Hagen mitten im Regenwald

Von Antje Selter

Hagen. Letzte Woche hat der wochenkurier bereits darauf hingewiesen, dass es zahlreiche herausragende geologische Besonderheiten in der heimischen Region gibt. Die wichtigsten will der wk – wie angekündigt – in den nächsten Wochen vorstellen. Vor der Beschreibung der einzelnen Geotope ist es jedoch sinnvoll zu erläutern, wie es vor vielen Millionen Jahren im Raum Hagen augesehen haben könnte.

Die in Hagen aufgeschlossenen Gesteine umfassen hauptsächlich die Erdzeitalter des Devons und Karbons (416 bis 299 Mio. Jahre). In diesen Gesteinsschichten findet man unter anderem Fossilien (versteinerte Tiere und Pflanzen), die normalerweise im Äquatorbereich unserer Erde und insbesondere im Meer lebten. Wie ist so etwas möglich? Wie wurden diese Gesteinspakete in unsere Breitengrade transportiert?

Kontinentalverschiebung

Grund für dieses Phänomen ist die Kontinentalverschiebung (Plattentektonik). Auch wenn es sich dabei um eine „relativ“ neue Theorie handelt – erst in den 1970er als „Theorie der Plattentektonik“ anerkannt – werden uns die Auswirkungen momentan deutlich vor Augen geführt: Erdbeben u.a. in Japan und Vulkanausbrüche zeugen davon. Mit Hilfe der Plattentektonik ist man heute in der Lage, die Erdgeschichte genau zu rekonstruieren.

Form und Größe der Kontinente unterliegen einem ständigen Wandel, der sich jedoch außerordentlich langsam vollzieht. Auf meinen Exkursionen durch Hagen werde ich immer wieder gefragt, wie schnell die Platten sich verschieben, und ob man damit rechnen muss, dass sich der Oberrheingraben noch zu unseren Lebzeiten öffnet. Nein, die Kontinente und der Meeresboden bewegen sich auf diesen 50 bis 80 km dicken Platten 1 bis 10 cm pro Jahr mit horizontaler Ausrichtung über die Erde, ungefähr so schnell wie unsere Fingernägel wachsen. Die Platten stoßen zusammen, driften voneinander weg, oder reiben aneinander. Wenn sich zwei Platten zusammenschieben, „falten“ sich die Ränder der Erdkruste auf und bilden ein Faltengebirge.

Wie ein Pudding

In den heimischen Steinbrüchen sind zum Beispiel 300 Milionen Jahre alte, versteinerte Korallen zu finden. Unser Foto zeigt ein angeschnittenes Exemplar aus Hohenlimburg. (Foto: Michael Eckhoff)

Falls Sie, liebe Leser, Lust und Zeit haben, können Sie die Plattentektonik mit einem kleinen Experiment nachstellen. Nehmen Sie einen großen, flachen Kochtopf und rühren Puddingpulver zum Kochen mit Milch nach Rezept an. Dieses bei mittlerer Hitze erwärmen, bis sich eine zähflüssige Masse (= Magma des Erdmantels) bildet. Legen Sie nun Zwiebackstücke (= Platten) auf diesen Brei. Die Stücke bewegen sich nun durch die Wärme der Herdplatten aus- und gegeneinander. Ursache für den Antrieb der Platten sind die Bewegungen im Erdmantel. Stellen Sie nun die Herdplatte auf die höchste Stufe, und Sie erleben auch noch einen Vulkanausbruch in Ihrer Küche!

Zum Zeitpunkt des Devons und Karbons existierten die Kontinente weder in ihrer heutigen Form noch befanden sie sich an ihrer heutigen Position. Europa, Grönland und Nordamerika bildeten den Großkontinent „Laurussia“ auf der Nordhalbkugel. Nord- und Südchina, Kasachstan und Sibirien bildeten je einen weiteren Kontinent, ebenfalls auf der Nordhalbkugel.

„Gondwana“, der Kontinent der Südhalbkugel, bestand aus dem heutigen Südamerika, Afrika, Madagaskar, der arabischen Halbinsel, Indien, der Antarktis und Australien.

Riesiges Meer

Getrennt waren diese beiden Großkontinente durch ein riesiges Meer: „Paläotethys“. Durch das Wandern der Kontinente verringerte sich der Abstand allmählich.

Bedeutsam ist auch die damalige Lage des Hagener Raumes auf der Erde: Hagen war in der Nähe des Äquators positioniert. Somit war das Klima mit dem des heutigen tropischen Regenwaldes vergleichbar.

Verwitterungs- und Abtragungsprodukte wurden von einem im Norden gelegenen Festland („Old-Red-Kontinent“) im Devon vor etwa 390 Mio. Jahren durch Flüsse nach Süden transportiert. Das Devonmeer, das sich in einem lang gestreckten Meerestrog von Südengland über die Bretagne und Belgien bis nach Mitteldeutschland erstreckte, konnte aufgrund eines langsam absinkenden Meeresbodens (Geosynklinale) diese ungeheuren Schuttmassen aufnehmen.

Korallenriffe

Zur Zeit des Unteren Mitteldevons verlief die Küste durch das Gebiet wenig nördlich des Hagener Raumes. Gegen Ende des Mitteldevons (ca. 380 Mio. Jahre) hatte sich die Küste des Nordkontinentes wieder nach Norden verlagert. Nachdem die Old-Red-Gebirgshöhen weitestgehend eingeebnet waren, nimmt die Zufuhr von Festlandschutt ab. In einem flachen Randmeer bildeten sich zunächst kleinere Korallenriffe, später ein lang gestrecktes Riff, das der nördlichen Festlandküste vorgelagert war.

Während der Oberdevon- und Unterkarbonzeit verschwand allmählich der lang gestreckte Meerestrog aus der Zeit der Massenkalkablagerungen zugunsten kleinerer Becken und Schwellen. Schließlich wurde durch weitere Hebung des Meeresbodens das Meer zur Flachsee. Im oberen Devon versanken die Riffe, während gleichzeitig wieder festländischer Erosionsschutt in den Trog gelangte.

An der Wende Devon-Karbon (vor ca. 358 Mio. Jahre) begann im Zuge einer Gebirgsbildung (Variszische Orogenese) die Auffaltung des Rheinischen Schiefergebirges. Im Karbon wurden die Kalksteine zusammen mit den unter- und überlagernden Sand- und Tonsteinen zum „Variskischen Mittelgebirge“ aufgefaltet. Daher sind die ursprünglich waagerechten Gesteinsschichten heute schräg verstellt. Der spröde Kalkstein zerbrach bei diesen Faltungsvorgängen.

Superkontinent

GONDWANA und LAURASIA vereinigten sich zum Superkontinent PANGÄA. Durch die Kollision wurde in mehreren Phasen (variszische Gebirgsbildung) ein bis zu 500 Kilometer breites Gebirge aufgefalteten, das durch ganz West- und Mitteleuropa, von Spanien bis nach Polen verläuft. An seinem nördlichen Ufersaum und in festländischen Becken wuchsen im Ober-Karbon (ca. 318 bis 299 Mio. Jahre) in tropischen Sümpfen und Küstenmooren riesige Wälder, aus denen später mächtige Kohleflöze entstanden.

In den anschließenden Erdzeitaltern drifteten die Gesteinsschichten des Hagener Raums in unsere Breitengrade. Zur weiteren Ablagerung von Sedimentgesteinen kam es in unserer Region nicht mehr, da dieser Bereich nicht mehr von einem Meer bedeckt wurde. Es wirkte nur noch die Verwitterung und Erosion auf dieses Gebirge ein. Das ehemals so hohe Gebirge – ähnlich wie die Alpen – stellt sich heute als mittelhoher Gebirgsrumpf mit tief eingegrabenen Tätern dar. Die im Tertiär (ca. 65 Mio. Jahre) begonnene Heraushebung des Rheinischen Schiefergebirges setzt sich weiter fort, so dass sich Flüsse und Bäche immer stärker einschneiden können. Flüsse und Bäche und die dazwischen liegenden Bergrücken oder Hochflächen gliedern unsere heutige Landschaft. Nicht ohne Grund wird das Sauerland „Land der tausend Berge“ genannt.

(wird fortgesetzt)