Architekten nehmen Altenhagen ins Visier

Von Michael Eckhoff

Die Wohnanlage Rastebaum hat eine baugeschichtliche Sonderstellung in Altenhagen. Sie wurde 1931 direkt nach der Weltwirtschaftskrise von der gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft der freien Gewerkschaften errichtet und folgt den Vorstellungen des „Neuen Bauens“ der 1920er Jahre. (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. Weiter geht’s in unserer Serie „Jugendstil & Co.“. In den Jahren 1910, 1911 und 1912 war in Hagen „mächtig was los“. Dabei zählte die Volmestadt seinerzeit nur 90.000 Einwohner – wobei Haspe, Vorhalle, Boele, Halden, Dahl und erst recht Hohenlimburg noch nicht dazu gehörten.

Der neue Hauptbahnhof wurde 1910 vollendet, ebenso der Goldbergtunnel, die Türme zur Erinnerung an Eugen Richter und Kaiser Friedrich III., das Stadttheater, die Villa Springmann, die Pauluskirche… – um nur einige Beispiele zu nennen.

Zudem befanden sich zahlreiche weitere Großbauten in der abschließenden Planungsphase, etwa die Stadthalle und das Landgericht. Ferner wurde im Delsterner Krematorium die erste Einäscherung vorgenommen. Auch erblickten mehrere neue Vereine das Licht der Welt, Sportclubs beispielsweise (etwa die „Spielvereinigung Hagen 1911“) oder 1912 auch der Architekten- und Ingenieurverein (AIV).

„Als Verband,“ betont der derzeitige Hagener Vorsitzende Stefan Bild, „gehen wir mit den Belangen der Architekten und Ingenieure an die Öffentlichkeit. Wir stellen Fragen, die uns bewegen. Wir vertreten unsere Interessen vor den Verantwortlichen aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Kultur. Und wir präsentieren neue Projekte.“

„Blauer Stuhl“

Ein solches neues Projekt soll als Geschenk an die Stadt Hagen und ihre Bürger anlässlich des 100-jährigen AIV-Geburtstages aus der Taufe gehoben werden. Im Arbeitstitel ist vom „blauen Stuhl“ die Rede. Es könnte aber auch ein „blauer Tisch“ oder ein „blauer Wohnwagen“ werden, sprich: die Planungen laufen noch. Letztlich verbirgt sich dahinter das Ziel, im Verlauf der nächsten Monate an ungefähr acht auserwählten Hagener „Plätzen“ – beginnend in Altenhagen – mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Start in Altenhagen

Im sogenannten Historismus ging es darum, frühere, also historische Stilrichtungen nachzuahmen. Romanik, Gotik, Renaissance, Barock... - alles war möglich. An Kirchen ebenso wie an Mietshausfassaden. Unser Foto zeigt ein typisches Beispiel aus Altenhagen. (Foto: Michael Eckhoff)

„Wir Architekten möchten mit den Bürgern vor Ort über Städtebau, Gestaltung und andere wichtige Dinge diskutieren, um daraus Anregungen für die Zukunft zu entwickeln,“ fasst AIV-Organisator Johann Dieckmann die Absicht zusammen. Festgehalten wird dieses „besondere Stadtportrait“ auf einer DVD, die pünktlich zum eigentlichen Jubiläum im Juni 2012 erscheint. Dann möchte der AIV im Kunstquartier kräftig feiern.

Der erste „blaue Stuhl“ (oder Tisch) wird am Freitag, 1. Juli, in Altenhagen am Dreiecksplatz aufgebaut. In Zusammenarbeit mit dem Hagener Heimatbund (HHB) soll es hier dann unter anderem eine Führung durchs Quartier geben, geleitet vom HHB-Vorsitzenden Jens Bergmann.

Zeitgeist

Wesentliche Teile der älteren Hagener Ortskerne – also beispielsweise die Zentren von Altenhagen und Wehringhausen – werden nach wie vor ganz wesentlich von Bauten geprägt, die hauptsächlich zwischen etwa 1870 und ungefähr 1930 entstanden sind. Architekturgeschichtlich hat man es hier mit einem Bündel verschiedener Stilrichtungen zu tun.

Um 1900 beherrschten Historismus und Jugendstil die Szene. Beim Historismus ging es darum, frühere (also historische) Stilrichtungen nachzuahmen. Besonders deutlich wird dies an den Kirchenbauten. Hierbei kam besonders die mittelalterliche Gotik zum Zuge. Die Altenhagener Josefskirche huldigt sehr deutlich diesem Zeitgeist.

Aufbruch der Jugend

Ab etwa 1895 tritt der Jugendstil neben den Historismus. Eigentlich waren die Jugendstil-Designer und -Baumeister angetreten, neue Wege zu gehen. Der Künstler Friedrich Ahlers-Hestermann, der ein bekanntes Buch über diese Entwicklung geschrieben hat, sah darin den „Aufbruch der Jugend um 1900“. Doch ab 1905/10 wurde nicht nur der Historismus, sondern ebenfalls der Jugendstil von fortschrittlicheren Baumeistern als völlig „verkitscht“ eingestuft. Nicht einmal mehr der seinerzeit in Weimar lebende und oftmals in Hagen tätige Architekt Henry van de Velde, eine Zeitlang geradezu Inbegriff des Jugendstil-Gestalters, wollte fortan noch mit dieser Stil-Art („Kringel-Kunst“) in einen Topf geworfen werden.

Insbesondere im Quartier Boeler-/Alleestraße - unser Beispiel stammt aus der Friedensstraße - lässt sich die typische Formenvielfalt der „Ära 1900“ aufs „Allerfeinste“ studieren. (Foto: Michael Eckhoff)

Stattdessen wurde die Forderung nach einem modernen, funktionalen Gestalten immer lautstärker geäußert. Diese Forderung geht einher mit der Vorstellung, dass Häuser und Gegenstände so geschaffen sein sollten, wie es der Zweck vorgibt. Ein amerikanischer Architekt, Louis Sullivan, brachte diese Idee auf einen prägnanten Satz: „Form follows function!“ Deutsch: „Die Form soll der Funktion folgen.“ Stuck-Schnörkel – wie sie etwa an den Jugendstil-Hausfassaden der „Ära 1900“ üblich waren – haben nun keinen Platz mehr. All diese Entwicklungen lassen sich in teils exemplarischer Weise in Altenhagen nachvollziehen. Jens Bergmann wird deshalb nicht müde zu betonen: „Altenhagen gehört zu den eher unterschätzten Stadtteilen.“

Aufs „Allerfeinste“

Insbesondere im Quartier Boeler-/Alleestraße lässt sich die typische Formenvielfalt der „Ära 1900“ aufs „Allerfeinste“ studieren. Löwen-Köpfe, Männer-Porträts, Schnörkel, Ranken, Türmchen, Zierfachwerk… – die Bauherren krönten ihre Fassaden mit einer Fülle an „malerischen Details“, so wie es dann um 1910 immer häufiger als „verkitscht“ eingestuft wurde. Woran sich aber das Auge eines heutigen „Nostalgie-Freunds“ enorm erfreut…

Wie eine „feste Burg“

Folgt man der Altenhagener Straße, stößt man sehr bald auf ein Bündel an spannenden Bauten, so auf die 1901/06 errichtete katholische Pfarrkirche St. Josef. Sie zeigt – wie erwähnt – die seinerzeit typischen mittelalterliche Formen. Bergmann ergänzt: „In den Hang gebaut und zur Fehrbelliner Straße hin ausgerichtet, nimmt die aufwendige Treppenanlage den Geländeanstieg auf. Die Ruhrsandstein-Quadermauern mit den schweren Eckstützen verleihen der vom Mainzer Kirchbaumeister Ludwig Becker erbauten Kirche einen burgähnlichen Charakter.“

„Neues Bauen“

Der blaue Stuhl“ des 100-jährigen Jubilars AIV gastiert zunächst im von Multi-Kulti“ geprägten Stadtteil Altenhagen. Und das wird die Diskussion am 1. Juli sicherlich viel stärker anfachen als die spannende bauhistorische Vergangenheit... (Foto: Michael Eckhoff)

Oberhalb der Kirche erblicken wir den mächtigen Baukörper der Hallenschule (jetzt Hauptschule Altenhagen). 1912/13 durch Stadtbaurat Ewald Figge verwirklicht, stellt sie ein wichtiges Bauwerk der frühen Moderne dar. „Um eine dreigeschossige zentrale Halle mit Glasdach gruppieren sich die Klassenräume. Der obere, jetzige Haupteingang ist bekrönt von zwei Sandstein-Skulpturen, die ebenso wie die Redekanzel in der Halle von der Bildhauerin Milly Steger stammen. Der spätere Erweiterungsbau zur Spichernstraße (jetzige Luise-Rehling-Realschule) nimmt Materialien und Formen der Hallenschule gekonnt auf“, weist Experte Bergmann auf bedeutsame Aspekte hin.

Schlichte Erhabenheit

Auch die Wohnanlage Rastebaum hat eine baugeschichtliche Sonderstellung in Altenhagen. Sie wurde direkt nach der Weltwirtschaftskrise (1929/30) von der gemeinnützigen Bau- und Siedlungsgenossenschaft der freien Gewerkschaften zur Behebung der Wohnungsnot errichtet. Der streng-funktionalistische Bau (man denke noch einmal an „Form follows function“) wurde einer Geländemulde angepasst.

Die schlichte Erhabenheit seiner geschwungenen Fassade wurde dadurch verstärkt, dass die Eingänge in den Innenhof verlegt waren. An der linken Gebäudeseite springt die Fassade dreimal zurück. Ein einzelner Baukörper schließt die Wohnanlage zur Boeler Straße hin ab.

Drerup-Viertel

Und unweit des Dreieckspatzes – wo der AIV ja am 1. Juli erstmals zur Diskussion laden will – entstand zum Ende des 19. Jahrhunderts das so genannte „Drerup-Viertel“, eine private Baumaßnahme des Ziegelei-Besitzers Drerup. „Leider,“ so Bergmann, „hat gerade dieser Teil von Altenhagen einen Großteil der Bombenlast des letzten Angriffs auf Hagen am 15. März 1945 aufnehmen müssen, so dass die ursprüngliche Bebauung nur noch an wenigen Stellen ablesbar ist.“

Unmittelbar an der Volme ist das höher liegende Gelände durch eine Ufermauer abgefangen. Ihre Bögen und Materialstruktur sind trotz der Betonüberbauung der 1960er Jahre noch gut zu erkennen. Die Mauer ist 550 Meter lang, bis 18 Meter hoch und am Fuß bis zu 5 Meter dick. Sie wurde als erste Mauer in Deutschland aus vor Ort gegossenen Betonsteinen errichtet – ist insofern also ebenfalls eine baugeschichtliche Besonderheit.

Heute wird Altenhagen insbesondere von seiner Multi-Kulti-Bevölkerung“ geprägt. Und das wird die Diskussion am 1. Juli sicherlich viel stärker anfachen als die bauhistorische Vergangenheit…