Behörde verweigert kranker Frau die Wohnung

Hagen. (san) „Wohnung gesucht: Maximal 45 Quadratmeter, ebenerdig, zentrale Verkehrsanbindung und nahe Einkaufsmöglichkeiten, nicht in einer Straße mit Steigung und keinen Cent teurer als 190 Euro kalt – das finden Sie mal in Hagen!“ Sonja Böttcher weiß, dass das Hagener Job-Center hier Unmögliches verlangt. Und weil es das tut, sitzt die schwerbeschädigte Frau noch immer im 5. Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl.

Sonja Böttcher wohnt in einer kleinen Mansardenwohnung in der 5. Etage, die sie mit ihrer Schwerbeschädigung nur noch selten verlassen kann. Eine neue Wohnung wird ihr indes verweigert. (Foto: Schievelbusch)

Exakt 88 Stufen hat die 52-Jährige bis in ihre Wohnung zu erklimmen – und das mit dem frisch operierten künstlichen Hüftgelenk. Die Ärzte in Krankenhaus und Reha gaben ihrer Patientin klar zu verstehen, dass sie mit ihrem Handycap zukünftig dringend eine Parterre-Wohnung brauche. Zumal Anfang des kommenden Jahres die Folge-OP auf der anderen Hüftseite ansteht. Doch da konnte die Hartz-IV-Bezieherin schon von ihren Querelen mit den Ämtern berichten.

Unglücklicher Neuanfang

Sonja Böttcher ist gelernte Hebamme und ging 2006 auf ein Angebot in England ein, da die berufliche Situation hierzulande alles andere als rosig aussah: Schließung von gynäkologischen Stationen, sinkende Geburtenzahlen usw. In 2009 kehrte sie allerdings zurück in die Heimat, weil ihre mittlerweile betagte Mutter ernsthaft erkrankte. Vorübergehend quartierte sie sich bei der Mutter ein. Doch dann galt es, sowohl eine neue Anstellung als auch eine eigene Wohnung zu finden. Das mit der Arbeit fruchtete bisher nicht. Da die Verhältnisse in der kleinen Wohnung der Mutter auf Dauer zu beengend wurden, nahm sich Sonja Böttcher kurzerhand eine kleine Mansardenwohnung in Wehringhausen – unter der Einzelpersonen mit Hartz IV zustehenden Fläche von 45 Quadratmetern.

Bereits vor 20 Jahren brachte die Hebamme eine größere Hüftoperation hinter sich, notwendig durch eine angeborene Dysplasie (das ist eine Hüft-Fehlbildung). Damals prognostizierte der behandelnde Arzt, dass sie damit rund 15 Jahre Ruhe haben würde, bevor wieder gesundheitliche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Rechtzeitig vor der nun anstehenden Operation suchte sie nach der passenden Parterre-Wohnung und wurde auch bereits im vergangenen August fündig. Zwar nicht gerade das Gelbe vom Ei, „aber finden Sie mal eine Wohnung, die den mir auferlegten Amts-Vorschriften genügt“, erzählt die Angeschlagene von ihrer beschwerlichen Suche.

Verweigert!

Die gefundene Wohnung hat aber nun 49 Quadratmeter! Dazu sagt das Job-Center rigoros „Nein!“. Nicht nur, weil vier Quadratmeter zu viel sind, die Wohnung liege auch noch an einer Straße mit Steigung und die Verkehrsanbindung sei nicht nah genug.

Aber mehr gibt der Wohnungsmarkt für Sonja Böttcher kaum her. So sieht es wohl auch die Richterin vom Dortmunder Sozialgericht, die sich selbst einen Überblick über die Marktlage in der Volmestadt verschafft hat. Am Gericht ist nämlich längst eine Klage anhängig. Dabei geht es um den sogenannten Ermessensspielraum. Bis zu 47 Quadratmeter dürfen bewilligt werden, je nach Gesundheitszustand hat das Landessozialgericht sogar schon bis zu 50 Quadratmeter erlaubt. Auf einen Kompromissvorschlag seitens des Gerichts will sich das Hagener Amt jedoch nicht einlassen.

„Ein absoluter Skandal ist es aber, dass Frau Böttcher der ihr in ihrer jetzigen Wohnsituation zustehende Sonderbedarf in Form einer Einkaufshilfe verweigert wurde. Erst nach einem stattgegebenen Widerspruch – gute zwei Monate nach Antragstellung – kann sie nun Hilfe beziehen,“ kann Sonja Böttchers Rechtsanwältin das Verhalten der Ämter nicht verstehen. Dafür wollte man nun Rechnungen über den im Verfahren verstrichenen Zeitraum sehen. „Wer sollte denn ohne Bewilligung in Vorleistung getreten sein?“ wundert sich die Fachfrau über die Gedankenlosigkeit der Sachbearbeiter.

„Vom Amt weg“

Sonja Böttcher ist sich nicht sicher, ob sie nach der noch folgenden zweiten Operation je wieder als Hebamme tätig sein kann. „Aber selbst, wenn ich nur eine Dauernachtwache mache, bis zur Rente möchte ich gerne Arbeit haben. Ich will bloß von diesem Amt weg!“ Dass die Hebamme trotz jahrzehntelanger Arbeit nun eine solche „vor allem menschlich so resepktlose Behandlung“ erfahre, dass mache ihr erheblich zu schaffen.

„In Hagen gibt es eine derartig geforderte Wohnung nicht – sollen die zuständigen Sachbearbeiter doch einmal selbst danach suchen,“ so ihr Rechtsbeistand. Wenn sich nicht bald eine Lösung abzeichnet, wird Sonja Böttcher wohl auch nach der nächsten OP quälende 88 Stufen vor sich haben…