Haben auch die Hagener 1914 den Krieg bejubelt? (1/2)

Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach
Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach

Hagen. (ME) Am 1. August vor 100 Jahren wurde die deutsche Generalmobilmachung angeordnet. Damit begann der Erste Weltkrieg. In einer Serie hat der wochenkurier seit Januar über die Hagener Alltagsgeschehnisse in den Monaten zuvor berichtet. Autor war Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach aus Herdecke; er ist Historiker an der TU Dortmund.

Wir schließen unsere Serie nun ab mit einem Interview mit Prof. Sollbach, der sich intensiv mit der Stimmung in der Bevölkerung bei uns unmittelbar vor und nach dem Kriegsausbruch 1914 befasst hat …

wochenkurier: In der Schule lernten wir, dass die Menschen in Deutschland den Krieg 1914 herbeigesehnt und seinen Ausbruch begeistert begrüßt haben.

Prof. Sollbach: In der Tat herrscht in der kollektiven Erinnerung wie auch in der Geschichtsschreibung über den Ersten Weltkrieg die Ansicht vor, dass der Kriegsausbruch 1914 von den Deutschen mit unbeschreiblicher Begeisterung begrüßt wurde. Es gibt für einen im Juli/August 1914 in Deutschland herrschenden Kriegsjubel auch scheinbar eindrucksvolle Belege in Form von zeitgenössischen Fotos, dokumentarischen Filmaufnahmen und Zeitungsartikeln. Sie alle vermitteln das Bild von begeisterten Volksmassen, die den Beginn des Ersten Weltkriegs auf Straßen und Plätzen regelrecht gefeiert haben.

Sie sagen „scheinbar“. Bezweifeln Sie die Richtigkeit dieser überkommenen Vorstellung?

Ja. Vor allem die lokale Geschichtsforschung hat inzwischen nachgewiesen, dass die Charakterisierung als „Kriegsbegeisterung“ die damalige Stimmung der Bevölkerung nicht angemessen wiedergibt. Die Bevölkerung hat in Wirklichkeit offenbar viel differenzierter auf den Kriegsausbruch reagiert.

Sie haben die Geschehnisse in Hagen Ende Juli/Anfang August 1914 in der damaligen Stadt Hagen erforscht. Welche Quellen gibt es dafür überhaupt?

Neben einem, allerdings erst nachträglich verfassten Erinnerungsbericht und den zeitgenössischen Eintragungen in den Schul-Chroniken steht als hauptsächliche Quelle dafür die Berichterstattung in der Lokalpresse zur Verfügung. Die betreffenden Ausgaben der damals in Hagen erschienenen drei Tageszeitungen („Hagener Zeitung“, „Westfälisches Tageblatt“, „Westdeutsche Volkszeitung“) wie auch der beiden Tageszeitungen in den benachbarten und seinerzeit noch selbstständigen Städten Haspe („Hasper Zeitung“) und in Hohenlimburg („Der Gemeinnützige“) sind vollständig im Stadtarchiv Hagen vorhanden.

Am Montag, dem 3. August 1914, verkündete die Schlagzeile auf der Titelseite der „Hasper Zeitung“ den Beginn des Kriegs, der als Erster Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte.
Am Montag, dem 3. August 1914, verkündete die Schlagzeile auf der Titelseite der „Hasper Zeitung“ den Beginn des Kriegs, der als Erster Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte.

Hat die Presse damals wahrheitsgetreu berichten können? Denn im alten Kaiserreich war die Pressefreiheit doch ziemlich reguliert.

Stimmt. Andererseits gingen die Journalisten mangels anderer Informationsmöglichkeiten noch nach Draußen, um direkt den Puls der Bevölkerung fühlen, um es mal bildlich auszudrücken.

Und wie haben nun die Hagener, Hasper und Hohenlimburger auf Kriegsgefahr und Kriegsausbruch reagiert?

Die Berichterstattung in der örtlichen Presse während der letzten Juli- und der ersten Augusttage des Jahres 1914 vermittelt auf den ersten Blick tatsächlich den Eindruck, dass auch hier eine allgemeine Kriegsbegeisterung geherrscht habe.

Können Sie Beispiele nennen?

Die „Westdeutsche Volkszeitung“ berichtete am zweiten Tag nach Bekanntwerden des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen und den beginnenden Teilmobilmachungen am 25. Juli aus Hagen, dass hier „überall begeisterte Stimmung“ herrsche. Am selben Tag meldete die „Hasper Zeitung“, dass man zwar wünsche, von dem „großen Krieg“ verschont zu bleiben. Andererseits aber gönne man den Serben „von Herzen“ eine kräftige Niederlage. Eine besonders spektakuläre und zeittypische Stimmungsäußerung „jener Tage waren die „Züge“. Ein solcher „vaterländischer Marsch“ durch die Hagener Innenstadt erfolgte am 27. Juli. Zwei Tage später versammelten sich erneut mehrere hundert zumeist junge Leute vor dem Rathaus. Es handelte sich zum Teil um Schüler der höheren Lehranstalten. Von dort zog der Trupp durch die Körnerstraße zum innerstädtischen Neumarkt. Dort brachte die Menge vor dem dortigen Kriegerdenkmal das Kaiserhoch aus und sang patriotische Lieder. Danach bewegte sich der Zug weiter durch die Innenstadt. In Haspe schlossen sich am Abend desselben Tages nach einem von dem Städtischen Orchester im Stadtgarten veranstalteten „Patriotischen Promenadenkonzert“ etwa 250-300 Personen spontan zu einem Zug zusammen. Er nahm unter Absingen vaterländischer Lieder seinen Weg durch die Stadt.

(wird fortgesetzt)