Eine ungewöhnliche Liebe

Tiefendorf. (anna) Sie sind wirklich ein Herz und eine Seele: die 14-jährige Ina Hüsecken aus Tiefendorf und die zweijährige, bildschöne Kuh „Shoki“. Wenn Ina auf ihrer Kuh durch Tiefendorf reitet oder mit ihr über die Hindernisse springt, wundert sich mittlerweile keiner mehr. Die Anwohner haben sich an das ungleiche Paar gewöhnt und respektieren die innige Beziehung der Beiden. Die Kuh mit ihrem ganz eigenen Wesen ist so auf ihre Freundin Ina fixiert, dass sie das Mädchen sogar vor anderen Kühen zu beschützen versucht.

Diese ungewöhnliche Freundschaft begann rein zufällig: Inas Vater und Onkel, Dirk und Ulrich Hüsecken, betreiben einen großen Milchviehbetrieb in Tiefendorf. 200 Kühe und Rinder, davon 90 Milchkühe, aber auch einige Schweine, fünf Pferde und zwei Hunde gehören zu dem idyllisch gelegenen Hof, der seit vielen Generationen im Besitz der Familie ist. Vor zwei Jahren dann, als die Hüseckens auf ihrem Hof einen  „Tag der offenen Tür“ veranstalteten, um ihren vorbildlichen Betrieb mit artgerechter Tierhaltung der Öffentlichkeit zu präsentieren, versprach Ina ihrem Vater, den ganzen Nachmittag ein kleines Kalb am Strick spazieren zu führen, damit die Besucher es streicheln könnten. Und weil der Vater seiner Zwölfjährigen diese Ausdauer nicht zutraute, wetteten die Beiden um 10 Euro.

Innige Freundschaft

Wenn andere Kinder ihre Pferde satteln, steigt Ina auf „Shoki“ und lässt sich über den Hof oder die Reitbahn tragen. Die gutmütige und gelehrige Kuh hat sogar gelernt, über Hindernisse zu springen. (Foto: Anna Linne)

Und Ina gewann nicht nur den Wetteinsatz, sondern auch das Herz der kleinen Kuh. Fortan waren die Beiden unzertrennlich und Ina staunte, wie gelehrig ihr Kälbchen war. Schnell lernte die schöne „Shoki“ Inas Kommandos korrekt auszuführen und lief perfekt am Zügel. Ein gut erzogener Hund hätte es nicht besser machen können. Als „Shoki“ dann ausgewachsen war, ließ sie sich von ihrer besten Freundin sogar reiten und übersprang kleine Hindernisse. „Spazieren gehen mag sie am meisten“, weiß Ina, die ihre Kuh wie einen Hund durchs Dorf führt. „Sie schaut sich dann alles interessiert an und wirkt unglaublich ausgeglichen und zufrieden.“

Wenn Ina jedoch in der Realschule in Halden weilt oder wie im Moment ein Schulpraktikum absolvieren muss, lebt „Shoki“ auf der Weide in einer Herde mit Gleichaltrigen und wartet geduldig auf ihre Freundin. „Wenn ich dann zur Weide komme, brauche ich sie nur beim Namen zu rufen, dann kommt meine Kuh schon angerannt“, freut sich das Mädchen.

Erster Auftritt

Auf der Landesgartenschau in Hemer sorgte die Tiefendorfer Kuh schon für Furore. Bei einer Präsentation von unterschiedlichen Milchviehrassen, waren Ina und „Shoki“ als Pausenfüller engagiert und verblüfften mit ihren Kunststücken das Publikum. Selbst die Kuh-Fachleute zeigten sich tief beeindruckt von dem ungleichen Team. „Unser Auftritt hat allen sichtlich Spaß gemacht“, freut sich Ina, „und auch ’Shoki’ hat gemerkt, dass sie gut angekommen ist, denn sie wirkte richtig stolz.“

„Shoki“ ist schwanger

Jetzt ist „Shoki“ erst einmal schwanger. Sie genießt Mutterschutz und erwartet ihr erstes Kalb im nächsten Frühjahr. Und das ist eigentlich auch ihre Bestimmung auf dem Hof, denn „Shokis“ Rasse eignet sich nicht sehr gut zur Milchproduktion. „Eigentlich“, so Ina, „würde meine Kuh, nachdem sie ihr Kind großgezogen hat, der Fleischproduktion dienen, also geschlachtet werden. Aber das kommt bei ’Shoki’ natürlich nicht in Frage, denn ich habe noch viel mit ihr vor.“ Im Winter soll die Tiefendorfer Kuh erst einmal lernen, einen Schlitten zu ziehen. „Das wird sie sicherlich schnell begreifen“, ist Ina überzeugt.

Die Eltern, Birgit und Dirk Hüsecken, unterstützen die ungewöhnliche Freundschaft. „Ina geht es richtig gut, seitdem sie mit der Kuh so verbandelt ist“, berichtet Mutter Birgit, die sich noch um einen 16-Jährigen und einen Sechsjährigen kümmern muss.

Und tatsächlich ist Ina überzeugt, dass ihre Kuh nach Beendigung ihrer Erziehungszeit noch viel lernen kann. So soll sie sich schon im nächsten Jahr auf Kommando hinlegen, tot stellen oder sich sogar aufs Hinterteil setzen können. Wir dürfen gespannt sein…