Hagens schöne Häuser

Hagen. Seit zwei Jahren gibt es im wochenkurier eine Reihe zu Hagens interessantesten Häusern aus der Zeit zwischen 1870 und 1930.

Jetzt laden wk-Chefredakteur Michael Eckhoff und der Hagener Heimatbund in Zusammenarbeit mit der VHS am Donnerstag, 22. September 2011, um 18 Uhr ein, in den Stadtteilen Eilpe und Oberhagen auf eine kleine Entdeckungsreise zu gehen, Motto: „Jugendstil & Co.“.

Vom Treffpunkt an der Hallenschule (heute: Gustav-Heinemann-Schule), Franzstraße 79, geht es zur evangelischen Christuskirche, wobei es rechts und links des Weges viel zu sehen gibt. Zum Abschluss wird die aus den 30er Jahren stammende Siedlung Eilper Feld besucht, in der auch kleine Kunstwerke von Karel Niestrath zu finden sind. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen; die Teilnahme ist kostenlos.

Diese Jugendstil-Wanderung durch Eilpe ist für den wochenkurier Anlass, seine Serie „Hagener Baukunst zwischen 1870 und 1930“ auch heute wieder fortzusetzen – und zwar mit der Betrachtung der Christuskirche, der Wippermannschen Fabrik und des Hagener Siedlungsbaus der späten 1920er-Jahre.

Von Michael Eckhoff

An der Hohle Straße zeigt sich – trotz einiger kriegsbedingter Veränderungen – mit der Christuskirche ein gut erhaltener Vertreter der Neugotik. (Foto: Michael Eckhoff)

Um 1880/1910 stand der Kirchenbau in der Region Hagen stark unter dem Einfluss der von mittelalterlichen Vorbildern geprägten „Kölner Richtung“. Die beiden wichtigsten in Hagen tätigen Baumeister in der Tradition der Kölner Dombauhütte waren G.A. Fischer und insbesondere der Neugotiker Clemens Caspar Pickel (1847-1939).

Fischer schuf die katholische Bonifatius-Kirche in Hohenlimburg (1863-1885) und die Bonifatius-Kirche in Haspe (1872), sodann das evangelische Gotteshaus an der Vorhaller Straße (1900-1903), ferner zahlreiche Umbauten sowie die Kirche St. Johannes Baptist in Boele. Pickel entwarf St. Marien an der Hochstraße (1892/95), St. Michael an der Lange Straße (fertiggestellt 1915) und die zunächst unvollendet gebliebene Herz-Jesu-Kirche an der Eilper Straße (1897).

Christuskirche

Hervorheben wollen wir an dieser Stelle jedoch die evangelische Christuskirche: An der Hohle Straße zeigt sich – trotz einiger kriegsbedingter Veränderungen – mit der Christuskirche ein gut erhaltener Vertreter der Neugotik. Geplant 1896 von Baurat Karl Siebold (Bielefeld), entstand bis 1898 ein dreischiffiges, reich gegliedertes Gotteshaus mit vorgesetztem Turm aus rauem Bruchsteinmauerwerk. Die Christuskirche gilt laut Landeskonservator als „qualitätvolle Verbindung der ev. Predigtkirche mit einem mittelalterlichen Hallenkirchentypus“. Sowohl die zugehörige Platzsituation wie auch das Pfarrhaus zeigen sich ebenfalls großenteils im Zustand der Erbauungszeit.

Wippermann

Sehenswert ist im Hagener Süden auch der heutige Hauptbetrieb der Firma Wippermann, 1903 vollendet. (Foto: Michael Eckhoff)

Als traditionsreicher Gewerbestandort verfügt Hagen über zahlreiche herausragende Technische Kulturdenkmäler – insbesondere auch im Bereich der Eilper- und Delsterner Straße (frühere B54), wo sich im späten 19. Jahrhundert ein ausgedehntes Industriegebiet – u.a. mit der Kettenfabrik Wippermann (Eilper Straße 71-75, Baujahr 1914, Architekt: C. Post) – herauskristallisierte. Nach Aufgabe der Eilper Ketten-Produktion erfolgte 1998 die grundlegende Umgestaltung zur „Wippermann-Passage“ (Architekt: E. Sommer). Sie enthält Gastronomie, die Hagenring-Galerie sowie das Historische Centrum (u.a. Stadtmuseum), gegenüber: die zugehörige Fabrikantenvilla (Ende 19. Jahrhundert, Architekt: ebenfalls C. Post).

Sehenswert ist ferner der heutige Hauptbetrieb der Firma Wippermann, 1903 vollendet (Architekt: C. Post): Das Oberdelsterner Werk, Delsterner Straße 133-137, zeigt eine qualitätsvolle Fabrikgestaltung und – in unmittelbarer Nähe – mehrere Unternehmer-Villen mit Jugendstil- und Historismus-Details sowie Park-Anlagen rund um die Villen.

Siedlungen

Im Bereich des Siedlungsbaus gibt es in Hagen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche hervorragende Beispiele insbesondere in Wehringhausen (so die Cunosiedlung), Hohenlimburg (zum Beispiel in Elsey) und in Haspe (unter anderem im Bereich des Steinbrinkhofs). Ferner lohnt sich unbedingt der Besuch des Wielandplatzes (Eckesey) und des Ortsteils Alt-Emst/Bissingheim. Weitere mit Kunstwerken angereicherte Quartiere der 1920er Jahre befinden sich ebenso auf dem Böhfeld (Boele), an der Kipper (Westerbauer), an der Franzstraße (Eilpe), am Eilperfeld (Eilpe) und auf dem Ischeland.

Die Christuskirche: Das 1896 von Baurat Karl Siebold (Bielefeld) entworfene dreischiffige, reich gegliederte Gotteshaus mit vorgesetztem Turm aus rauem Bruchsteinmauerwerk ist ein interessantes Beispiel der typischen Kirchenbauweise der Zeit um 1900. (Foto: Michael Eckhoff)

Doch nachdem all diese Siedlungen um 1930 mehr oder weniger fertiggestellt waren, war es mit dem eher kurzen Bauboom der Weimarer Republik auch schon wieder vorbei. Der Start in die 1930er Jahre ist in Hagen vorrangig von zwei Ereignissen geprägt:

  • erstens von der kurz zuvor – genauer: im August 1929 – erfolgten Eingemeindung des Amtes Boele (mit Boele, Fley, Halden, Herbeck und Holthausen), der Gemeinde Vorhalle und der Stadt Haspe, was zu einer Erhöhung der volmestädtischen Einwohnerzahl von gut 100.000 auf rund 148.000 führte,
  • sowie zweitens von der Weltwirtschaftskrise, die 1929 ihren Ausgang in den USA nahm und die in kurzer Zeit in Deutschland eine katastrophale Wirtschaftslage und eine damit verbundene drastische Erhöhung der Arbeitslosenquote zur Folge hatte.

Optimismus verflogen

Rückblickend auf die ersten Monate des Jahres 1929 heißt es im städtischen Verwaltungsbericht, es habe Optimismus „in der Anschauung von der Zukunft in der Wirtschaft“ geherrscht, was sich auch auf die Arbeit in der Hochbauverwaltung ausgewirkt habe, „indem die Lust zum Planen und die Hoffnung auf Erfüllung dieser Pläne noch vorhanden war“. Vor allem galt es, die eingemeindeten Gebiete zu integrieren und beispielsweise die unterschiedlichen Baupolizeiverordnungen zu vereinheitlichen.

Nur ein Jahr später – also im Verwaltungsbericht für 1930 – ist der Optimismus weitgehend verflogen: „Alle größeren Hochbauten mussten im ersten Vierteljahr eingestellt werden.“ Und weiter heißt es: „In der zweiten Hälfte des Jahres, in der die Zahl der Erwerbslosen stark anstieg, hatte auch das Entwurfsamt fast nur noch Notstands- und Fürsorgearbeiten vorzubereiten.“

Diese Entwicklung hatte unmittelbar auch Auswirkungen die großen gemeinnützigen Baugesellschaften. Stellvertretend für alle wollen wir einen Blick auf die städtische Tochter „Hagener gemeinnützige Wohnungsgesellschaft m.b.H“ werfen. Wurde 1928/29 noch kräftig gebaut, beschränkte sich die Geschäftstätigkeit im Jahr 1930 lediglich auf die Fertigstellung einiger im Vorjahr begonnener Bauten. Insgesamt wurden in den ersten gut zehn Jahren ihres Bestehens von der „städtischen Gemeinnützigen“ immerhin 1023 Wohnungen verwirklicht, also rund 100 pro Jahr.

Die Zahl „100“ wurde auch 1930 wieder erreicht – allerdings mit einem gravierenden Unterschied zu den Vorjahren: geschah die Planung in den 1920er Jahren meist auf gestalterisch hohem Niveau (etwa an der Pelmke-/Ecke Eugen-Richter-Straße und in der Königstraße), galt es nun, „bei der Errichtung von Neubauten mehr als bisher auf eine tragbare Wohnungsmiete für die minderbemittelten Schichten der Bevölkerung“ zu achten. Das Ziel fortan: „Sparsamste und einfachste Bauweise!“ Die ersten Siedlungen, die diesem Motto Rechnung trugen, entstanden 1930 an der Wörth- und an der Bürgerstraße.

Den widrigen Zeitumständen zum Trotz hofften Stadtverwaltung und die Geschäftsführung der Stadt-Tochter zu diesem Zeitpunkt noch, die „gesunde Grundlage erhalten zu können“.

Die zunächst unvollendet gebliebene Herz-Jesu-Kirche an der Eilper Straße (1897). (Foto: Michael Eckhoff)

Doch 1931 sah es noch trüber aus: Im Juli erließ die Regierung aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage eine Notverordnung, wonach „öffentliche Neubauten bis Ende 1934 ausdrücklich verboten sind“. Die städtische Gesellschaft beabsichtigte zunächst noch 24 Wohnungen an der Sachsenstraße, 40 Reihenhäuser am Loxbaum und 32 Wohnungen (für bedürftige Personen) an der Franzstraße zu realisieren, doch von diesen drei Vorhaben konnte letztlich nur das Oberhagener Projekt in die Tat umgesetzt werden. Für die beiden anderen Vorhaben „war es nicht möglich, die nötigen Baugelder zu beschaffen“, notiert seinerzeit der städtische Verwaltungsbericht nüchtern.

Und wie sah es um 1930 generell in Hagen aus? Nun, von den noch vor der Eingemeindung geplanten größeren Bauvorhaben konnten nur einige wenige zu Ende geführt werden, so etwa der erste Bauabschnitt der neuen Berufsschule am Ennepeufer in Haspe (heute Christian-Rohlfs-Gymnasium). Für andere – zum Teil schon im Rohbau fertiggestellte – Renommierprojekte gab es keine Realisierungsmöglichkeit. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Hasper Badeanstalt, für die sogar überlegt wurde, hierin eine Markthalle oder das Arbeitsamt unterzubringen.

Nur ein Projekt

Wie es 1933 in Deutschland weitergeht, ist hinreichend bekannt: Hitler wird Reichskanzler und die demokratische Weimarer Republik zerstört. Die Nazis richten ihr Augenmerk in der Folgezeit weniger auf den öffentlichen Wohnungs-/Siedlungsbau und vielmehr auf die Errichtung von Stollen-Anlagen und Bunkern. Dennoch kann die gemeinnützige städtische Wohnungsbaugesellschaft in den Jahren unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg ein größeres Projekt in Angriff nehmen: den Bau der Tondernsiedlung zwischen Feithstraße und Halden.

Der Hagener Heimatbund und die VHS laden am Donnerstag, 22. September, um 18 Uhr ein, die interessanten Häuser aus der Phase zwischen 1870 und 1930 in den Stadtteilen Eilpe und Oberhagen zu entdecken. Vom Treffpunkt an der Hallenschule (Foto), Franzstraße 79, geht es unter der Leitung von Michael Eckhoff bis zur evangelischen Christuskirche. (Foto: Bärbel Taubitz)

Sogenannte Stadtrandsiedlungen zu errichten, war selbstverständlich keine Erfindung der Nationalsozialisten, doch schrieben sie sich dieses Ziel seit 1934 propagandistisch auf die Fahnen. Wie die Wohnungen einer solchen Siedlung nach NS-Auffassung auszusehen hatten, ergibt sich aus den 1937 verfassten „Kleinsiedlungsbestimmungen“. Hiernach richtete sich der Fokus auf die „vorwiegend gartenbaumäßig zu nutzende Landlage“; die Wohnungen sollten eine Mindestgröße von 34 Quadratmetern haben, wobei 14 Quadratmeter auf den Wohn-/Kochraum, 12 auf das Elternschlafzimmer und 8 auf das Kinderzimmer entfielen. Für einen Kleintierstall waren sechs Quadratmeter einzuplanen. Die 1936 projektierte Siedlung an Tondern- und Sonderburgstraße (bei beiden Straßennamen standen Orte im seit 1920 dänischen Teil des ehemaligen Herzogtums Schleswig Pate) enthielt letztlich etwa 300 Wohnungen, wobei nur der kleinere Teil in „richtigen“ Siedlungshäusern entstand, den weitaus größeren Teil bildeten „Volkswohnungen“, die „hinsichtlich Wohnraum und Ausstattung äußerste Beschränkung aufweisen“. Äußerlich waren indes die Volkswohnhäuser und die Siedlungshäuser kaum voneinander zu unterscheiden, zumal auch zu den Wohnungen ein Stall und ein Stück Gartenland gehörten, „so daß es möglich sein wird, den Bedarf an Gemüse und Kartoffeln teilweise aus eigenem Wachstum zu decken“.

Die „Hagener Zeitung“ bejubelte 1937 die „geradezu idyllische und naturnahe Lage“ der Siedlung. Doch die Siedler und Mieter konnten sich an ihrer „Idylle“ nicht lange erfreuen – kaum waren die Häuser fertiggestellt, überfielen deutsche Truppen auf Befehl von Hitler am 1. September 1939 das Nachbarland Polen, der Zweite Weltkrieg begann.