Clara (8) und ihre wundersame Heilung

von Olaf Somborn

Hagen. Frank Menken, rühriger Basketball-Jugendwart bei der BG Hagen, steht unlängst bei uns in der Redaktion und erzählt: „Bei meinen U10-Mädchen spielt eine Achtjährige ohne Probleme Basketball – mit Fußprothesen!“ Wie geht das? Ein paar Tage später stehen wir in der „Otto-Densch-Halle“ in Eilpe, um Clara Bardohl beim Training zu beobachten…

Geringfügig

Zusammen mit der BG-U12-Mannschaft von Aaron Bowser trainieren die U10-Basketballerinnen von Frank Menken an diesem Tag. Wir halten Ausschau nach Clara, können unter den wild durcheinander laufenden Kindern aber keine „Behinderte“ erkennen. Mutter Christina begrüßt uns lachend und erklärt uns – ob unserer suchenden Blicke: „Wir waren nach dem ersten Probetraining ebenso erstaunt. Frank Menken fragte sogleich, ob wir Clara nicht anmelden wollten. Erst auf meine Frage, ob ihm bewusst sei, dass Clara Prothesen trage, fiel ihm nachträglich auf, dass Clara ab und an etwas anders laufe als die anderen Kinder. Aber das sei überhaupt kein Hinderungsgrund.“

Auch dem wk-Reporter fällt Claras  – geringfügig anderer – Bewegungsablauf erst nach näherem Hingucken auf. Ansonsten spielt, dribbelt und wirft sie genau wie die anderen Kinder. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass die Achtjährige die Füße oberhalb des Knöchels amputiert hat und mit Prothesen spielt.

Tolles Umfeld

Die anderen Mädchen in ihrer Mannschaft gehen dabei völlig natürlich mit Clara um, schauen eher mal interessiert, wenn Clara zum Duschen extra andere Prothesen anzieht. Auch der Trainerstab, die anderen Eltern und das Umfeld bei der BG Hagen gehen völlig unkompliziert mit dieser Situation um. Claras selbst betreibt ihr sportliches Engagement mit unfassbarem Willen und Energie. Unterstützt wird sie dabei von ihrem tollen Bruder Lukas, der bei der BG in der U12 spielt und beim Training schon mal „ein Auge auf seine Schwester wirft“.

Wir wollen Näheres wissen und so haben wir uns mit der Familie Bardohl verabredet – mit den Eltern Christina und Mark und ihren Kindern Clara und Lukas (10). Während des Kaffeetrinkens kommt man in diesem glücklichen Haushalt nicht einen Moment auf die Idee, dass diese Familie eine überaus schwere Zeit hinter sich gebracht hat. Bis zu dem Moment, als die Eltern anfangen, uns ihre Geschichte zu erzählen:

Banges Warten

„Clara war Anfang des Jahres 2010 über Wochen hinaus immer kränklich, war blass, hatte ständig Schnupfen. Wir gingen mehrfach mit ihr zum Kinderarzt und fragten ihn schließlich nach einer Blutuntersuchung. Der Arzt verneinte und bemerkte, dass sei bei Kindergartenkindern ganz normal.“ An den Ostertagen geht es Clara so schlecht, dass ihre Eltern mit ihr in die Kinderklinik des Allgemeinen Krankenhaus fahren. Dort diagnostiziert man eine beidseitige Lungenentzündung. Es werden Blutuntersuchungen gemacht. Mitten in der Nacht wird die Mutter mit dem Kind nochmals geweckt für weitere Blutabnahmen, da die vorherigen Werte so schlecht seien.

Die Ärzte untersuchen die Beine nach Blutergüssen. Christina Bardohl, genau wie ihr Mann Mark bei einer Krankenkasse tätig, wird hellhörig. Auf ihre gezielte Frage, ob die Ärzte Leukämie vermuten, wird zunächst ausweichend geantwortet, aber schon sofort am nächsten Tag übernimmt Kinderklinik-Chefarzt Dr. Koch selbst die Untersuchungen. Über eine Woche bleibt man im AKH, zunächst muss die Lungenentzündung behandelt werden. Da selbst der anerkannte Kinderspezialist sich noch nicht auf eine Leukämie festlegen kann, wird man zunächst für eine Woche nach Hause entlassen.

„Typische kleine rote Pünktchen“ auf der Haut lassen den Kinderarzt jedoch Schlimmeres befürchten, es folgt eine weitere Blutuntersuchung. Kaum wieder zu Hause, erfolgt der Anruf aus dem AKH mit der schrecklichen Gewissheit: Clara ist eines von ca. 600 Kindern pro Jahr in Deutschland, die an Leukämie erkranken. Der erfahrene Kinderarzt Dr. Koch hatte bereits alles vorbereitet und in der Kinder-Krebsklinik in Düsseldorf angerufen. Christina Bardohl reagiert sofort, bringt Lukas zu den Großeltern und fährt selbst mit ihrer kleinen Tochter mit dem Taxi nach Düsseldorf.

Beginn der Leidensgeschichte

Der Leidensweg der Familie Bardohl, besonders der von Clara, beginnt. In der Düsseldorfer Klinik wird man von der Oberärztin empfangen, „alles läuft hoch professionell ab“, so Vater Mark“. Es beginnen sofort weitere Untersuchungen, klar ist aber schon jetzt, dass – durch die bei einer Leukämie typischen „Explosion der weißen Blutkörperchen“ – ein absolutes „Hochrisiko“ besteht. Der standardisierte Behandlungsplan tritt in Kraft. Der bevorstehende grausame Alltag eines Leukämie-Kindes wird den Bardohls durch die vielen anderen – teilweise ohne Haare – anwesenden Kindern sofort gnadenlos bewusst.

„Gemeinsam!“

„Wir hatten von vornherein ein Motto: Das ziehen wir gemeinsam durch!“ so Mark Bardohl. Wir sind immer ganz offen und offensiv mit der Krankheit umgegangen, es war ja nur eine Frage der Zeit, bis auch Clara ihre Haare verlieren würde und dies jeder sieht.“ Man organisiert und strukturiert sich völlig neu: Christina Bardohl kann nicht mehr arbeiten, verbringt ab jetzt die meiste Zeit bei ihrer Tochter in der Klinik, Mark geht weiter seinem Beruf nach, Sohn Lukas lebt teilweise für lange Zeit bei den Großeltern in Paderborn.

Das Umfeld der Familie ist schockiert, alle, Familie und Freunde, versuchen zu helfen. Ein Mensch greift der Familie Bardohl dabei ganz besonders unter die Arme: Nachbarin Laura Mummer, seit langem überzeugte, gläubige Christin, führt in den Anfängen besonders Christina, später aber die ganze Familie zum Glauben.

Kein normales Leben

Zunächst aber „toppt“ das kommende Jahr jetzt alles, was für die Delsterner bisher vorstellbar war: Man pendelt ständig zwischen Düsseldorf und Hagen hin und her, es ist kein normales Familienleben mehr möglich, alle leiden, die Eltern, Großeltern, der größere Bruder, besonders natürlich Clara.

Bei Clara laufen die beiden ersten „Chemos“ normal, schlagen sofort positiv an, die bösartigen Zellen sind ganz schnell weg. Allerdings müsste diese Prozedur noch lange fortgesetzt werden, es wird aber schnell klar, dass sie die Therapie überhaupt nicht verträgt. Clara geht es immer schlechter, sie braucht ständig Blutkonserven. Über einen permanenten „Broviac-Katheter“ erhält sie die notwendigen Infusionen, doch es bilden sich Streptokokken, Clara muss Anfang Juni 2010 wieder in die Klinik. Der Katheter wird gespült, stillgelegt, Clara geht es immer schlechter, sie bekommt Sauerstoffprobleme, muss nachts auf die Intensivstation, die direkt über der Kinderstation liegt. „Allein der Transport zwischen diesen beiden Stationen war höchst gefährlich“ so Mark, „laut Angaben der Ärzte hätte sie einen größeren und längeren Transport nicht mehr überlebt,weil sie zu schwach war.“

Akute Lebensgefahr

Clara muss aufgrund einer akuten Blutvergiftung ins künstliche Koma gelegt werden, ihre Lungen fallen zusammen, es besteht absolute Lebensgefahr. Die Oberärzte versichern den verzweifelten Eltern, alles Menschenmögliche zu tun, was in ihrer Macht steht. Die nächsten Stunden und Tage würden entscheiden, ob Clara überlebt. Wie so oft in diesen Wochen erscheint auch Nachbarin Laura Mummer wieder im Krankenhaus, bringt sogar Verstärkung von weiteren Freundinnen mit, alle zusammen beten intensivst für Clara.

„Laura hat mich immer wieder mit Bibelpassagen versorgt, die mir Kraft gegeben haben“, so Christina Bardohl, „ich weiß nicht, wie ich ohne sie und vor allem ohne Gott diese Zeit durchgestanden hätte.“ Die Ärzte kämpfen, Clara kämpft, die Eltern beten.

Amputation der Füße

Und Clara schafft es, sie überlebt, die Chemotherapie kann und muss fortgesetzt werden, aber leider mit Folgen, die zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar waren…

Ausgelöst durch die Blutvergiftung, schwellen die Füße an, werden nicht mehr richtig durchblutet. Sie erhält Physiotherapie, man versucht mit den Beinen zu arbeiten, aber die Füße werden dunkler, die Schmerzen immer größer, Clara bekommt Morphium. Kaum wieder zuhause, werden die Schmerzen so unerträglich, das man noch in der Nacht zurück in die Klinik nach Düsseldorf fährt. Am nächsten Morgen sind die Füße schwarz, quasi verbrannt durch die letzte Chemo, die sie – obwohl sehr niedrig und sorgsam dosiert – auch nicht vertragen hat.

Ende August 2010 müssen die Füße oberhalb des Knöchels amputiert werden. Die Entzündungswerte im Körper, die vorher immens hoch waren, sinken schlagartig, Clara bekommt noch in der Klinik Prothesen gefertigt, unternimmt die ersten Schritte mit den künstlichen Füßen. Am 8. September 2010  wird Clara vier Jahre alt. Wieder zuhause geht die Familie mit ihr sofort wieder in die Öffentlichkeit, ohne Haare, ohne Füße. Clara lernt von vornherein mit der Situation umzugehen. Doch Ende 2010 geht es Clara dann plötzlich wieder schlechter. Sie ist blass, isst kaum etwas, wiegt nur noch 13 Kilo, der Körper ist von den ganzen Medikamenten so geschwächt und angegriffen, dass ihre Eltern wieder mit ihr nach Düsseldorf fahren müssen. „Dort wurde sie dann mit den entsprechenden Mitteln aufgepäppelt“, erzählt ihre Mutter.

Zwei Kinder, die mit großer Leidenschaft bei der BG in Eilpe auf Korbjagd gehen: Clara Bardohl und ihr „großer“ Bruder, der zehnjährige Lukas. (Foto: Olaf Somborn)
Zwei Kinder, die mit großer Leidenschaft bei der BG in Eilpe auf Korbjagd gehen: Clara Bardohl und ihr „großer“ Bruder, der zehnjährige Lukas. (Foto: Olaf Somborn)

Wunderbare Heilung

Wie durch ein Wunder erholt sich Clara danach dermaßen, dass sie bis heute überhaupt keine Probleme mehr hat, keinen einzigen stationären Aufenthalt mehr hatte. Weitere Chemotherapien lehnen die Eltern ab, da kein Arzt sagen kann, wie Clara diese vertragen würde. Ihre Tochter fängt 2011 mit Tanzen und Schwimmen an, 2012 dann mit Basketball. „Der Chefarzt der Düsseldorfer Klinik konnte sich die wunderbare Heilung nicht erklären, seiner Meinung nach „dürfte“ Clara nach medizinischen Maßstäben gar nicht mehr am Leben sein.

Alle Statistiken, alles was gewesen ist, so der Mediziner, spräche dagegen, dass dieses Kind nach wie vor lebt. Auch, dass sie weder organische noch mentale Schäden davon getragen habe, sei, erzählt Christina Bardohl, „nach Ansicht des Mediziners unerklärlich“. Für die dankbare Mutter ist der Fall klar: „Gott hat meine Tochter geheilt, davon bin ich nach all den Geschehnissen und unseren Gebeten fest überzeugt.“

Während Lukas im Hintergrund spielt und Vater Mark sich nach der langen Erzählung erleichtert zurückfallen lässt, zeigt uns Christina glücklich einen Wandanhänger, auf dem die Worte Jesu Christi stehen, die in der Bibel in Johannes 14, Vers 19 zu lesen sind: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ – „Das“, so Christina Bardohl, „ist für mich die Bestätigung, dass meine Tochter geheilt ist!“ Es könnte wohl kaum ein schöneres, wahres Bekenntnis geben zum Sohn Gottes, dessen Geburt wir am morgigen Heiligabend feiern…