Berlins berühmte „Pferde“ an der Ruhr?

Von Tanja Münch

Hagen/Herdecke. „Die Pferde vom Brandenburger Tor sind schon mal durch Hagen und Herdecke gekommen!“ Mir schien, der Bekannte, mit dem ich im vergangenen Jahr auf der Herdecker Maiwoche plauderte, wollte mich mit meinem Lokalpatriotismus auf den Arm nehmen. Aber er meinte es ernst – er erzählte von seinem Herdecker Elternhaus (Hauptstraße 72) und dessen langer Geschichte und seinem dadurch geweckten Interesse für die heimische Vergangenheit. Und so habe er ein Buch entdeckt, in dem erwähnt wurde, dass die Skulptur durch die Grafschaft Mark transportiert wurde.

Tanja Münch, Mit-Autorin des Herdecker Geschichtsbuches „Angeklickt“, erzählt im wochenkurier, warum die berühmte Quadriga vom Brandenburger Tor (Berlin) einst durch Hagen kam. (Foto: wochenkurier)
Tanja Münch, Mit-Autorin des Herdecker Geschichtsbuches „Angeklickt“, erzählt im wochenkurier, warum die berühmte Quadriga vom Brandenburger Tor (Berlin) einst durch Hagen kam. (Foto: wochenkurier)

In dem Moment fing die Band auf dem Stadtfest an zu spielen und ich verstand kaum noch, was mir mein Bekannter erzählte. Irgendetwas von Napoleon und von der Quadriga, die zurückgebracht wurde, und dass der Transportweg genau an dieser Stelle (wir standen am Viehmarktbrunnen) durch Herdecke führte. Die Quadriga? Also das „Pferde-Monstrum“ vom Brandenburger Tor in Berlin?

Von Napoleon I. entführt

Am nächsten Tag stöberte ich im Internet. Ich musste nicht lange suchen, um zu erfahren, dass die Quadriga nach der Niederlage des Preußischen Königreiches im Jahre 1806 von Kaiser Napoleon I. entführt und nach Paris geschafft wurde. Hierfür wurde sie in zwölf Kisten verpackt und am 21. Dezember 1806 auf dem Wasserweg nach Hamburg gebracht. Weiter ging es über die Nordsee auf den Rhein und anschließend über die französischen Kanäle bis nach Paris. Nach fünf Monaten war sie dann an ihrem Ziel angekommen. Am 17. Mai 1807 hieß es in der Pariser Presse: „In dem Hafen St. Nicolas sind 80 bis 100 große Verschläge angekommen, welche die Antiquitäten von Berlin und Potsdam wie auch den Wagen enthalten, den man auf dem Brandenburger Thore zu Berlin bewunderte…“

Ein Transport über die Wasserwege war wahrscheinlich der sicherste Weg, die geraubten Kunstschätze nach Frankreich zu schaffen. Wie aber sollte die geflügelte Siegesgöttin mit dem Streitwagen dann durch Hagen und Herdecke gekommen sein? Ich forschte weiter. Dabei verwirrten mich die unterschiedlichen Bezeichnungen der Wagenlenkerin: Mal soll sie die griechische Friedensgöttin Eirene sein, dann die Siegesgöttin Nike, wieder andere nennen sie Viktoria…

Vogelscheuche mit „Laterne“

Das Brandenburger Tor wurde ursprünglich als „Friedenstor“ errichtet und sollte ein altes Stadttor an der Verbindungsstraße zwischen den Schlössern Berlin und Charlottenburg ersetzen. Für den Bau nahm der Architekt Carl Gotthard Langhans das Eingangstor der Athener Akropolis zum Vorbild. Am 6. August 1791 wurde es sang- und klanglos geöffnet, denn der preußische König Friedrich Wilhelm II. wollte nicht extra aus Sachsen zu einer Einweihungsfeier nach Berlin kommen. Die zahlreichen Reliefs und Skulpturen waren zu dem Zeitpunkt auch noch nicht vorhanden. Erst drei Jahre später wurde die bekannte „Quadriga“ von dem Bildhauer Johann Gottfried Schadow entworfen und von dem Kupferschmied Emanuel Jury aus Kupfer erschaffen. Das Kunstwerk zeigt eine göttliche Wagenlenkerin, die ein von vier Pferden gezogenes Gespann (Quadriga) in die Stadt hineinlenkt und dabei nach Osten in Richtung Stadtschloss blickt.

Obwohl im Werkvertrag von 1789 immer von einer „Siegesgöttin“ die Rede war, erschuf Schadow ein Abbild der griechischen Friedensgöttin Eirene mit leicht verhülltem Körper. Der Künstler musste nachbessern und sollte der Friedensgöttin ein „Tropaion“ – das ist die Trophäe der Siegesgöttin Nike – in die Hand drücken.

In der Bevölkerung stieß diese Veränderung auf heftige Kritik und die Berliner spotteten: „Die Göttin hat zur Nacht gleich eine Laterne dabei“ und „sie vertreibt die Vögel vom Tor mit ihrer Vogelscheuche“. Zudem erregte der „nackte Kutscher da oben“ das Missfallen aller züchtigen Berliner. Daraufhin „besserte“ Schadow ein weiteres Mal nach und ersetzte das Tropaion durch eine Lanze mit Lorbeerkranz und römischem Adler. Außerdem erhielt die knapp bekleidete Wagenlenkerin ein bis auf den Boden reichendes Gewand.

Im Januar 1795 war sie nun endlich fertig – unvergoldet –, denn aus Sparsamkeit hatte Friedrich Wilhelm II. die Vergoldung abgelehnt…

Wie es mit der Skulptur weiterging, wie es zum Kunstraub im Namen des Kaisers kam und warum die Quadriga dann auch nach Hagen gelangte, erzählt Tanja Münch den Lesern in den nächsten Folgen unserer kleinen Serie „Die Rückkehr der Quadriga“.