Im Großsegler zu den Paralympics

Die „Tenacious“ ist behindertengerecht ausgestattet. Auch eine Fahrt mit Rollstuhl stellt kein Problem dar. (Foto: Tim Nowak/svnrw)

Haspe. (AnS) „Das war ein unvergessliches Erlebnis“, ist Otto Ahr nach Ende seiner ungewöhnlichen Reise immer noch restlos begeistert. Gemeinsam mit behinderten und nichtbehinderten Menschen unterschiedlichen Alters machte sich der Hasper mit dem Großsegler „Tenacious“ auf den Weg zu den Paralympics nach London – der wk berichtete bereits im Vorfeld über das Projekt des Behindertensportverbandes NRW e.V.

Ein hoher Seegang machte einigen Teilnehmern zu schaffen. Trotz mancher Handicaps war jeder für jeden da… (Foto: Tim Nowak/svnrw)

Ziel der Seereise war dabei nicht nur die Eröffnungsfeier in Englands Hauptstadt, Ziel war „gelebte Inklusion“, also das Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen.

„Gemeinsam sind wir stark“ hätte das Motto der Fahrt auch laut können. Eine nicht unerhebliche Herausforderung ist es, einen Segler wie die „Tenacious“ – ein barrierefreies Schiff mit immerhin 65 Metern Länge – übers Meer zu lotsen. Für den Volmestädter eines der beeindruckenden Ereignisse: „Das Segeln mit einem Dreimaster, der von uns Teilnehmern ganz alleine von Emden bis London gesteuert wurde, war einfach toll. Die Crew war in Wachen eingeteilt, die alle vier Stunden abgelöst wurde. Jeder war mal dran, rund um die Uhr. Alles lief nach einem genau festgelegten Plan“, erzählt der 62-Jährige, der rechtsseitig gelähmt ist, von den Anstrengungen an Bord.

Schrubben an Deck

Auch er musste – wie jeder andere – nachts an Bord Wache schieben. Jeder musste überall mithelfen. Putz- und Küchendienste wie Deck schrubben und spülen waren genauso gefragt wie Navigierkünste. „Urlaub ist anders“, lacht Otto Ahr, der Segeln auch privat als Hobby betreibt. Einmal im Jahr geht es mit Freunden auf Tour, die deutsche Küste ist meist Anlaufpunkt der reinen Männerrunde.

Hoch hinauf ging es für manche Teilnehmer, Schwindelfreiheit vorausgesetzt. Lohn für alle Mutigen: der wunderschöne Ausblick! (Foto: Tim Nowak/svnrw)

Einmaliges Erlebnis

Für den Hasper bedeutete das Wichtigste der Mission aber die Zusammensetzung der Crew aus Behinderten und Nichtbehinderten und die Altersspanne von 14 bis 65 Jahre. „Und dies alles auf dem beengten Raum eines Seglers, das stellt einige Anforderungen, zumal wir am zweiten und dritten Tag und Nacht immer Windstärken zwischen 6 und 8 hatten, in Böen war es sogar Windstärke 9. Das konnten natürlich nicht alle 36 Teilnehmer der Crew verkraften, es waren einige seekrank“, schmunzelt Ahr. „Aber bis wir in London ankamen, waren alle wieder gesund und voller Erwartung über das bevorstehende Ereignis.“ Das war die Teilnahme an der Eröffnungsfeier im Olympiastadion.

„Ein einmaliges Erlebnis, die ganze Welt war vertreten“, zeigt sich Ahr von dem Spektakel beeindruckt. Einen Wermutstropfen aber gab es im Stadion: Viele Rollstuhlfahrer konnten die Treppenstufen nicht bewältigen und mussten getragen werden.

Glücklich und erschöpft

Müde, erschöpft, aber glücklich und mit vielen neuen Eindrücken ging es um 24 Uhr mit der U-Bahn zurück zum Schiff und ein letztes Mal fiel die Crew in ihre Kojen. Eine allerletzte Anstrengung wartete am nächsten Morgen: „Nach kurzem Schlaf auf der Tenacious mussten wir um 7 Uhr aufstehen, das Schiff innen und außen säubern, frühstücken und dann ging es mit dem Bus zurück nach Duisburg, wo wir gestartet waren. Jetzt muss ich mich erst einmal von den Strapazen erholen. Das Leben auf See war doch ungewohnt.“

Wahre Inklusion

Otto Ahr ist überzeugt: „Für uns alle wird diese Seereise unvergessen bleiben.“ Neue Freundschaften sind entstanden, ein Team hat sich in den wenigen Tagen gebildet. Beharrlich und gemeinsam haben die Segler ihr Ziel verfolgt und dafür gesorgt, das die Inklusion mit Leben gefüllt wurde.

Und wer weiß, vielleicht sehen die Teilnehmer dieses Projektes einen der Kollegen bald wieder: Der 17-jährige Münchner Corry Rudder ist begeisterter Rollstuhlbasketballer und will bei den kommenden Paralympics in Rio de Janeiro in vier Jahren wieder dabei sein: diesmal aber als Olympiateilnehmer und nicht als Zuschauer…