Die Welt der Bücher: „LEA-Leseklub“

Dirk Markmann ist eines der ersten Mitglieder des Leseklubs. Jedem steht stets eine unterstützende Person zur Seite. Mittlerweile leiht sich Dirk Markmann regelmäßig Bücher, um auch privat zu lesen. (Foto: ric)

Haspe. (ric) „Hier sieht man Fritz, den muntern Knaben, nebst Huckebein, dem jungen Raben…“, liest Gisela Bühne laut vor. Wilhelm Busch’ Klassiker „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“ begeistert sie und ihre Mitleser. Alle hören genau zu, verfolgen mit einer Lesehilfe Zeile für Zeile. Wie jeden Donnerstagvormittag treffen sich die Mitglieder des LEA-Leseklubs. Gemeinsam wird geschmökert und über den Text gesprochen. Neben jedem Teilnehmer sitzt ein Moderator zur Unterstützung. Denn Hilfe brauchen sie zumeist noch, die Leser des Klubs. Es sind Menschen, die bei „Bethel regional“ oder im Alten Stadtbad in Haspe wohnen. Senioren, Behinderte und Helfer treffen sich, um gemeinsam zu lesen.

Das Ziel der Leseklubs ist, Erwachsenen mit geistiger Behinderung die Möglichkeit zum Lesen zu geben und ihnen die Welt der Bücher zu erschließen, von der sie – leider immer noch – oft ausgeschlossen bleiben. Das Vorurteil, Behinderte könnten nicht lesen, erweist sich aber als gewaltiger Trugschluss. Dem kann sich auch Renate Bergmann nur anschließen. Als Mitarbeiterin der „Bethel regional“-Stiftung las sie einen Bericht über Leseklubs – und war sofort begeistert. Sie kümmerte sich um den Kontakt zu LEA (Lesen Einmal Anders) und stürzte sich in die Planungsarbeit. „Der Vorlauf dauerte gut ein Jahr“, erinnert sich die Initiatorin. Räumlichkeiten und Termine mussten gefunden werden, Informationen über spezielle Umstände beim Lesen mit Behinderungen wurden recherchiert.

Doch der riesige Planungsaufwand hat sich gelohnt. Die Teilnehmerzahl ist konstant und die Leser kommen gerne: Schließlich darf hier jeder in seinem Tempo vorlesen. Fehler machen oder auch einfach mal nur zuhören. „Alles kann, nichts muss“, wäre ein gutes Motto für den Klub. „Natürlich können auch Menschen mit einer Behinderung lesen. Aber vielleicht dauert es etwas länger. Vielleicht hört es sich auch nicht so flüssig an. Das Problem ist, dass die wenigsten Menschen in unserer schnelllebigen Zeit dafür die Geduld haben“, erklärt Bergmann.

Alle werden immer besser

Denn im Gegensatz zu anderen Leseklubs wird hier nicht über Bücher, die vorab gelesen wurden, diskutiert. Bei LEA sitzen alle in einer gemütlichen Runde zusammen. Bunte Lesehilfen erleichtern das Mitlesen und verhindern, dass Zeilen durcheinander geraten. Abschnittsweise liest eine Person vor, dann wird das soeben Gelesene besprochen. „Wir klären dann, was eigentlich gerade in der Geschichte passiert ist“, erklärt Renate Bergmann. Schließlich soll jeder im Klub auf demselben Stand sein, der Geschichte folgen können.

„Unsere Teilnehmer werden übrigens immer besser“, weiß Winfred Kleine-Weischede, der als ehrenamtlicher Helfer von Beginn an dabei ist. Leseverständnis und Lesekompetenz entwickeln sich laufend weiter. Zusammenhänge im Text werden besser verstanden, das Vorlesen klappt flüssiger. „Wichtig ist uns aber, dass hier jeder mit Spaß und Freude bei der Sache ist“, sind sich alle einig.

Methode aus den USA

LEA ist eine Methode zur Erschließung von Literatur für diejenigen, die nur wenig bis gar nicht lesen können. Nach Deutschland kam die Idee durch die Diplom-Heilpädagogin Anke Groß: Ein Jahr lang arbeitete sie in den USA mit Dr. Tom Fish (Ohio State University), der 2002 „The Next Chapter Book Club“ erfand. Nach Groß’ Rückkehr nach Deutschland konnte mit Unterstützung der Montag-Stiftung „Jugend und Gesellschaft“ das LEA-Projekt entstehen. Seitdem entwickelte sich das Projekt zu einem integrativen Angebot weiter. Schließlich kommt es nicht nur darauf an, besser zu lesen und in die Welt der Bücher einzutauchen. Gerade die sozialen Kontakte zwischen Alt und Jung, Menschen mit und ohne Behinderung spielen eine zentrale Rolle. Und so ergeben sich aus den Gesprächen über die Geschichten auch schnell private Dialoge. „Lesen verbindet“, das wäre ein weiteres passendes Motto für den Klub.

Wer mitlesen möchte, kann donnerstags von 10.30 bis 12 Uhr am Leseklub im Alten Stadtbad Haspe, Berliner Straße 152, teilnehmen.