Auf, nach Dahl!

Dahl. (ME) Die Jahre 1910 bis 1912 gehören – vor allem auch städtebaulich – zu den spannendsten Zeiträumen der Hagener Historie. Der neue Hauptbahnhof wird vollendet, ebenso der Goldbergtunnel, der Umbau der Springe, die Türme zur Erinnerung an Eugen Richter und Kaiser Friedrich III., das Stadttheater, die Villa Springmann, die Pauluskirche, die katholische Kirche in Vorhalle… – um nur einige Beispiele zu nennen. Zudem befinden sich zahlreiche weitere Großbauten in der abschließenden Planungsphase, etwa die Stadthalle, das Landgericht und die Hallenschulen an der Franz- und an der Friedensstraße. Ferner wird im Delsterner Krematorium die erste Einäscherung vorgenommen, in Haspe erblickt Ernst Meister das Licht der Welt, und der Museumsgründer Karl Ernst Osthaus erreicht den Höhepunkt seines Wirkens. Es gibt also viele gute Gründe, sich mit der Zeit um 1911 auseinander zu setzen. Mit Hilfe von Dias möchte die Stadtbücherei in ihrer Reihe „Hagen (w)örtlich“ am Dienstag 22. März, den Versuch unternehmen, uns diese Phase der heimischen Geschichte näher zu bringen (Stadtbücherei, Springe, 19 bis circa 21 Uhr).

Wer sich für die Geschichte und Baukunst der Ära vor hundert Jahren interessiert, wird überdies in vielen Ortsteilen Hagens fündig, so auch rund um Dahl. Eine gute Gelegenheit, einen Teil der im Volmetal vorhandenen Bauten dieser Epoche kennen zu lernen, bietet eine Wanderung über den Volmehangweg. Unterwegs werden den Wanderern mittels Tafeln bekanntlich einige Sehenswürdigkeiten erläutert (der wk berichtete mehrfach). Verfasst wurden die Texte von Michael Eckhoff und Heinz Böhm.

Landhauskolonie am Bollwerk

Interessantestes Baukunst-Objekt“ ist sicherlich die Landhauskolonie am Bollwerk hoch über Dahl. Das durch Neu- und Umbauten zwar mittlerweile stark veränderte, aber immer noch sehenswerte Villen-Ensemble zeigt Details des Spät-Jugendstils, des Heimatstils und einer moderaten Moderne. Die Bauten galten vor der hauptsächlich um 1980 erfolgten Veränderungsphase als herausragendes Beispiel einer besonderen Hagener Baukultur in enger Anlehnung an Osthaus’ Hagener Impuls.

Als erstes Landhaus entstand kurz nach 1900 das Haus des Fabrikanten Rottmann, Zum Bollwerk 23, das 1913/14 durch den seinerzeit sehr geschätzten Krefelder Architekten August Biebricher (1878-1932) in Zusammenarbeit mit dem Krefelder Maler, Holzschneider und Keramiker Peter Bertlings (1885-1982) umgebaut wurde. Nach seiner Ausbildung in Gießen und Darmstadt arbeitete Biebricher 1905 zunächst bei Peter Behrens in Düsseldorf und anschließend in Krefeld, wo er sich zu einem der wichtigsten Baumeister der frühen Moderne und der 1920er Jahre entwickelte.

Biebricher war unter anderem im Deutschen Werkbund aktiv, wo er auch auf August Keydel stieß, der, anfangs noch als Mitarbeiter des Hagener Architekturbüros Keßler, die Landhäuser Zum Bollwerk 20 (1911), Zum Bollwerk 21 (1912) und Am Horseney 11 (1912) entwarf. Das Haus Am Horseney 7 (1912) stammt hingegen von Heinrich Köhling. Als sechstes Landhaus gehört außerdem noch Am Horseney 3, Architekt: Georg Quehl, 1926, zum Bollwerk-Ensemble. Keydel gehörte in den 1920er Jahren zu den gefragtesten Hagener Baumeisters – unter anderem errichtete er zahlreiche Villen, so auch die Villa Bechem an der Feithstraße, die heute Sitz des Rektors der Fernuniversität ist.

Klinik Ambrock

Um 1900 gehörte die Tuberkulose (TBC) zu den schlimmsten Krankheiten, weshalb vielerorts „Volksheilstätten“ entstanden. In Hagen gab es ab 1897 entsprechende Bemühungen. Der „Märkische Volksheilstätten-Verband“ favorisierte den Bau einer Klinik in Ambrock („bestgeeignet“). Ermöglicht wurde der Gelände-Ankauf durch eine Stiftung des Fabrikanten Ribbert. Die Bauarbeiten starteten 1902 (Architekten Picht/Düchting; erhalten von den Ursprungsbauten: Direktorenvilla und Maschinenhaus). Das heutige Gesicht stammt vorwiegend aus den Jahren 1927/28, 1965, 1991/94. Von 1917 bis 1993 betrieb die Landesversicherungsanstalt die Klinik; seitdem wird sie privat geführt (als Akut-Krankenhaus für Pneumologie und Klinik für Neurologie).

Unterhalb der Klinik: Der “Hof Ambrock“ – er gilt als einer der ältesten Wohnplätze Hagens. Weil der Hohenlimburger Textilfabrikant Ribbert (gestorben 1922) den Kauf des gesamten Ambrocker Anwesens für die Errichtung einer „Lungenheilstätte“ (1903) ermöglicht hatte, wurde der Hof zur Erinnerung an den Stifter in „Ribberthof“ umbenannt. Kleine Randnotiz: Am Hof entstand 1903 ein großer Stall für 25 Kühe, um die TBC-Kranken in der Klinik stets mit frischer Milch versorgen zu können.