Attacken nehmen zu

Das Internet kann krank machen: Vor allem junge Leute leiden unter dem Mobbing, das bei SchülerVZ, Facebook oder Twitter möglich ist. Man spricht in diesem Zusammenhang inzwischen von Cybermobbing. (Foto: wk)

Hagen. (anna) Wir kennen es alle: Beim klassischen Schulmobbing wurde das Opfer vor den Augen der ganzen Klasse verprügelt, beschimpft und ausgegrenzt. Das war früher. Heute mobben Kinder und Jugendliche hingegen meist anders: Sie setzen beispielsweise hinter dem Rücken des Opfers per Handy ein Gerücht in die Welt. Betroffene werden mit der Handykamera gefilmt, oft in speziell herbeigeführten bloßstellenden oder auch gewalttätigen Situationen. Mit permanenten Belästigungen, falschen Behauptungen und entwürdigenden Bezeichnungen werden die Opfer im Internet schikaniert. Mittlerweile gibt es zu diesem Phänomen erste wissenschaftliche Untersuchungen.

Was von den Tätern oft als Scherz empfunden wird, kann für Betroffene dramatische Folgen nach sich ziehen: soziale Isolation, psychischer Druck, Stress bis hin zum Selbstmord.

Denn die Hemmschwelle, im Internet andere auszulachen und zu verhöhnen, ist gering. In der Anonymität des WWW (World Wide Web) muss ein Täter seinem Opfer nicht in die Augen blicken, eine unmittelbare Rückmeldung für das eigene Verhalten bleibt zunächst aus und in der Folge auch das Empfinden für die Verletzung der Betroffenen.

Wer sind die Opfer?

Kinder, die im virtuellen Medium gemobbt werden, waren oft vorher im wirklichen Leben schon Angriffsziel von Mobbing-Attacken. Besondere Angriffsflächen bieten Kinder und Jugendliche, die bereits wegen ihres Aussehens (zu dick, zu dünn) gehänselt werden. Wie man feststellte, sind die meisten Opfer Schüler zwischen 11 und 16 Jahren, also einem besonders schwierigen Entwicklungsalter mit hoher Empfindlichkeit für Kritik jeder Art. Oftmals finden Betroffene keine wirkliche Hilfe bei Eltern oder Lehrern, da diesen die Problematik meist unbekannt ist.

Wer sind die Täter?

Wie man feststellte, sind es mit einem etwa gleichen Anteil Jungen und Mädchen. 2009 haben in einer Studie 16 Prozent der Befragten angegeben, schon selbst einmal im Internet gemobbt zu haben. 40 Prozent empfanden dies wie einen Streich.

Die Studie zeigt auch: Nicht die stillen Außenseiter nutzen die Anonymität im Netz für Beleidigungen, sondern gut integrierte, beliebte Jugendliche.

Kinder- und Jugendpsychiater warnen vor der krank machenden Kehrseite dieses sogenannten Cybermobbings: Im Internet via SchülerVZ, Facebook oder Twitter breit getretene Streitereien und Konflikte hinterlassen vor allem junge Menschen immer öfter als gedemütigte Opfer. Am Cybermobbing ist inzwischen in Deutschland jeder fünfte Jugendliche beteiligt – sei es als Täter, als Opfer oder als so genanntes Täteropfer, das sowohl Leidtragender als auch Urheber von Online-Bloßstellungen ist.

Am Selbstwertgefühl nagen negative Online-Nachreden besonders bei jungen Mädchen – bis hin zu Selbstverletzungen und Selbstmordgedanken. Diplompädagoge Gregor Wittmann und Psychotherapeut Stefan Harnisch aus einer kinder- und jugendpsychiatrischen Fachklinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) berichten über zunehmende Fälle von Cybermobbing, dessen Krankheitswert und über Möglichkeiten, sich zu schützen.

Was macht die „dunkle Seite‘ von Cybermobbing aus?

Wittmann: Die dunkle Seite sind zum Beispiel hemmungslose Beleidigungen oder obszöne Online-Botschaften bis hin zur unverhohlenen Aufforderung, sich etwas anzutun. Die dunkle Seite ist zum Beispiel auch das Mädchen, bei dem die verzweifelte Abwehr ständiger Provokationen und Bloßstellungen aus dem Web derart eskalierte, dass es schließlich mit Polizeibegleitung zu uns in die Kinder- und Jugendpsychiatrie eingeliefert werden musste.

Was kann das World Wide Web dazu?

Harnisch: Keine Frage: Die neuen Kommunikationskanäle eröffnen neuartige soziale Kontakte sowie viele Lern- und Entfaltungsmöglichkeiten. Aber: Einmal beschritten, ist auf Plattformen wie SchülerVZ, StudiVZ oder Facebook Anonymität passé. Selbst Profis können einmal eingegebene Daten kaum mehr tilgen, der digitale Fingerabdruck bleibt. Zudem können Informationen über Personen auch ohne deren Zutun und Wissen mit wenigen Mausklicks einer großen Öffentlichkeit preis gegeben werden. Eine ideale Bühne also gerade für junge Menschen, unter denen nach unserer Beobachtung die Zurschaustellung von Streitigkeiten, verbalen Vergeltungsfeldzügen oder vermeintlich harmlosen Scherzen zugenommen hat. Unsere jungen Patienten sind fast ausnahmslos in sozialen Netzwerken wie Facebook, Online-Communities wie SchülerVZ, Instant-Messaging-Programme wie ICQ oder Microbloggings wie Twitter virtuell aktiv. Eltern, Lehrer und andere Vertrauenspersonen bleiben zumeist ahnungslos. Bei SchülerVZ bleiben alle über 21 Jahre per Altersbegrenzung ausgeschlossen.

Anmache und pubertäres Geplänkel gibt‘s doch seit jeher in jedem Klassenverband oder Semesterjahrgang. Wo ist der Unterschied?

Wittmann: In den herkömmlichen sozialen Umfeldern gibt es Sicherungen, also Regeln und Personen, die eine Kontroll- und Reglementierungsfunktion gegen Übergriffe haben. Im Internet gibt es das so nicht. Ein Grund, warum gerade jungen „Tätern“ die Folgen von Schmähungen für ihre Opfer kaum bewusst sind. So ist auch kaum Schuldbewusstsein dafür da, dass Streitigkeiten und Verbalattacken, die früher im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof blieben, sich nun zum Cybermobbing auswachsen und vom gesamten Online-Netzwerk der Betroffenen wahrgenommen werden können. Die Opfer sehen sich vor aller Welt an den Pranger gestellt. Mangelndes Selbstbewusstein verschärft die Situation. Steht erst einmal ein entwürdigendes Video im Netz, können es schnell Hunderte oder Tausende sehen – und so schnell lässt sich ein Stigma nicht wieder entfernen. Hinzu kommt die Ungewissheit der Urheberschaft. Erwachsene können bei Cyber-Mobbing gegen Kinder und Jugendliche eingreifen, indem sie die Polizei informieren, welche die Täter unter Umständen identifizieren kann. Cybermobbende Jugendliche vermuten sich in einem vermeintlich anonymen, ja quasi rechtsfreien Raum, notfalls verschleiert ein Tarnname oder ein Scheinprofil ihre wahre Identität. Indes stellen wir neuerdings einen Trend fest, ganz offen und ungehemmt beleidigende und entwürdigende Botschaften über andere Jugendliche in den jeweiligen Communities zu platzieren. Das alles begründet die neue Problemdimension, mit der wir es hier zu tun haben.

Und wie macht sich das bei den Opfern bemerkbar?

Harnisch: Seit einigen Jahren beobachten wir mit steigender Tendenz, dass Patienten in unsere Aufnahme kommen, die über Cybermobbing berichten mit tiefgreifender Störung ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Vor allem bei jungen Mädchen verstärken solche Web-Erfahrungen emotionale Probleme des Jugendalters, depressive Episoden, Stimmungsschwankungen, auch selbstverletzendes Verhalten, Ängste und sozialen Rückzug bis hin zur Desintegration. Schulversagen, Isolation und sozialer Rückzug gehen vielfach mit Drogen- oder Alkoholmissbrauch einher. Und häufig löst das Opfer mit seiner Aggressionsabfuhr, etwa mit Drohungen wiederum über das Internet, weitere eskalierende Situationen aus, wie das eingangs genannte Beispiel mit der Polizeieinschaltung zeigt.

Gibt es Abhilfe?

Wittmann: Eltern, Schulen, soziale Dienste und andere Institutionen müssen die Entwicklung unbedingt ernst nehmen und dürfen sie nicht aus Unwissenheit bagatellisieren. Es gilt Öffentlichkeit herzustellen und Aufklärung zu betreiben über das Phänomen Cybermobbing. Oftmals von Scham geplagte Jugendliche brauchen Hilfe und Stabilisierung bei der Bildung eines respektvollen und klaren Konfliktmanagements und einer ausreichenden Stresstoleranz.