Fast im Knast für ein paar Gurken

Hagen. (tau) Der wochenkurier berichtete bereits mehrfach über das Dahler Paar Eleonore Schmitz-Hegemann und Jürgen Koppert, das eine über zweimonatige Reise durch Lateinamerika unternommen hat („Mit dem Wohnmobil ins Feuerland – 14.000 km durch Südamerika“). Wir setzen unsere Serie heute fort.

Das Wetter am „Ende der Welt“ – in Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens – war kalt, nass und dunkel. Also machten wir uns schon am nächsten Tag weiter auf den Weg. Wir hatten den südlichsten Punkt der Erde, den man auf dem Landweg ansteuern kann, erreicht. Die Antarktis in Sichtweite, aber im Sommer ist alles machbar.
Grenzstreit

Auf der Schotterpiste ging’s zurück an die Magellanstraße. Raus aus Argentinien, rein nach Chile. Die Grenzübertritte sind immer mit viel Zeit und vielen Problemen verbunden. Der schwierigste und gefährlichste Punkt: Lebensmittel. Es ist absolut verboten, Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Blumen oder Getreide in ein anderes Land einzuführen. Die Lebensmittel in Argentinien sind gut und reichlich. Chile dagegen hat in diesen südlichen Gebieten nur eine knappste Versorgung und auf dem gesamten Weg von Ushuaia bis an die Magellanstraße überhaupt keine Lebensmittel.

Wir hatten deshalb in Ushuaia groß eingekauft, auch wegen der Weihnachtstage, waren aber schneller abgereist als geplant. Also wohin mit all den Sachen? Bei den vier Kontrollen zuvor war alles relativ lasch gehandhabt worden. Ein Beamter fand Frischfleisch und rohe Eier. Wir mussten alles abkochen, dann durften wir weiter.

Lebensmittel zerhackt

Nun war der erste Weihnachtstag, 22 Uhr, da dachten wir: „Heute lassen die uns flott durch!“ Gepfiffen! Drei sehr junge Zöllner stürzten sich regelrecht in unser Wohnmobil, rissen die Schränke auf, leerten den Kühlschrank und das Tiefkühlfach und schrien mich an: „Mitkommen!“ Im Gebäude ging die Beschimpfung weiter.

Sie fingen an, alles zu wiegen und genauestens auf Formulare zu schreiben. Dann wurden alle Lebensmittel zerhackt. Der kleine dicke Beamte sagte hämisch: „Siehst du, was wir mit euren Lebensmitteln machen?“ Er sprühte blaue, stinkende Farbe auf alles und schob die Kiste in die Mitte des Raumes. „Das ist viel Geld gewesen!“ sagte ich in absichtlich fehlerhaftem Spanisch. „Das wird noch viel mehr für euch!“ gab mir der lange Dünne zur Antwort. „Ihr müsst zum Kommandante!“

Lügengeschichte

Der arme Kerl wurde am Weihnachtstag um 24 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Er ließ eine junge Frau holen, die (englisch) dolmetschen konnte. Ich erklärte entrüstet, ich hätte gar nicht verstanden, was dort an der Grenze geschrieben stand, sondern nur die Bildchen gesehen: Weintrauben und Pfirsiche. Wir aber hätten Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten und Gurken. Ich hätte angenommen, das sei erlaubt. Der Kommandante explodierte: „Das ist ja die unverschämteste Lüge, die ich je gehört habe! 290 Dollar Strafe und einen Eintrag in den Pass! Sie dürfen nicht mehr nach Chile einreisen und müssen das Land verlassen!“

„Das werde ich mir nicht gefallen lassen“, sagte ich. „Als ehrenwerte Person würde ich mir nie etwas Derartiges zu Schulden kommen lassen. Ich möchte das vor einem ordentlichen Gericht verhandeln und nicht mit Ihnen an einer Grenzstelle.“

„Okay“, war die Antwort. „Die Pässe werden gemeldet, und Sie müssen nach Punta Arenas. Sie können das Land nicht vorher verlassen.“ – „Da fahren wir hin“, versicherte ich ihm. Das hatten wir sowieso vorgehabt.

Nach drei Tagen waren wir da. Schon als der zuständige Beamte auf uns zukam, sah ich: „Mit dem kann man reden.“ Ich habe ihm gesagt, dass wir aus Deutschland kämen, um sein wunderschönes Land zu besuchen. Allerdings hätten wir ein kleines Problem. „Ich weiß“, war die knappe Antwort. Im weiteren Gespräch erwähnte ich, dass ich aus der Landwirtschaft komme und wisse, wie gefährlich die Übertragung von Krankheiten sei. Dass aber meine Lebensmittel direkt vom Hof an einer Grenze stammten. „Ich bin auch Jäger wie Sie, da weiß man das,“ sagte ich. Ich hatte auf seinem Schreibtisch eine Bronzefigur von einem Jäger mit Hund gesehen. Da war das Eis gebrochen. Es stellte sich heraus, dass seine Eltern aus Kassel kamen und auch Bauern waren.

Um die Deutsch-Chilenische Freundschaft zu erhalten, bat er mich, doch meine Sichtweise aufzuschreiben. Er würde das für die Gerichtsverhandlung ins Spanische übersetzen. In ein paar Wochen bekäme ich dann an meine deutsche Adresse das Urteil zugeschickt. Er ginge davon aus, dass wir keine Strafe bekämen. Dafür würde er sich einsetzen.

Schnaps nötig

Dann sind Jürgen und ich erst mal in die Stadt gefahren und haben einen „Pinco sur“ getrunken. Das ist ein südamerikanischer Cocktail aus Zuckerrohrschnaps, Zucker, Limone und rohem Eiweiß – den hatten wir nötig.

Nach zwei Monaten kam ein Einschreibebrief aus Chile, sehr groß und mit vielen Stempeln: Freispruch! – „Noch mal jut jejangen“, würden die Kölner sagen…

Fortsetzung folgt …

» Teil 7: „Auf zum Ende der Welt“