Jabulani schlimmer als Vuvuzela

Von Frank Schmidt (zurzeit in Südafrika)

Die Fahrt durch den Hafen von Durban endet für wk-Redakteur Frank Schmidt wie das Halbfinale für die deutsche Mannschaft - auf dem Hosenboden.(Foto: wk)

Kapstadt/Durban. Im Herzen des Szeneviertels auf der Long Street – zwischen der „Sexy Cigar Bar“, dem „The Dubliner at Kennedy“ und dem „Mama Africa“ – nehmen wir Abschied von Kapstadt. Ian, ein alter Ire, der sich vom französischen Mogeltor in der Qualifikation den WM-Spaß nicht verderben lassen wollte und trotz des Fehlens seiner Nationalmannschaft angereist ist, sitzt im „Dubliner“ wie wir auf gepackten Koffern. „It work‘s to god“, deutet er auf sein „Savanna“, das er sich zum letzten Frühschoppen gönnt – „es geht zu gut runter“.

Vor den letzten vier Spielen dieses Turniers machen mein Freund Michael und ich uns gemeinsam mit Ian unsere Gedanken über die Tops und Flops dieser WM, wobei die Meinungen wie immer auseinander gehen, wenn es sich um Fußball dreht. Weitgehend unbeeinflusst von der deutschen Medienwelt – es gibt hier in Südafrika nirgends deutsche Zeitungen zu kaufen – , verrate ich meine fünf Gewinner und Verlierer dieser ersten WM auf afrikanischem Boden:

Verlierer

  1. Jabulani: Der wohl schlechteste WM-Ball der Nachkriegszeit macht wegen seiner instabilen Flugbahn den Fußball zum Zufallsspiel und die Torhüter zu Deppen. Es mag ja sein, dass das Spiel athletischer geworden ist und in Folge dessen ein Trend zu weniger Toren beklagt wurde. Dies aber mit einem Kirmesball aus ultramodernem Kunststoff auszugleichen, der so unberechenbar flattert, dass das Torwart- zum Lotteriespiel verkommt, kann nicht die Lösung sein.
  2. Schiedsrichter: Krasse Fehlentscheidungen hatten besonders bei dieser WM maßgeblichen Einfluss auf den Ausgang vieler Spiele. Tore, die keinen waren, wurden gegeben (siehe Argentinien gegen Mexiko, als Tevez beim 1:0 klar im Abseits stand); Treffer, die hätten zählen müssen, wurden nicht angerechnet (etwa Englands 2:2 gegen Deutschland). Lächerliche Platzverweise und naturgemäß viele falsche Abseitsentscheidungen komplettieren das trübe Bild.
  3. Posterboys: Allen voran Cristiano Ronaldo, gaben die im Vorfeld so gefeierten Werbemillionäre des Fußballs überwiegend eine schlechte Figur ab. Ronaldos egozentrische Spielweise war nicht nur nach Ansicht seines Vorgängers Luis Figo eines Kapitäns unwürdig, auch Wayne Rooney ließ den im Dress von Manchester United so oft gezeigten Kampfgeist vermissen, und Lionel Messi verlor sich letztlich in brotlosen Künsten. Auch die Helden von gestern enttäuschten: Italien und Frankreich kamen als Weltmeister beziehungsweise „Vize“ nach Südafrika – und durften schon nach der Vorrunde die Koffer packen. Mit alternden Stars und dem Lorbeer von einst ließ sich am Kap der guten Hoffnung kein Staat machen.
  4. Vuvuzelas: Am Anfang noch als liebenswerte Eigenheit der südafrikanischen Fankultur beschmunzelt, gehen einem die Dröhnröhren mittlerweile nur noch auf die Nerven. Schilder in Einkaufszentren, die das Blasen verbieten, und Ohrstöpselverkäufer vor den Stadien, die bleibende Schäden verhindern, zeugen von zunehmender Gegenwehr. Das Anfeuern der eigenen Mannschaft im Stadion ist längst erstickt von der hornissenschwarmähnlichen Klangsoße. Die Vuvuzela – ein Souvenir, das hoffentlich nicht in Deutschland Einzug hält
  5. FIFA: Tausende freier Plätze bei fast allen vermeintlich ausverkauften Spielen werfen erneut die Frage auf, wie die Tickets effizienter vergeben werden können. Es mag ja sein, dass 97 Prozent der Karten abgesetzt worden sind, doch die Stadionauslastung erreichte diesen Wert nicht annähernd. Das Interesse für die WM-Spiele war riesengroß, also sollte es auch möglich sein, die Arenen zu füllen. Und zwar restlos!

Gewinner

  1. Südafrika: Was hatte man im Vorfeld gemeckert, dass Südafrika nicht reif sei, eine Fußball-WM auszutragen. Fehlende Sicherheitsstandards wurden angemahnt und viele organisatorische Mängel beklagt. Doch Südafrika hat alles in den Griff bekommen, nicht zuletzt dank der allgegenwärtigen Freundlichkeit und Einsatzbereitschaft der Menschen. Neben jedem eigenwilligen Ticketautomaten standen zwei Freiwillige, die den ratlosen WM-Touristen helfend beisprangen; tolle Stadien wie in Durban, Kapstadt oder Johannesburg beförderten begeisterndes WM-Flair. Und in Sachen Sicherheit sorgte ein riesiges Polizeiaufgebot dafür, dass sich die Kriminalität in ganz engen Grenzen hielt. In Kapstadt haben wir nachts aus Spaß eine Fanmütze vom Balkon geworfen. Am nächsten Morgen hing sie unversehrt an der Gästehaus-Garderobe!
  2. Neue Stars: Akteure wie Thomas Müller, David Villa, Bastian Schweinsteiger oder die Holländer um Schnejder, van Persie und Robben zeigten den Ronaldos dieser Welt, dass es nicht reicht, nur auf Werbeplakaten Gesicht zu zeigen, um bei einer WM Erfolg zu haben. „Mehr können heißt nicht mehr dürfen, mehr können heißt mehr müssen“, sagt Dettmar Kramer. So manch‘ junger Wilder auch aus dem deutschen Team zeigte, was andere wohl nicht mehr konnten (Cannavaro) oder wollten (Ribery).
  3. Außenseiter: Es war die WM der Überraschungen – sowohl einzelne Ergebnisse, wie das Remis der Neuseeländer gegen Italien oder der Sieg der Schweizer über Spanien, als auch überraschende Zwischenrunden-Qualifikanten wie Japan und Paraguay ließen aufhorchen. Wer hätte Uruguay vor der WM als Halbfinalisten getippt? Oder den Sieg von „Bafana Bafana“ (Südafrika) über Frankreich für möglich gehalten? „Im Fußball ist alles möglich“, weiß das Phrasenschwein. So war und ist es auch in Südafrika.
  4. Fankultur: Dass das Umfeld von WM-Spielen längst ein großer Karneval geworden ist, bei dem sich ein Großteil der Fans in die unmöglichsten Kostüme wirft, um als ultimativer Anhänger seiner Farben in den Blickpunkt zu geraten, ist ein durchaus zweifelhaftes Phänomen – mehr und mehr bekommt man den Eindruck, dass auf den Rängen der reine Fußball zur Nebensache verkommt. Fehlende Verbissenheit war in Südafrika jedoch auch gleichbedeutend mit fehlender Gewalt. Schlagstöcke wurden am Kap der guten Hoffnung nicht gebraucht – nicht mal bei Deutschland gegen England gab‘s Ärger!
  5. Oktopus Paul: Der Tintenfisch mit der richtigen Fußballnase sorgte weltweit für Aufsehen seinen zutreffenden Spielprognosen. Vermutlich setzen sich in irgendwelchen Universitäten bereits Wissenschaftler mit den Fertigkeiten des vielarmigen Fußballexperten auseinander. In meiner Hitliste reicht es angesichts der höchst unfreundlichen Voraussage zur Partie Deutschland gegen Spanien nur zu Platz fünf. Gestimmt hat sie allerdings trotzdem.

Kein Fehler

„You‘ll make it“, habe ich Ians Abschiedsworte noch im Kopf, als mich am Tag unseres Spanienspiels ein Gospelchor in meinem schlichten Hotelzimmer in Durban weckt. „Stille Nacht, heilige Nacht“, schallt es mit englischem Text hingebungsvoll aus einer Kirche. „Ja, is denn heut‘ scho Weihnachten“, schießt es mir kaiserlich durch den Kopf. Doch wir haben hier ja nach wie vor Winter, und wenn auch nicht Weihnachten, so doch immerhin WM-Halbfinale.

Schon auf dem Weg ins Stadion fühlt sich alles so anders an. Wie ausgelassen waren wir hier in Durban zum ersten Spiel gegen die Australier geströmt, doch jetzt ist fast jedermann ernst. Sogar Oktopus Paul hat nicht Deutschland, sondern Spanien als Sieger vorausgesagt, wozu mich auch eine CNN-Reporterin befragt. „Paul hat seinen ersten Fehler gemacht, aber das ist menschlich“, lache ich gezwungen optimistisch in die Kamera.

Aber das Unheil nimmt seinen Lauf. Spaniens disziplinierte taktische Ordnung erstickt jegliche deutsche Kreativität, die wir zuvor so bewundern durften. Es kommt auch gar keine richtige Stimmung auf, weil in den Fan-Blöcken alle bunt gemischt durcheinandersitzen – Deutsche neben Spaniern, Portugiesen, Argentiniern und den anderen. Und dann dieses rasenschachähnliche Spiel, das Tor von Puyol, das Aus!

Auf dem Hosenboden

Tags darauf schippern Michael und ich durch den Hafen von Durban und versuchen, den Kopf frei zu bekommen. Alle Hoffnungen sind dahin. Der hohe Wellengang und eine unerwartete Wendung des Steuermanns reißen mir – wie passend – die Planken unter den Füßen weg, und Michael fotografiert mich grinsend auf dem Hosenboden. Doch auch im Schiffsmuseum will keine rechte Freude aufkommen. Der deutsche Dampfer ist untergegangen!

Dennoch: Das Leben geht weiter! Wir entscheiden uns dafür, das Spiel um die „goldene Ananas“ zwischen Uruguay und Deutschland sausen zu lassen und stattdessen in die Hauptstadt aufzubrechen, um live dabei zu sein, wenn der neue Weltmeister ermittelt wird.

Auf Wiederlesen also ein letztes Mal – dann aus Johannesburg!