Massenvermehrung, wie man sie derzeit beim Eichenprozessionsspinner erlebe, folge irgendwann „der Zusammenbruch der Population“. Im Moment profitiere der Falter davon, dass es mehrere sehr heiße Sommer gab und dass seine Fressfeinde wie Kuckuck, Eichelhäher und Pirol immer seltener würden.

Viel wesentlicher für die Dezimierung der Raupenbestände seien jedoch parasitische Pilze und Bakterien sowie Käfer und Schlupfwespen – und denen geht es wegen des Überangebots an Nahrung im Moment richtig gut. Früher oder später werde sich das Problem mit den Raupen von selbst lösen, meinen Experten, bis es soweit ist, „bleibt nur Schadensbegrenzung mit Insektiziden“.