Immer mehr Unwetter statt „prima Klima“?

Hagen. (Red./tau) Seit Anfang Juni vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht auch über Unwetter irgendwo in Deutschland berichten. Bilder von vollgelaufenen Kellern, überschwemmte Straßen, umgestürzte Bäume und aufgetürmten Hagelkörner prägen die Nachrichtensendungen. Auch in Hagen herrscht mancherorts schon leichte Panik, wenn wieder Gewitter, Sturm oder starke Regenfälle vorausgesagt werden. „Ich bleibe dann lieber zu Hause, damit ich im Notfall sofort eingreifen kann“, sagt Andrea W. aus Haspe.
Was ist die Ursache für dieses Extremwetter? Ist der Klimawandel schuld? Die Starkniederschläge über Mitteleuropa wurden häufig durch feuchtwarme Luft im Bereich eines Tiefs verursacht, das meist direkt über Mitteleuropa lag. Mit Hilfe von Klassifikationen der jeweiligen Großwetterlagen ist es möglich, zu statistischen Aussagen zu kommen. Solche Analysen führt der Deutsche Wetterdienst (DWD) seit vielen Jahrzehnten durch.
„Tief Mitteleuropa“
Eine Großwetterlage ist definiert durch die mehrtägige Lage der Hochs und Tiefs über Europa sowie dem Nordostatlantik. Sie bestimmt den wesentlichen Charakter des Wettergeschehens. Eine für Zentraleuropa immer wieder gefährliche Lage nennt sich „Tief Mitteleuropa“. Für Deutschland bedeutet dies meist feuchtes und unbeständiges Wetter. Vor allem im Sommerhalbjahr besteht dabei eine erhöhte Gefahr für das Auftreten von Unwettern mit Starkniederschlägen und gelegentlich auch Überschwemmungen.
In diesem Jahr herrschte bislang an 19 Tagen diese ansonsten eher seltene Großwetterlage. Vom DWD mussten im meteorologischen Sommer 2014, der von Juni bis August reicht, an bisher 36 von 66 Kalendertagen amtliche Unwetterwarnungen herausgeben werden. Immer wieder wurde auch die höchste Stufe, die „extreme Unwetterwarnung“ ausgerufen. Noch mehr Tage mit dieser Wetterlage, nämlich 29, gab es im Jahr 2002, wobei es in der Folge im August zur Elbeflut kam.
Analyse Juli:
Zu warm, zu nass
Einen abwechslungsreichen Wettercocktail lieferte beispielsweise der Juli 2014: „Deutschland erlebte Hitzetage, extreme Unwetter und enorme Regenmengen bei manchmal nahezu tropischen Wetterverhältnissen“, so DWD-Pressesprecher Uwe Kirsche. In der 2. Juliwoche lud Tief „Michaela“ riesige Regenmengen über uns ab. Während Hoch „Aymen“ am Ende des 2. Monatsdrittels eine kurze Hitzewelle brachte, sorgte Tief „Paula“ in der letzten Dekade für ausgeprägte Gewitterlagen. Insgesamt war der Juli bei reichlich Sonnenschein deutlich zu warm und sehr regnerisch.
Mit 19,2 Grad Celsius lag die Durchschnittstemperatur im Juli um 2,3 Grad über dem Wert der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990. Fast den ganzen Monat über befand sich der Nordosten in deutlich wärmerer Luft als der Süden und Westen. Besonders große Temperaturunterschiede herrschten am 9. Juli: In Boizenburg, südöstlich von Hamburg, zeigte das Thermometer nachmittags 31°C, in Weiskirchen im Saarland dagegen nur 12°C.
Der Juli übertraf sein Soll von 78 Litern pro Quadratmeter (l/m²) mit rund 128 l/m² um 64 Prozent. Damit gehört er zu den zehn niederschlagsreichsten Julimonaten seit 1881. Der meiste Regen fiel im Schwarzwald mit bis zu 400 l/m². Die Sonne zeigte sich im Juli im Deutschlandmittel etwa 222 Stunden. Am längsten schien sie mit fast 340 Stunden auf Rügen.

Westfalen
Nordrhein-Westfalen verbuchte 19,2°C (Referenzwert: 17,0°C), 214 Sonnenstunden (187 Stunden) und 139 l/m² (82 l/m²). Bei starkem Dauerregen am 8. und 9. Juli fielen in einigen Gebieten bis über 100 l/m², wodurch kleinere Flüsse über die Ufer traten. Gewitter im Münsterland führten auch am 28. zu Überschwemmungen. Der Pegel der Ems stieg in Greven um mehr als fünf Meter. Die Autobahn A 1 sah zeitweise aus wie ein Kanal.
Obwohl die Anzahl extremer Wetterlagen von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt, steigt sie langfristig gesehen an. Nach einer Studie des Deutschen Wetterdienstens gab es um 1950 im Schnitt 8 bis 10 solcher Wetterlagen pro Jahr, in heutiger Zeit dagegen schon meist zwischen 9 und 15. Bis zum Jahr 2100 wird mit einem weiteren Anstieg auf eine Spanne zwischen 10 und 17 gerechnet. Die Szenarien deuten also an, dass wir künftig öfter mit solchen extremen Wetterlagen rechnen müssen.