Der Hagener Hans Hoesch und die große Liebe zur „Alten Musik“

In der Schwerter Straße 241 befand sich der Musiksaal von Hans E. Hoesch mit 300 Plätzen. (Foto: privat)

Hagen. (anna) „Alte Musik“: damit ist alle Musik vor 1750 gemeint (Todesjahr Johann Sebastian Bachs). Dass „Alte Musik“ – etwa die von Händel – heute weltumspannend fasziniert, ist großenteils dem Hagener Papierfabrikanten Hans Eberhard Hoesch und seinen musikalischen Mitstreitern zu verdanken. Seine Bemühungen zur Wiederbelebung alter Instrumente, die Installierung der Kabeler Kammermusik und die direkte Fortführung seiner Initiative durch die Capella Coloniensis beim WDR (weltweit erstes professionelles Orchester für „Alte Musik“) waren zukunftsweisend.

Der Papierfabrikant Hans Eberhard Hoesch spezialisierte sich auf „Alte Musik“ und den Nachbau historischer Instrumente. Als Mäzen zog er Musiker nach Hagen, die später hochbedeutend für die Alte-Musik-Bewegung in Deutschland wurden. (Foto: privat 1952)

Nikolaus de Palézieux, Sohn eines angenommenen Kindes, hat die Entwicklung der Alte-Musik-Bewegung und das Leben Hoesch’ in dem Buch „Pionier der Alten Musik – Hans Eberhard Hoesch und die Kabeler Kammermusik“ festgehalten. Ein Buch für Freunde und Kenner der Alten Musik, die einen neuen Blick auf die Anfänge werfen möchten. Auf 155 Seiten schildert de Palézieux, wie der Hagener Fabrikant Wegweisendes schuf. Der Instrumenten- und Notensammler Hoesch scharte ab 1927 Musiker um sich, die unter seiner Federführung auf Originalinstrumenten von Stradivari, Amati, Guadagnini und bald auch auf Nachbauten spielten – was damals einer Sensation gleichkam.

Die Verdienste, die sich Hoesch als begeisterter Alte-Musik-Liebhaber, als passionierter Sammler, Förderer und Mäzen um die Wiederbelebung des Musizierens auf historischen Instrumenten erwarb, können deshalb kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Hans E. Hoesch

Der 1891 geborene Hans E. Hoesch, Sohn des Papierfabrikanten Emil Hoesch und seiner Frau Ella geb. May, erhielt mit 18 Jahren von seiner Großmutter eine Stradivari geschenkt. Er wurde Schüler von Bram Eldering aus Köln, der ein weltberühmtes Streichquartett leitete, das unter anderem mit Brahms zusammen gearbeitet hatte.

Die Familie Hoesch gehörte dem Umkreis des Hagener Mäzens Karl Ernst Osthaus an. 1919 übernahm Hans Hoesch die elterliche Papierfabrik als technischer Leiter. Nach dem Abitur hatte er zuvor zwei Jahre auf einer Farm im damaligen Deutsch-Südwestafrika volontiert. Dann nahm er als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1927 wurde er Vorstandsmitglied der gerade neu geschaffenen „Papierfabrik Kabel Aktiengesellschaft“.

1928 starb sein Vater. Zu dieser Zeit war die Fabrik an der Lenne durch neue Maschinen zu einem der leistungsfähigsten Papierwerke Deutschlands geworden. Das war auch die Zeit der Kabeler Kammermusik.

Kabeler Kammermusik

Hoeschs Überzeugung, dass die Barockmusik um Bach und Händel einen Höhepunkt der europäischen Musik darstelle, paarte sich mit der Idee, dass diese musikalischen Werke nur auf zeitgenössischen Instrumenten oder deren genauen Kopien richtig interpretiert werden könnten. Hoesch trug daher konsequent das Originalinstrumentarium für ein Kammerorchester zusammen, das der Größe einer durchschnittlichen Hofkapelle zu Bachs Zeiten entsprach.

1929 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass im Januar 1930 die erste „Festliche Kabeler Kammermusik“ im Saal des Gasthofs „Schöne Aussicht“ in Hagen-Boele stattfinden konnte. Vieles in den ersten Konzerten war noch im Stadium des Experimentes, sowohl was die Instrumente als auch die Aufführungspraxis betraf. Doch schon im Herbst war das Orchester auf 15 Spieler angewachsen.

Werkstatt am Haus

Im Februar 1933 nahm seine Werkstatt für Instrumentenbau offiziell den Betrieb auf. Sie war seinem Wohnhaus in Kabel, Schwerter Straße 241, direkt angegliedert. Er brauchte nur die Tür seiner im ersten Stock gelegen Wohnung zu öffnen und schon befand er sich in der Werkstatt, in der fünf Mann arbeiteten. Der persönliche Charakter der Instrumentenwerkstatt entsprach der Intimität, die lange Zeit auch für die Kabeler Kammermusik charakteristisch war.

Hoesch lud auch seine Arbeiter aus der Papierfabrik zu seinen Konzerten ein. Er war von seiner Aufgabe völlig durchdrungen. – Bis die Nazis an die Macht kamen.

Nazis beenden Kabeler Konzerte

Seine Distanz zur nationalsozialistischen Politik führte dazu, dass er den Vorstand der Papierfabrik verlassen, vor allem aber die Kabeler Kammermusik einstellen musste. Damit brachte er ein persönliches Opfer, das auch erklärt, warum sein Wirken bislang nicht die breite Würdigung erfuhr, die ihm gebührt. Die letzten Konzerte veranstaltete der 1972 verstorbene Hoesch in seinem späteren Wohnhaus am Stirnband.

Wie sein Sohn Jan Hoesch im Vorwort des Buches schreibt, habe sein Vater an zwei Weltkriegen teilgenommen, fünf Ehen geführt und zwei seiner Frauen im Kindbett verloren. Den Tod von sechs eigenen Kindern hatte er zu betrauern und für zwanzig Kinder, eigene und angenommene, Verantwortung zu tragen.

Seine Lebensaufgabe war die Leitung der Papierfabrik als Familienunternehmen in schwerer Zeit. Aber sein Lebensinhalt war die Musik. Er war ein Mann der Visionen, des beharrlichen Suchens, der von sich selbst sagte, „nicht das Glück, sondern der Schmerz“ habe ihn zu dem geführt, was er vermocht habe. Nicht allen sei er gerecht geworden. Aber sein Streben sei immer darauf gerichtet gewesen, den Menschen Glück durch Musik zu erschließen.

Das Buch „Pionier der Alten Musik – Hans Eberhard Hoesch und die Kabeler Kammermusik“ von Nikolaus de Palézieux ist im Bärenreiter-Verlag Kassel erschienen, ISBN: 978-3-7618-2272-2.