"Fährt noch die Hohenlimburger Straßenbahn?"

wochenkurier-Redakteur Frank Schmidt spürte Südafrika-Auswanderer Günther Theiß, der Hagen vor 46 Jahren verließ, im südafrikanischen Durban auf. (Foto: wochenkurier)

Von Frank Schmidt, zurzeit in Südafrika

Durban/Johannesburg. „Fährt die Straßenbahn in Hohenlimburg eigentlich noch?“, will Günther Theiß von mir wissen, und die Tatsache, dass sie seit über 40 Jahren nicht mehr fährt, verrät, wie wenig den 67-Jährigen noch mit seiner Heimatstadt verbindet. Die Brücken sind abgebrochen, und auch nach Haspe, wo Theiß zwischen seinem zwölften und 21. Lebensjahr zu Hause war, gibt es keinen Draht mehr. Den Westfalen freilich kann der bärtige, ergraute Mann noch immer nicht verleugnen, wenn er sich der deutschen Sprache bedient. Was freilich höchst selten vorkommt – nach Durban, 10 Kennard Rise, Carrington Heights, Südafrika, hat es Günther Theiß vor Ewigkeiten verschlagen.

Überraschung

Hier spüre ich Theiß in den Mittagsstunden auf, und das Anschlagen der beiden Schäferhunde signalisiert, dass der Deutsche auch auf unerwünschte Besucher gut vorbereitet ist. Ehefrau Sharon Theiss und Sohn John pfeifen die vierbeinigen Wächter vom Eingangstor ins Haus zurück, ich trete ein, und nach ein paar Minuten erscheint Günther auf der Bildfläche. Natürlich ist er mächtig erstaunt über meinen Besuch aus heiterem Himmel.

Dass Mister Theiss – die Familie schreibt sich längst mit Doppel-S, weil man in Südafrika kein „ß“ kennt – in Durban zu finden sein könnte, weiß ich von seinem Cousin Erwin Gebauer, Vorsitzender der schlesischen Landsmannschaft Hohenlimburg. Der freilich hatte auch schon über 15 Jahre keinen Kontakt mehr zu Günther. Keine E-Mails, keine Briefe – nicht einmal eine Telefonnummer kennt Gebauer, dessen Vater Herbert Bruder von Günthers Mutter Grete war.

Reichlich Arbeit

Vor dem Haus nehmen wir auf Gartenstühlen Platz. „Ausgewandert bin ich 1964, der Sonne wegen. Arbeit gab es hier in Südafrika in jenen Tagen reichlich; die Leute wurden sogar in Europa angeworben“, schlägt der gelernte Autoschlosser, der seine Lehre bei VW Röttger gemacht hat, das Buch der Erinnerungen auf. Wurzeln, die in Form von zwei vor dem Haus parkenden VW Käfer noch immer erkennbar sind. Die Firma „Transa“ vermittelte Günther, mit dem ich sofort per Du bin, nach Johannesburg – „da haben so ziemlich alle Südafrika-Auswanderer angefangen“, blickt der Ruheständler zurück. Bei der Firma Lindsay Saker erhielt er seinen ersten Südafrika-Job, in seinem erlernten Beruf als Autoschlosser. 1966 kam er noch mal zurück, fuhr mit seinem Käfer durch ganz Afrika bis nach Hagen und arbeitete für ein paar Monate an alter Wirkungsstätte, bevor ihn die damalige Rezession in Deutschland endgültig nach Südafrika trieb. In Durban, wo er Rohre für eine Raffinerie verlegte, wurde er heimisch – „vor allem wegen des auch im Winter sehr angenehmen Klimas“.

Nur alle paar Jahre besuchte er „good old Germany“ seither noch, um seine Mutter Grete zu sehen. Doch die ist mittlerweile längst verstorben, und der Vater war in Stalingrad geblieben. Und Schwester Bärbel? „Die lebte zwischenzeitlich in Werl, hat dann aber wieder geheiratet und ist, glaube ich, nach Ostwestfalen gezogen. Ich bin kein großer Briefeschreiber“, entschuldigt sich Günther.

Schlechtes Zeugnis

Und Südafrika? „Was bekommt ihr denn in Deutschland mit?“ fragt der Auswanderer zurück. – „Nicht viel“, gestehe ich. Günther berichtet, dass Korruption und Günstlingswirtschaft an die Stelle der 1994 beendeten Apartheid getreten sei, und vom regierenden ANC hält er nicht viel. „Alle Weißen in führenden Positionen haben sie rausgeschmissen, wissen aber selbst nicht, was zu tun ist“, zeichnet Theiß ein Bild vom Verfall Südafrikas: „Zum Beispiel hatten die Weißen für unsere Region ein neues Kraftwerk geplant, doch nach dem Machtwechsel ist es bis heute nicht gebaut worden. Wir haben hier deshalb oft Blackouts, Stromausfälle.“

In Johannesburg drohe die Verseuchung eines riesigen Grundwasserreservois, weil die Abwässer nicht mehr geklärt würden und selbst radioaktives Wasser in den Boden gelange. Beispiele, die die Apartheid nicht rechtfertigen sollen – doch den Regierenden stellt Theiß ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: „Nimm doch nur den Präsidenten Jacob Zuma. Der sollte eigentlich wegen Korruption ins Gefängnis. Stattdessen haben sie seinen Sekretär für ein paar Monate eingesperrt, bevor er wegen einer angeblich unheilbaren Krankheit entlassen wurde. Die aber hält ihn nicht davon ab, jetzt mit einer Luxuslimousine durch die Gegend zu fahren und Zigarre zu rauchen.“

Wir wechseln das Thema, sprechen über alte Zeiten. Ja, an seinen Schulweg kann sich Günther noch gut erinnern. „Wir wohnten an der alten Stennertbrücke, Iserlohner Straße 6. Von dort aus musste ich Richtung Krankenhaus gehen und nach links zur alten Elseyer Schule einbiegen. Linker Hand lag ein Friedhof“, überlegt er. „Den gibt es auch heute noch“, entgegne ich. Später, in Haspe, wohnte er unweit der Kohlenbahn, „da gab es ein Haus, das der Zwieback-Familie Brandt gehörte. Ich weiß noch, dass man das Geschrei vom Sportplatz bis ins Tal hören konnte, wenn der Hasper SV spielte.“ Für Fußball interessiert sich Günther allerdings kaum, und auch die WM ist ihm ziemlich egal: „Ich mag keine großen Menschenaufläufe, schon als Kind hatte ich dagegen eine Abneigung.“ Ob das Turnier eine Chance für Südafrika ist? „Das Geld kommt ja doch bei den Falschen an und nicht bei den Menschen, die es dringend brauchen“, meint Günther: „Früher hatten die Schwarzen keine Rechte und primitive Jobs. Heute haben sie gar nichts.“

Kein großes Glück gefunden

Ich nehme Abschied von einem desillusionierten Mann, der mit der Heimat abgeschlossen hat, ohne in Südafrika das ganz große Glück gefunden zu haben. Zurück zieht ihn dennoch nichts: „In Deutschland käme ich gar nicht mehr zurecht, und es wäre mir auch viel zu kalt.“ Ich verspreche Günther, ihm einen wochenkurier mit „seinem“ Artikel zuzuschicken und drücke ihm die Hand.

Abends blicke ich mit meinem Mitreisenden Michael in die Wirklichkeit. Keine 50 Meter hinter der Strandpromenade von Durban, an der auch das Stadion liegt, findet Großstadtalltag statt. Wir gehen durch düstere Straßen zur „Londoner Ladies Bar“, die als eine der wenigen Kneipen auch nach zehn Uhr noch geöffnet hat. Ein vielleicht 15-jähriger Farbiger und zwei Kinder wechseln die Straßenseite, kommen rasch näher, und der Halbwüchsige zischelt uns an. „How do you like Durban – wie gefällt es euch in Durban?“ leiert er den üblichen Small Talk in übertriebener, verzerrter Betonung herunter und schielt auf Michaels Kameratasche: „Es ist immer sonnig in Durban, immer schönes Wetter.“ Und will dann bedrohlicher werden: „Es ist für Weiße zu spät, um hier spazieren zu gehen.“

„Aber nicht wegen dir, du Würstchen“, verständigen wir uns auf Deutsch, halten ihm eine Zigarette hin und lassen die Drei hinter uns.

Zu teuer und kalt

Die WM-Fassade hat Risse bekommen, und sportlich ist nach der Halbfinalniederlage der Deutschen irgendwie die Luft ‚raus. Wir fliegen nach Johannesburg und reisen mit dem Auto weiter ins nahe gelegene Magaliesburg, wo wir das Spiel um Platz drei in der Bergbries Lodge verfolgen. Tags darauf, in Johannesburg, sind uns die Schwarzmarktkarten fürs Finale zu teuer. 1.500 Dollar und das Risiko, dass die Tickets gefälscht sind? Nein danke! Wir plaudern mit ein paar gelackmeierten Deutschen, denen man falsche Billets angedreht hat, und gehen statt ins Stadion zu einem unweit davon gelegenen Haus, dessen geschäftstüchtiger Besitzer im Garten Fernseher aufgestellt hat, um Getränke und Würstchen verkaufen zu können.

In der Halbzeitpause treten sogar ein paar wilde Tänzer auf. Doch bitterkalt ist es, und daran kann auch der Kaffee nichts ändern, zumal das Endspiel nicht unbedingt das Fußballherz erwärmt.

Vorbei

Die letzten Tage in Südafrika klingen touristisch aus: Besuch des Apartheidmuseums, eines Naturparks mit Affen sowie des Tals, in dem die ältesten Überreste menschlichen Lebens gefunden wurden.

Das Turnier ist vorbei, das Land schminkt sich die WM-Kosmetik ab, und uns bleiben viele unvergessliche, schöne und manchmal etwas schaurige Abenteuer. Vor allem die zahllosen Begegnungen mit den so freundlichen, fröhlichen Südafrikanern aber werden noch sehr, sehr lange in mir nachklingen. Morgen hebt unser Flugzeug von Johannesburg in Richtung Deutschland ab. Ich möchte wiederkommen, keine Frage. Und vielleicht heißt es in vier Jahren anlässlich der WM in Brasilien ja auch: Auf Wiederlesen – aus Rio de Janeiro!