Hagen. „Alle haben immer Angst vor Veränderungen“, sagt Laura Kiwitz. Die 18-Jährige besucht die Oberstufe der Hildegardisschule und wird am Freitag, 15. März, der Schule fernbleiben – wie Hunderte anderer Hagener Schülerinnen und Schüler. Ganze Jahrgangsstufen haben an diesem Tag viel Wichtigeres zu tun, als die Schulbank zu drücken. Sie werden bei der ersten Hagener „Fridays for Future“-Aktion für den Klimawandel demonstrieren.

Eine Generation steht auf

Laura spricht aus, was immer mehr ihrer Generation denken: „Wir haben uns als Gesellschaft völlig verrannt und werden die Folgen zu tragen haben. Wir müssen soziale Gerechtigkeit schaffen und die Klimawende meistern. Wenn wir nicht lernen, zu verzichten und maßvoll mit Ressourcen umzugehen, werden Klimakriege die Folge sein. Flüchtlingsströme werden Europa überrennen und Städte an den Küsten werden im ansteigenden Meer versinken.“ Immer mehr junge Menschen haben tief sitzende, existentielle Angst, dass ihnen demnächst die Welt um die Ohren fliegt, „die ihnen die unverantwortlichen Erwachsenen in einem erbärmlichen Zustand vererben“.

Zukunftsfragen angehen

Laura, Svea, Jolina, Janne, Lukas und Leon sind zwischen 16 und 18 Jahren alt. Sie kommen mit ihren Plakaten in die Wochenkurier-Redaktion, um zu erklären, warum sie am Freitag auf keinen Fall in ihre verschiedenen Schulen gehen können, sondern beim globalen Klimastreik mitdemonstrieren müssen.

„In Deutschland betreiben wir bisher gar keine wirkliche Klimapolitik, sondern beschäftigen uns im Grunde nur mit der Schadensbegrenzung“, sagt Lukas. „Bisher ist das alles andere als klimaneutral.“

Die sechs gehören zum harten Kern der Hagener Ortsgruppe zum Thema Klimawende. Rund 25 bis 30 Jugendliche treffen sich regelmäßig freitags im Allerwelthaus an der Potthofstraße, um parteiunabhängig über Klimafragen zu diskutieren und Wege in eine gesündere, sozialere Zukunft zu suchen. Sie sind bundesweit vernetzt.

Der globale Klimastreik am Freitag soll für sie ein Auftakt sein für weitere konstruktive Aktionen in Hagen.

860 Proteste in 75 Ländern

In 75 Ländern sind am Freitag, 15. März, mehr als 860 Proteste vor allem zum Thema Verkehrswende geplant. Auf der ganzen Welt folgen die Jugendlichen damit dem Vorbild der erst 16-jährigen schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg. „Wofür sollen wir denn lernen, wenn wir gar keine Zukunft haben“ – mehr und mehr Jugendliche denken, fühlen und handeln wie die inzwischen berühmte Greta. Sie hatte aus Sorge um das Weltklima buchstäblich keinen Bissen mehr runter bekommen, bis sie anfing zu demonstrieren.

Fridays for Future in Berlin
Insgesamt 30 junge Hagener Klimaaktivisten machten schon im Januar ganz kurzfristig einen Bus „klar“, um zusammen mit 80 Schülern aus ganz NRW in Berlin vor der Braunkohlekommission für den Klimawandel zu demonstrieren. (Foto: privat)

Die Jugendlichen gehen auf die Straßen, um gegen den von Menschen verursachten Klimawandel zu demonstrieren. Sie sehen sich gezwungen, laut einzufordern, was sie als die größte und wichtigste Herausforderung unserer Zeit erkennen und was die Erwachsenen längst beschlossen, oft versprochen und bisher eben nicht gehalten haben: Den Wandel in der Klimapolitik.

Schon im Dezember 2015 setzten die Klimaziele von Paris fest, dass die menschengemachte Erderwärmung auf unter zwei Grad gedrückt werden soll. An Einsicht und gutem Willen fehlt es offenbar nicht. Aber an Taten. Das wollen und können immer mehr ganz junge Menschen einfach nicht mehr hinnehmen.

Bunt, laut und ernst

Los geht es um 10.30 Uhr am Bahnhofsvorplatz. Von dort ziehen die jungen Demonstranten zum Theater. Ein Flashmob, Schlachtrufe, Aktionen und kurze Impulsreden sind hier geplant. Dann geht es weiter durch die Innenstadt bis hinauf zum Marktplatz auf der Springe.

Laura, Svea, Jolina, Janne, Lukas und Leon stehen für viele. Ihnen ist es ernst. Drei von ihnen sind Vegetarier, zwei liebäugeln mit einer veganen Ernährung. Alle sechs versuchen, Autofahrten zu vermeiden, ziehen Fahrrad und Bus und Bahn vor, besuchen Workshops zu Klimathemen und wollen „plastikfrei“ einkaufen.

Flugreisen zum Vergnügen können sie nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren. Und wenn es doch mal sein muss? „Ich fliege demnächst nach Ecuador“, sagt Laura. „Aber natürlich werde ich den Flug kompensieren.“ Organisationen wie z.B. „atmosfair“ bieten an, die Treibhausgasemissionen von Flügen, Hochseekreuzfahrten, Fernbusfahrten oder Veranstaltungen auszugleichen durch die Finanzierung klimaverbessernder Projekte.

Verzicht tut gut

Für Laura ist das selbstverständlich. Sie plädiert dafür, dass die Kompensationskosten demnächst gleich auf die Ticketpreise aufgeschlagen werden. Wie gesagt: Es wird ernst. Die Jugendlichen werden sich selbst nicht schonen. Sie sind bereit, Opfer zu bringen, um der Welt eine Zukunft zu geben. „Vielleicht werden immer mehr Menschen erkennen, dass Verzicht auch gut tut“, hofft nicht nur Laura.

 

 

 

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