Im Land des Kain

Hagen. (ME) Der Herdecker Historiker Dr. Gerhard E. Sollbach war erneut in Kanada auf „einsamen Abenteuer-Pfaden“ unterwegs. Der wochenkurier hat ihn gebeten zu berichten – in einer mehrteiligen Serie. G.E. Sollbach erzählt heute im 3. Teil, wie es ihm im Grands-Jardins-Nationalpark ergangen ist:

Von den verschiedenen Trails in dem Park war für mich der Le Mont-du Lac-des-Cynges-Trail der interessanteste, aber auch einer der anstrengendsten. Er ist zwar nur etwas über 8 km lang, doch müssen dabei auf einer recht kurzen Strecke etwa. 500 Höhenmeter überwunden werden. Man braucht für den Trail laut Angabe in der Park-Broschüre zwischen 4 und 6 Stunden. Ich habe etwas über 5 Stunden benötigt. Darin sind aber auch einige Pausen enthalten, die ich zum Genießen der Landschaft – aber auch um ein bisschen zu verschnaufen – eingelegt hatte.

Auch hier ging es gleich steil und stetig über Geröll und Felsen nach oben. Aber das kannte ich ja inzwischen. Auf diesem, wie überhaupt auf den meisten der dortigen Trails, kommt man irgendwann an einen See. Das ist kein Wunder, denn davon gibt es über 60 in dem 310 Quadratkilometer großen Park. Je höher man kommt, umso mehr geht aber der Baumbewuchs zurück. Oben auf der Hochebene befindet man sich dann in einer gänzlich anderen, nämlich in einer arktischen Vegetationszone. Hier gibt es bestenfalls noch Krummholz und einen Strauchbewuchs, der im Herbst in hellroter Farbe leuchtet. Dafür ist das Gelände aber übersät mit grauen Granit-Steinbrocken und zahlreichen glatten Felsbuckeln. Dazwischen breiten sich ganze Teppiche von silbrig-grauem Rentiermoos aus, während an dem Gestein und zum Teil auch an den Bäumchen Flechten in unterschiedlichsten Formen und Farben kleben.

Um den arktischen Eindruck noch zu verstärken, pfeift hier oben ein scharfer und sehr kalter Wind. Ich war daher froh, meine gefütterten Handschuhe und Ohrwärmer mitgebracht zu haben. Bei dem Blick über diese rauhe und unwirtliche Landschaft kam mir unwillkürlich die biblische Geschichte von Kain und Abel in den Sinn (Altes Testament, 1. Mose, 1-16). Ich dachte, so ähnlich muss das Land des Kain ausgesehen haben, auf das Gott als Strafe für den Mord an seinem Bruder Abel einen Fluch gelegt hatte: unfruchtbar und voller Steine.

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Kraterblick

Auf dieser Geröllwüste habe ich dann aber auch gleich zweimal meinen Weg verloren. Das passiert schnell, wenn man seinen Blick über die Landschaft und in die Ferne schweifen lässt, statt ständig auf den Boden zu sehen. Denn der Trail ist in dem Geröll kaum und auf den glatten Felsen so gut wie gar nicht zu erkennen. Auch gibt es hier keine eigentliche Wegezeichnung. Lediglich ist manchmal ein Felsbrocken als Richtungsweiser auf einen Felsbuckel gelegt worden. Doch kann es sich dabei auch um eine Naturerscheinung handeln. Das weiß man aber erst, wenn man danach wieder auf den Pfad trifft – oder eben auch nicht.

End- und zugleich Höhepunkt dieses Trails ist der Gipfel des 980 m hohen Mont du Lac des Cynges. Von dort oben hat man in der Tat einen atemberaubenden Rundblick weit über die von zahlreichen teils bewaldeten Hügeln, teils von nackten Felskuppen geprägte typische Laurentides-Landschaft. Doch das ist noch nicht alles. Nach Süden hin blickt man in einen riesigen Krater. Dieser entstand vor rund 350 Millionen Jahren durch den Einschlag eines Meteoriten von mindestens 2 km Durchmesser und etwa 15 Milliarden Tonnen Gewicht. Heute ist aber nur noch gut die Hälfte des ursprünglich schätzungsweise 54 km im Durchmesser großen Kraters zu sehen. Den Rest bedeckt inzwischen der breite St. Lorenz-Strom.

Keine Steigerung möglich?

Nächstes Etappenziel war laut Plan der noch weiter im Nordwesten gelegenen Parc National des Hautes-Gorges. Ich hatte zunächst überlegt, ob ich tatsächlich noch dahin fahren sollte, zumal der Park nicht auf direktem Weg zu erreichen war. Ich hatte ja doch schon so viel herrliche Natur und grandiose Wildnis gesehen, dass ich meinte, eine Steigerung sei gar nicht mehr möglich. Das war aber ein Irrtum, wie sich zeigen sollte. In dem Park gibt es nämlich die höchsten Felswände bzw. tiefsten Schluchten östlich der Rocky Mountains. Doch auch hier gilt: Vor den Preis haben die Götter den Fleiß oder vielmehr den Schweiß gesetzt…

Der Schweiß hieß in diesem Fall „L‘Acropole-des-Draveurs“. So lautet nämlich der Name des betreffenden Trails, der einen atemberaubenden Ausblick in und über den gewaltigen Malabaie-Canyon verhieß. Dieser Trail erwies sich aber auch als der mit Abstand härteste auf der ganzen Reise. Zwar ist auch er nicht sehr lang, nur etwas über 10 km. Doch dieses Mal mussten dabei sogar gut 800 Höhenmeter überwunden werden. Dass der Trail über Steine und Felsen führte, war ich ja inzwischen gewöhnt. Aber je höher ich kam, desto größer wurden auch die Felsbrocken. So große hatte ich bisher auf keinem Trail erlebt. Ich bin zwar ein trainierter (Sauerland-)Wanderer, aber eben kein Bergsteiger.

Der Aufstieg zehrte daher gewaltig an meinen körperlichen und auch geistigen Kräften. Doch irgendwann war die Hochfläche erreicht und es eröffnete sich ein erster Ausblick auf den Canyon des Malabaie-Flusses, des tiefsten und größten der vielen Canyons in dem Park. Aber was musste ich zu meiner Enttäuschung auf einer Holztafel am Trailrand lesen? Sommet no. 3. Sommet no. 1 – 450 m. Also, ich war noch gar nicht auf dem Gipfel. Der war noch 450 Meter entfernt. Als ich in die Richtung blickte, in die der Pfeil auf der Holztafel wies, verließ mich doch mein Mut…

(wird fortgesetzt)