„Das ist nicht mein Mist“

Hagen. (Red.) In Mengen werden sie in diesen Monaten in Hagen gesichtet, die seltsamen Beweisstücke im Altpapier. Mal ist es Plastikfolie, mal eine Keramikschüssel, mal Blümchentapete, mal ein Blumentopf oder Tetra-Packs. Müllfrevel eben. Unzählige Bürgerinnen und Bürger haben kürzlich Post von der Stadt bekommen mit der Aufforderung, ein Verwarngeld zu zahlen. Sie sollen im Mai und Juni dieses Jahres die Fremdkörper in Papiercontainern entsorgt haben. Nur: Niemand der Beschuldigten erkennt die Gegenstände, die er oder sie im Altpapier deponiert haben soll.

Als „Beweismittel“ dienten der Stadt Fotos, die einerseits einen Menschen am Container zeigen und andererseits die Großaufnahme des „Fehlwurfs“ im Altpapier. Eine Verbindung zwischen Müll und Mensch? Fehlanzeige.

„Wurde hier manipuliert?“, fragte deshalb der wochenkurier in seiner Ausgabe von vergangenem Samstag (16. November 2013). Das Ergebnis: Die Telefone standen nicht mehr still, die elektronischen Postfächer quollen über, Betroffene gaben sich die Klinke in die Hand. Die Empörung war groß. „Die Stadt mauschelt“, „hier wird nur noch getrickst“, „alles Abzocke“ – das sind nur drei von vielen Vorwürfen.

Alles mit rechten Dingen

Auf Anfrage erklärt ein Pressesprecher der Stadt Hagen, dass es bei der Müllkontrolle sehr wohl mit rechten Dingen zugehe. 1.040 Bußgeldbescheide für das Fehlverhalten am Container seien bis dato von der Ordnungsbehörde verschickt worden. Ein Drittel der Verfahren seien bereits aus unterschiedlichen Gründen eingestellt worden. 100 Fälle seien noch gar nicht bearbeitet und würden demnächst erst verschickt. Ohne Zweifel sei, dass der Mülldetektiv seine Arbeit gewissenhaft und akribisch mache: Zuerst machte er ein Foto vom Inhalt des Containers. Wenn dann eine Person sich ihres Papiermülls entledige, würde sie fotografiert, wenn sie den Container verlässt. Ebenso das Autokennzeichen. Dann lichte der Detektiv den Container erneut ab und könne so sehen, was genau die Person entsorgt habe, erklärt der Pressesprecher. Diese Art der Dokumentation hielte auch vor jedem Gericht stand. Fälle, in denen falscher Müll von Fußgängern entsorgt würde, könnten allerdings nicht verfolgt werden.

Betroffene, die sich über den Bußgeldbescheid von meistens 10 Euro beschwerten, hätten die Möglichkeit, ihre Fotos anzuschauen. Auch würde bei jeder Beschwerde der Mülldetektiv erneut zu dem Fall befragt. Er erinnerte sich meistens genau an die Müllsünder, da er über ein fotografisches Gedächtnis verfüge, heißt es von der Stadt.

Die Menschen schrien immer, die Stadt müsse sauberer werden. Jetzt würde konkret etwas getan und das Gemecker sei groß, so der Pressesprecher. Im Übrigen hätten die meisten „Erwischten“ ihr Bußgeld bereits bezahlt, nur wenige hätten mit einem Anwalt gedroht.

Boden für Missbrauch

„Ich unterstelle der Stadt keine Betrugsabsichten“, sagt Wolfgang Christopeit. „Allerdings wird hier der Boden für Missbrauch geebnet.“ Es sei ehrenwert, dass die Stadt einen Müll-Detektiv beschäftige. Aber: Die Nachforschungen würden „äußerst unprofessionell“ betrieben. Seine Kritik hat Gewicht: Bis zu seiner kürzlichen Pensionierung war der Hagener Vermessungsingenieur in leitender Funktion beim Abfallentsorgungsbetrieb Märkischer Kreis beschäftigt. Ein Fachmann in Sachen Müll also. Doch genau dieser Fachmann hat kürzlich auch eine Zahlungsaufforderung in Höhe von 35 Euro bekommen. Er soll Plastikfolie in einem Emster Papiercontainer entsorgt haben. Die Beweise: Fotos. Wolfgang Christopeit (ohne Plastikfolie) am Container, sein Auto ist auch zu sehen. Außerdem eine Großaufnahme: Plastikfolie im Container.

Der Abfallentsorgungs-Experte ist hin- und hergerissen zwischen Lachen und tiefem Ärger. Er fragt sich: Aus welchem Grund sollte er Plastikfolie durch die Stadt kutschieren, wenn er sie einfach mit gelbem Sack vor der eigenen Haustür entsorgen kann? Und weiter: „Kontrolle ist wichtig.“ Gerade in der Abfallwirtschaft können durch falsche Einwürfe in die Container hohe Kosten entstehen. Aber: „Wer kontrolliert die Kontrolleure?“

„Niemand“, glaubt Andreas Konopka. Auch er soll Kunststoffmüll im Altpapier entsorgt haben. Er wollte der Sache im Umweltamt auf den Grund gehen. Ihm wurden die Fotos gezeigt. „Was soll das denn für ein Beweis sein?“ fragte sich Andreas Konopka und zahlte nicht. Aus zehn Euro Verwarngeld wurde ein Bußgeld in Höhe von 33 Euro. Andreas Konopka zögerte: Sollte er vor Gericht ziehen wegen dieser immer noch kleinen Summe? Nein. Er zahlte – unter Protest. „Erpressung – armes Deutschland“ hat er auf dem Überweisungsträger vermerkt.

Einige der Beschuldigten haben das Verwarngeld von 10 oder 35 Euro bezahlt, obwohl sie sich ihres Vergehens nicht bewusst sind, aus Angst vor einer noch größeren Summe. Viele wollen jetzt einen Anwalt bemühen, sagen sie, und gegen die Forderung der Stadt klagen, denn nicht einem Angeschriebenen kann der vorgeworfene Müllfrevel wirklich nachgewiesen werden.

Blümchen und Spielzeugbagger

Eine 70-Jährige soll am Pfingstmontag Blümchentapete im Papiercontainer entsorgt haben. 35 Euro will die Stadt dafür kassieren. „Ich habe im Leben noch keine Blümchentapete besessen“, schwört die alte, gehbehinderte Dame, die von einer Zahlung erst einmal absehen will. Die Umverpackung eines Spielzeugbaggers soll Familie Dodt aus Wehringhausen fälschlicherweise im Papiercontainer entsorgt haben. Nur: Sie hat nie einen Spielzeugbagger gekauft.

Die Verpackung einer Kaffee-Marke, die Familie Will noch nie getrunken hat, wurde ihr mit 35 Euro zum Verhängnis. Plastiktüten waren es bei Familie Kowalski aus Vorhalle, die sie in Eilpe entsorgt haben sollen, obwohl sie dort nur ihr Altglas entsorgten. Familie Narbeit soll in Altenhagen Plastik und Tetra-Packs ins Papier geworfen haben und soll 64 Euro bezahlen. Diese Liste könnte endlos fortgesetzt werden – denn es waren viele, viele Hagenerinnen und Hagener, die plötzlich feststellten, dass sie gar nicht allein dastehen mit dem Knöllchen vom Umweltamt…