Eine (Mords-) Geschichte um Schädel aus Namibia

Das Buch “Ein Schädel aus Namibia“
In Ketten gelegte Hereros „zieren“ um 1900 diese Postkarte, die Pastor Ziegenfuß seinen Verwandten im fernen Deutschland schickte. Ein menschlicher Schädel, den er zusammen mit Jagdtrophäen ebenfalls nach Hause schickte, bildet die Grundlage des Buches „Ein Schädel aus Namibia“. (Foto: Familienarchiv Ziegenfuß)

Hagen. Die Pirsch auf den Leoparden ging gründlich daneben. Er hatte ihn nur angeschossen und schwer verletzt. Um sich selbst zu retten, musste der glücklose Schütze zwei volle Tage auf einem Baum ausharren, bis das Tier verendet war.

Gruseliges Erbstück

Pater Alois Ziegenfuß war Anfang des vergangenen Jahrhunderts Geistlicher im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, aber ganz nebenbei eben auch begeisterter Großwildjäger.
Der in der damaligen deutschen Kolonie missionierende Pater schickte 1913 eine Seekiste gefüllt mit Jagdtrophäen an seine Verwandten in Thüringen. Darin lag außer dem Leopardenfell, Schlangenhäuten, etlichen Hörnern und Geweihen auch ein mysteriöser menschlicher Schädel. Das sei der Schädel eines Herero-Häuptlings, hatte der Pater gesagt.

Aufarbeitung

„Ich lernte diesen Schädel schon als junger Mann kennen, denn er befand sich bei meinem Freund Gerhard Ziegenfuß, einem Nachfahren des Paters Alois, in dessen Studentenbude in Münster“, erzählt der Hagener Autor Helmut Rücker. Der 79-jährige pensionierte Pädagoge schreibt seit einigen Jahren Regionalkrimis und Kinderbücher. Mit seinem Studienfreund Gerhard Ziegenfuß hat er ein Buch über den Schädel und ein finsteres Kapitel deutscher Geschichte geschrieben. Unter dem Titel „Ein Schädel aus Namibia. Erhobenen Hauptes zurück nach Afrika“ ist im Anno-Verlag erschienen. Auf 128 Seiten mit vielen Fotos und historischen Abbildungen berichtet darin Gerhard Ziegenfuß dokumentarisch über die historischen Hintergründe anhand der Lebensgeschichte seines Verwandten, des Paters Alois.
Völkermord anerkennen

Das Buch "Ein Schädel aus Namibia"
Der Hagener Autor Helmut Rücker hat sich lange mit der Lebens- und Gedankenwelt der Hereros beschäftigt, bevor er sich an die Schreibarbeit machte. (Foto: Claudia Eckhoff)

Der zeitgeschichtliche Rahmen spannt sich von der Kolonialzeit, als die deutsche kaiserliche „Schutzmacht“ große Teile des heutigen Namibia kontrollierte (1894 bis 1915), und dem Kolonialkrieg zwischen den einheimischen Herero und Nama gegen die deutschen Truppen (1904 bis 1908) bis in die Gegenwart.

Die heutige Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Kaiserreiches plant, die (fast vollständige) Auslöschung der Herero- und Nama-Stämme nach einhundert Jahren endlich als Völkermord anzuerkennen. Im Kolonialkrieg starben etwa 1600 deutsche Marine- und Schutztruppensoldaten – und rund 75.000 Herero und etwa 10.000 Nama. Sie wurden gnadenlos in die Wüste getrieben, wo sie verdursteten, oder starben in den Konzentrationslagern der deutschen Kolonialmacht.

Zurück zu den Ahnen

„Tausende von Schäden der afrikanischen Kriegsopfer wurden als Material für rassenbiologische Forschungen nach Deutschland gebracht“, berichtet Helmut Rücker. „Allein in der Berliner Charité und an der Uni in Freiburg gibt es immer noch große Bestände.“
Gerade die Herero haben aber ein besonders Verhältnis zu ihren Verstorbenen. „Sie erlauschen, was diese ihnen zuflüstern. Sie erraten es aus den Geräuschen des verbrennenden Holzes, aus der Zeichensprache der Flammen und vielen anderen Winken in ihrem intensiven Ahnenkult“, weiß der Hagener Autor.

Sein Anteil an dem Buch ist fiktiver Natur. Um die Welt der Hereros lebendig zu machen, hat er sich gewagt die künstlerische Freiheit genommen, den Schädel mit Bewusstsein und mit Erinnerungen zu beleben. Dabei fühlt er sich stark der historischen Wahrheit verpflichtet.

Bisher vergeblich

Im dritten Buchdrittel schildert der Schädel-Erbe Gerhard Ziegenfuß seine Versuche, das bizarre Erbstück zu „repatriieren“, sprich ordnungsgemäß nach Namibia zurückzuführen und es in afrikanischer Erde würdig bestatten zu lassen. Seit 1995 laufen seine Bemühungen bisher immer noch ins Leere. Der Schlusspunkt unter dieses finstere Kapitel Menschheitsgeschichte ist vielleicht noch lange nicht gesetzt.

Das Buch “Ein Schädel aus Namibia“ (ISBN 078-3-939256-75-5) ist im Buchhandel erhältlich und kostet 14,95 Euro.