Fußball ist für alle da

Hagen. (nic) Sport ist im Verein am schönsten – das wusste schon Turnvater Jahn. Etliche kleine (und große) Jungen – und manche Mädchen – träumen davon, mit Gleichgesinnten Fußball zu spielen, Tricks und Dribbeln zu erlernen und aufs Tor zu schießen. Was aber ist, wenn kein passender Sportverein gefunden wird, weil das Kind mit einem Handicap auf die Welt gekommen ist?

Diese Frage mussten sich auch Birgit Lindenblatt-Machunze und ihr Mann Volker stellen, deren Sohn stark sehbehindert ist und unter Epilepsie leidet. „Wir haben uns verschiedene Vereine angeschaut und unser Sohn durfte ein Probetraining machen, die Vereine sind uns da sehr entgegengekommen,“ erinnert sich Birgit Lindenblatt an die aufwendige Suche vor gut einem Jahr.

Auch wenn Inklusion („Einbeziehung“ oder „Eingliederung“) momentan in aller Munde ist: „Es funktionierte bei uns in der Praxis nicht“, gibt das Ehepaar unumwunden zu. „Unser Sohn fühlte sich einfach nicht wohl, und Kinder können nun einmal grausam sein“, so Vater Volker Machunze. Also machten sich die engagierten Eltern auf die Suche nach einer Handicap-Fußball-Mannschaft in der Region. Und wurden in der Nähe von Hattingen fündig.

Verein gefunden

Dort kickte der damals Siebenjährige auch einige Zeit, aber Hattingen liegt schließlich nicht „’mal eben um die Ecke“, sondern rund 40 Kilometer entfernt. „Die Trainer und Teilnehmer der Gruppe, die sich erst im September 2010 gegründet hatte, brachten mich schließlich auf die Idee, eine eigene Handicap-Gruppe in Hagen aus der Taufe zu heben“, erzählt die engagierte Mutter. Gesagt – getan. Nach Rücksprache mit dem Stadt- und Behindertensportbund fand die Familie einen Platz unter dem Dach des TuS Halden-Herbeck.

Da Birgit Lindenblatt-Machunze dort seit über 20 Jahren aktiv Faustball spielt, war der Verein ihr erster Ansprechpartner. Bereits im Mai 2011 ging die Handicap-Fußballgruppe an den Start. „Innerhalb kürzester Zeit erhielten wir etliche Anfragen von Hagener Familien“, erinnert sich Volker Machunze. Die Resonanz war groß. „Viele Eltern haben mir gesagt, dass sie schon so lange nach solch einem Angebot in der Region suchen“, freut sich die Initiatorin.

Training

Zur Zeit spielen 15 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren einmal wöchentlich Fußball. Trainiert wird immer montags von 17 Uhr bis 18.30 Uhr, in den Wintermonaten in der Sporthalle Lützowstraße, im Sommer auf dem Sportplatz Im Alten Holz mitten in Halden. Die Kinderschar ist bunt gemischt: ob Kinder mit Down-Syndrom, Sehbehinderung, Schwerhörigkeit, Epilepsie, extremem Übergewicht oder geistiger Behinderung… – das gemeinsame Spiel, die Bewegung und der Spaß stehen im Vordergrund. Ein Fußball, auf dem der Name eines jeden Kindes geschrieben und für die starke Gemeinschaft steht, wird jede Woche zum Trainingsstart hervorgeholt.

Ein liebevoller und offener Umgang mit den einzelnen Beeinträchtigungen ist hier Programm. „Die Kinder passen gut zusammen – trotz der großen Unterschiede“, weiß Ehepaar Machunze. Dementsprechend angepasst ist das Training. Mindestens vier Trainer/ Betreuer müssen zugegen sein. Zum Trainerteam gehören Birgit Lindenblatt-Machunze und ihr Mann Volker, Thomas und Ute Fuß, Britta Timpert und Jörg Machelett. Bei einigen Kindern ist sogar eine Eins-zu-Eins-Betreuung notwendig, deshalb sind die Eltern beim Training anwesend. Nach einem Aufwärmspiel steht ein Zirkel- und Lauftraining an, mit und ohne Ball, danach wird eifrig auf das Tor geschossen – „das machen die Kinder am liebsten“, sind sich die Trainer einig.

Das eigentliche Fußballspiel am Ende gestalte sich noch etwas schwierig, aber das würde auch noch kommen. Hänseleien aufgrund der Behinderung gibt es hier in dieser Gruppe nicht – und wenn doch einmal eine Grenze überschritten wird, sind die engagierten Trainer gleich zur Stelle und tragen zur Klärung bei. Mittlerweile spielen auch schon Geschwisterkinder ohne Behinderung in der Gruppe mit.

Geselligkeit

Doch nicht nur der gemeinsame Sport, sondern auch die Geselligkeit und der gegenseitige Austausch der Eltern haben in dieser Gruppe einen Platz. Nach dem Training stehen Kuchen und belegte Brötchen bereit. „Manchmal müssen wir die Kinder schon motivieren, nach dem Motto: erst die Bewegung, dann die Leckerei“, sagt Birgit Lindenblatt-Machunze augenzwinkernd. Im Sommer wird oftmals gegrillt – „für ganz Halden“, lacht Volker Machunze. Dank der Unterstützung heimischer Vereine und Unternehmen haben die Jungs und Mädels eigene Trikotsätze. Die Geldspende, die sie erhalten haben, soll für die Anschaffung von Sportgeräten verwendet werden.

Die Handicap-Fußballmannschaft ist noch kein Jahr alt, und trotzdem stehen schon zwei große Termine in den nächsten Monaten an: am 25. Mai 2012 tragen die Kinder ihr erstes Fußballturnier aus, und zwar gegen die andere Handicap-Fußballmannschaft in der Region, in Niederwenigern bei Hattingen. „Die Jugend-Teams von BVB und Schalke haben ihr Kommen zugesagt“, freut sich das Ehepaar Machulke. Zum Rett-Benefiztag in Bochum am 2. Juni, bei dem das Rett-Prominenten-Team gegen die VfL-Bochum-Traditionself antritt, dürfen die beiden Handicap-Mannschaften aus Hagen und Hattingen mit einem Einlagenspiel den Benefiztag eröffnen.