Erfüllte Zeit für Dora Maria Teidelt

Hagen. (san) „Guten Tag. Mein Name ist Dora Maria Teidelt. Ich bin die Pfarrerin am Krankenhaus und gehe hier etliche Wege. Jetzt bin ich bei Ihnen angekommen. Wie geht es Ihnen heute?“ Ein langer Spruch – aber er dauert so lange, wie der Patient Zeit zur Entscheidung braucht, ob er sich auf ein Gespräch mit der Seelsorgerin einlassen soll. Und die meisten tun es.

Seit 1998 war Dora Maria Teidelt Seelsorgerin des Allgemeinen Krankenhauses. Nun ist die evangelische Pfarrerin in den Ruhestand verabschiedet worden. (Foto: Schievelbusch)

Oder besser: sie haben es getan. – Denn die engagierte evangelische Pfarrerin wurde gestern in einem feierlichen Gottesdienst in der Kapelle des Allgemeinen Krankenhauses in den Ruhestand verabschiedet. Ihre Jahre als Seelsorgerin am AKH, seit 1998, waren voller intensiver Erlebnisse und ganz bestimmt eine erfüllte Zeit. Jederzeit wieder würde sie es genau so machen, betont die Frau, die in einer jährlich rund 120.000 Patienten und 1200 Mitarbeiter starken Gemeinde stets offene Ohren für so viel Leid hatte, aber auch Freude teilte und eine ganze Menge angestoßen hat.

Leben im Sterben

Da war zum Beispiel die alte Patientin von der Krebs-Station, die nach 25 Jahren wilder Ehe nun doch noch ihren Lebensgefährten heiraten wollte. Pfarrerin Teidelt holte den Standesbeamten in die Kapelle, organisierte die kirchliche Trauung samt Organisten, den Transportdienst runter in die Cafeteria, wo die Hochzeitsgäste an die gedeckte Tafel gebeten wurden. Der Archiv-Fotograf dokumentierte den Tag. Das Fotoalbum begeistert noch Jahre später den Witwer. „Es ist ein schönes Gefühl, ins Sterben noch ganz viel Leben zu bringen,“ empfindet die Seelsorgerin.

Da war zum Beispiel die junge Mutter, die ihr noch Ungeborenes verloren hat. Was soll sie ihrem Töchterchen antworten auf die Frage, wo das neue Geschwisterchen denn geblieben ist? Seelsorgerin Teidelt gibt mit der Beerdigung der Leibesfrucht die Möglichkeit zur Verarbeitung. Noch bevor 2003 das Bestattungsgesetz in Kraft trat, das eine ethisch einwandfreie und würdige Entsorgung auch von frühen Fehlgeburten vorschreibt, hat Dora Maria Teidelt in Zusammenarbeit mit der Stadt Hagen das Gräberfeld auf dem Altenhagener Friedhof mitinitiiert. Seitdem hatte sie rund 30 Föten monatlich zu beerdigen.

Impulse geben

Vor allem im Palliativ-Bereich ist die Zusammenarbeit mit den Ärzten besonders eng gewesen. Wo kann man vielleicht Angehörige entlasten, bei wem ist das Hospiz eine bessere Alternative? Durch ihre Erfahrung das richtige Gespräch im richtigen Moment zu führen, konnte die ehemalige Pfarrerin der evangelischen Gemeinde in Haspe auch Menschen erreichen, die zunächst beim Thema Tod dicht machten. „Die Gottesfrage stellen sich alle, ohne Ausnahme. Wieso lässt Gott das Elend zu? Hier setze ich an,“ so Teidelt. „Ich kann das Elend oder die Krankheit nicht nehmen, aber ich kann daneben sitzen. Sich in der Trauer selbst beim Schopfe ziehen, das ist möglich.“ Impulse geben, das ist ihre Berufung.

Die sonntäglichen Gottesdienste in der Krankenhauskapelle waren stets gut besucht. „Die Patienten erleben dort eine Auszeit vom Dreibettzimmer und den Gedanken rund um Krankheit und Behandlung,“ vermutet die Pfarrerin.

Da gab es aber auch profan Weltliches, wie den Umbau der Leichenhalle. Mit dem Architekten zusammen galt es nicht nur technisch, sondern auch atmosphärisch das Richtige zu finden. Dora Maria Teidelt verstand es, die Mitarbeiter des Hauses in die Gestaltung mit einzubeziehen, Gespräche und Diskussionen verstärkten das Miteinander.

Neues kommt

Das lässt Dora Maria Teidelt nun alles hinter sich. Geistliche Begleitung wird sie selbstredend weiter anbieten, Pfarrerin bleibt sie ja weiterhin. Aber in einem Sabbatjahr will sie Altes ausmisten, sich frei machen für Neues. Was das Neue ist? „Das lasse ich auf mich zukommen. Ich weiß nur, dass Gott schon hinter der nächsten Kurve sitzt und mich irgendwann fragt, wo ich denn so lange geblieben bin,“ schmunzelt sie, „dann weiß ich, das wird meins.“