Hagens "Dreigroschenoper"

Hagen. (none) Brechts „Dreigroschenoper“, uraufgeführt 1928 in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm, dürfte weltweit das bekannteste deutsche Theaterstück des 20. Jahrhunderts sein – ohnehin der größte Berliner Theatererfolg seit der Uraufführung von Webers „Freischütz“ am Königlichen Nationaltheater 1821. Vergangenen Samstag hatte das „Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern“ Premiere – nach 60 Jahren wieder einmal in Hagen!

E. Hauptmann, Brechts Mitarbeiterin, war 1927 aufmerksam geworden auf die in London neu entdeckte „Beggar’s Opera“ von Gay und Pepusch aus dem Jahre 1728. Sie weckte Brechts Interesse, übersetzte den englischen Ursprungstext, und gemeinsam beschäftigte man sich monatelang mit dem Stück. Im Mai 1928 zieht Brecht sich mit dem Komponisten Kurt Weill an die französische Riviera zurück, um an der Opera zu arbeiten – „wie verrückt“ (L. Lenya).

Trotz ihrer Ansiedlung im viktorianischen (?) England kritisiert die „Dreigroschenoper“ mit Satire und Spott die bürgerlich-kapitalistische Welt der Weimarer Republik, zielt auf die Entlarvung der korrupten Bourgeoisie. Die beiden Kriminellen, Peachum und Mackie Messer, „darzustellen als bürgerliche Erscheinung“ (Brecht), betreiben ihr Geschäft wie gewiefte Unternehmer. Peachum – Familienvater und guter Christ (!) – schickt sein Bettlerheer auf Beutezug und kassiert ab.

Der „neue Mensch“

Als Mackie – skrupelloser, charmanter Mordkünstler – mit seiner Tochter durchbrennt, verrät Peachum ihn an die Polizei. Doch Mackie zieht seinen Kopf aus der Schlinge. Er ist der neue Mensch, er bewegt sich in der Welt des wirtschaftlichen und moralischen Verfalls, wo jeder jeden ans Messer liefert, wie ein Fisch im Wasser.

Gemäß dem von Brecht erarbeiteten neuen Darstellungsprinzip des „epischen Theaters“ soll das Geschehen auf der Bühne die Zuschauer nicht in eine illusionäre Welt führen, sondern sie vielmehr zur kritischen Betrachtung über die gesellschaftlichen Zustände anregen, die bürgerlichen Wertvorstellungen als fragwürdig erkennbar machen. K. Weill im Juni 1928: „…die Komposition der Beggar’s Opera macht mir viel Spaß. Sie wird in einem sehr leicht sangbaren Stil geschrieben, da sie ja von Schauspielern aufgeführt werden soll“.

In Hagen agiert ein Musiktheater-Ensemble, Regie führt der hier bestens bekannte Th. Weber-Schallauer, J. Bammes zeichnet für die Ausstattung verantwortlich. Die Protagonisten, allen voran W. Hahn und M. Bennett (die Peachums), T. Schun (deren Tochter Polly), M. Klier (Lucy) und E. Wehrens (Spelunkenjenny) haben ihre künstlerische Heimat im Musiktheater, haben Jahre in die erfolgreiche Ausbildung ihrer Gesangsstimmen investiert. Bei aller Wertschätzung für ihre Leistungen: der „Spartenwechsel“ in die professionelle Schauspielersprache ist nicht unbedingt ihre Sache, wie auch bei dem ein oder anderen die Interpretationen der Songs oft genug eine Spur „zu gut gestützt“ sind. Bei Ch. Higer (Mackie Messer), einem gelernten Schauspieler, kommt eher der genregerechte Tonfall zur Sprache. O. Mason gibt den Londoner Polizeichef Brown, H. Fiehl einen Moritatensänger.

Meisterlich

Kurt Weill vermischt in seiner Musik viele Elemente: Barock-Zitate, Jazz, Blues, Jahrmarkts-Musik etc., dazu die ironischen Seitenhieben auf die Oper, ein Plädoyer wider den expressiven Stil, den großen musiktheatralischen Bogen. Er schreibt für ein kammermusikalisch besetztes Bläserensemble – mit dem musikalischen Leiter A. Ruef, zugleich exzellenter Pianist und Harmoniumspieler, insgesamt zehn Musiker, die mehr als 20 Instrumente beherrschen. Diese Solisten – stellvertretend: der Posaunist – aus dem Philharmonischen Orchester lösen ihre vielfältigen Aufgaben meisterlich.

Viele Intellektuelle wie E. Bloch, W. Benjamin, Adorno, A. Kerr nahmen Stellung zur „Dreigroschenoper“. Hannah Arendt behauptet in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, das Stück habe „das genaue Gegenteil von dem, was Brecht mit ihm gewollt hatte“ bewirkt – die Entlarvung bürgerlicher Heuchelei. Das „einzige politische Ergebnis des Stückes war, daß jedermann ermutigt wurde, die unbequeme Maske der Heuchelei fallen zu lassen“.

Der Besuch der Hagener „Dreigroschenoper“ ist (Bürger)Pflicht – zumal nach 60 Jahren!

Die nächsten Termine

  • 8. Mai (19.30 Uhr)
  • 11. Mai (19.30 Uhr)
  • 18. Mai (19.30 Uhr)
  • 23. Juni (15.00 Uhr)
  • 26. Juni (19.30 Uhr)

Weitere Aufführungen finden im Juli 2013 statt.