Die Quadriga ist endlich daheim

Hagen. (ME) Vor genau 200 Jahren wurde die „Quadriga“ – das ist jenes berühmte Kunstwerk, das in Berlin das Brandenburger Tor krönt – in einer spektakulären Aktion aus Paris heim nach Preußen geholt. Dabei passierte der Transport auch Hagen und Herdecke. Diese kleine Geschichte erzählt Tanja Münch den wochenkurier-Lesern. Heute folgt der vierte und letzte Teil – zurück in Berlin:

Von mehr als 300 Gedichten und Inschriften bedeckt, erreichte der Transport am 8. Juni 1814 Berlin. Beim Öffnen der Kisten stellte man mit Entsetzen den ruinösen Zustand der Quadriga fest. Auf Wunsch des Königs wurde die Lanze mitsamt römischem Adler entfernt und gegen eine neue Siegestrophäe ausgetauscht – natürlich mit den preußischen Symbolen: dem Eichenlaubkranz und dem preußischen Adler, das Eiserne Kreuz in den Fängen haltend.

Nur ein Pferdekopf

Auch König Friedrich Wilhelm III. hatte inzwischen die symbolische Bedeutung des Tores begriffen. Das zeigte sich nicht zuletzt darin, wie er die Rückkehr der Quadriga in Szene setzte. Nachdem sie am 30. Juni 1814 auf das Tor zurückgekehrt war, wurde sie zunächst verhüllt. Am 9. August 1814 wurde der Monarch mit den heimkehrenden Truppen aus Paris zurückerwartet und alles war zu einem prächtigen Empfang vorbereitet. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung erreichte der König das Tor, und im Moment des Einreitens fiel – von unsichtbarer Hand gezogen – das Tuch von der Quadriga, und mit grenzenlosem Jubel wurde das so lange vermisste Wahrzeichen begrüßt. Die Friedensgöttin war plötzlich zur Siegesgöttin Viktoria gewandelt und das Friedenstor erstrahlte als Siegestor.

Sehr vorausschauend wurde während des Zweiten Weltkrieges von der Quadriga ein Gipsabdruck genommen. Bei den Kämpfen um Berlin wurde sie mehrfach stark beschädigt. Lediglich ein Pferdekopf blieb vom Original erhalten, der heute im Berliner Märkischen Museum ausgestellt ist.

Gestohlen

Am 21. September 1956 wurde vom Ost-Berliner Magistrat beschlossen, das stark beschädigte Brandenburger Tor und auch die Quadriga wieder aufzubauen. Die Quadriga wurde von einer West-Berliner Werkstatt komplett neugeschaffen. Dank der genommenen Gipsabdrücke war dies möglich.

Die Aufstellung wollte unbedingt die Ost-Seite übernehmen. Doch anstatt die restaurierte Skulptur umgehend auf dem Stadttor zu montieren, wurde sie in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1958 heimlich in den Neuen Marstall gebracht und das Eiserne Kreuz entfernt. Am nächsten Tag war in der Berliner Zeitung zu lesen: „Die Quadriga gestohlen! Nachts in Ostberlin fortgeschafft.“ Die Ost-Berliner Stadtverordneten erklärten hierzu, die „Embleme des preußisch-deutschen Militarismus“ dürften nicht mehr zur Aufstellung gelangen. Dennoch freuten sich die Berliner, als sie am 28. September 1958 die Aufstellung feiern konnten.

Kostspielig

28 Jahre nach dem Bau der Mauer wurde das Brandenburger Tor während der Wende in der DDR am 22. Dezember 1989 unter dem Jubel von mehr als 100.000 Menschen wieder geöffnet.

In der Silvesternacht 1989/1990 waren Zuschauer auf das Tor geklettert und hatten die Quadriga schwer beschädigt: In die Pferdekörper wurden Namen geritzt; Hiebe mit Sektflaschen verursachten Beulen; Zaumzeug und Zügel wurden mutwillig zerstört, der linke Arm der Viktoria angebrochen; der Lorbeerkranz auf ihrem Kopf war ebenso entblättert wie der Eichenkranz auf der Stange. Das gesamte Brandenburger Tor war mit allen Spuren des Vandalismus, vor allem Glasscherben und Graffiti übersät: Eine böse und kostspielige Silvesterüberraschung.

Die Öffentlichkeit reagierte entsetzt, ein Spendenaufruf brachte schließlich 400.000 DM für Reparaturkosten zusammen. Genauere Untersuchungen zeigten jedoch noch weit gravierendere Schäden: Seit dem Mauerbau war nichts für den Erhalt der Quadriga getan worden. Bei der folgenden Restaurierung erhielt die Viktoria das Eiserne Kreuz zurück und konnte rechtzeitig zur 200-Jahr-Feier des Tores am 6. August 1991 fertiggestellt werden.