Juli 1761, Gefecht an der Ruhr

Hagen. (ME) Seit einigen Wochen berichtet der wk in einer kleinen Serie über die kriegerischen Auseinandersetzungen, die im Juli 1761 im Bereich des mittleren Ruhrtals stattgefunden haben – mit dem „Gefecht an der Westhofener Brücke“ zwischen den beiden französischen Regimentern de Viezet und Bouillon auf der einen und dem Korps des preußischen Majors von Scheither auf der anderen Seite als Höhepunkt. Heute folgt Teil 5.

Unser Autor, der Holthauser Heimatforscher Detlef Klimke, stützt sich bei seinen Untersuchungen unter anderem auf einen zeitgenössischen „Plan der Action“, wobei er warnt:

Der wk berichtet auch heute wieder über die kriegerischen Auseinandersetzungen, die im Juli 1761 im Bereich des mittleren Ruhrtals stattgefunden haben - mit dem „Gefecht an der Westhofener Brücke“ zwischen französischen Regimentern auf der einen und dem Korps des preußischen Majors von Scheither auf der anderen Seite. (Repro: Klimke)

Die zeichnerische Darstellung der Verhältnisse ist ungenau. Die Verschanzungen, hinter denen die zwei Abteilungen des Regiments de Viezet laut „Plan“ Deckung suchten, können sich nicht, wie eingezeichnet, bis Westhofen erstreckt haben. Der Ortskern von Westhofen (Kirche) ist mehr als anderthalb Kilometer von der Brücke entfernt. Auch kann das zweite Bataillon des Regiments Bouillon, von dem 160 Mann zu Hilfe entsandt wurden, nicht bei Haus Ohle („Oell“) gestanden haben. Die Mündung des Baarbaches, also dort, wo Haus Ohle liegt, ist fast zwölf Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt. Für diese Strecke hätte der Marsch durch schweres Gelände viel zu lange gedauert, als dass die Truppe rechtzeitig in den Kampf hätte eingreifen können. Vielleicht stand das Regiment Bouillon bei Villigst und deckte die dortige Brücke.

Viele Fehler

Kritisch anzumerken ist auch, dass der Plan topografische Fehler aufweist. Die Flüsse sind in ihrem Richtungsverlauf nicht korrekt wiedergegeben; kleine Nebenflüsse der Ruhr wie der Baarbach und der Elsebach werden kurzerhand zusammengelegt. „Syburg“ liegt nicht südlich der Ruhr, sondern – wie jedermann weiß – nördlich. Dort, wo Syburg eingezeichnet ist, müsste „Boell“ (Boele) liegen. Mit „Nirenhof“ ist vielleicht Gut Niedernhof gemeint; das aber lag unmittelbar an der Ruhr.

„Althagen“ sollte dort liegen, wo „Nirenhof“ eingezeichnet ist, weil dort die Straße über den Fluss nach „Boell“ führt. „Heerdeke“ (Herdecke) müsste näher an der Ruhr liegen, ebenso „Vilgist“ (Villigst). Die Positionen von „Huerd“ (Hörde), Aplerbeck und „Bruninghausen“ (Brünninghausen) zueinander stimmen nicht; die Orte müssten insgesamt auch weiter nördlich liegen. Die Straßenverläufe sind ungenau. Die Straße von „Boell“ führt nach dem Lenneübergang nicht direkt auf die Westhofener Brücke zu, sondern umgeht die Garenfelder Hochebene im Westen. Und so weiter.

Meist ungenau

Wir müssen dem Autor des „Plans der Action“ aber zugute halten, dass Karten im 18. Jahrhundert selten und diejenigen, die es gab, ungenau waren. Wenn der Autor bei seiner redaktionellen Arbeit auf vorhandenes Kartenmaterial zurückgriff, dann musste er die Fehler, die darin steckten, mit übernehmen.

Die älteste Karte, die Detlef Klimke gefunden hat und die die oben aufgezählten Merkmale identisch aufweist, ist eine von 1636, die in Amsterdam von Henrik Hondij verlegt wurde. Sie zeigt das Herzogtum Berg und die Grafschaft Mark mit Soest und die angrenzenden Gebiete und – was selten ist auf Karten jener Zeit – auch die Fernwege. Die Grafschaft Limburg ist nicht als eigenständiges Gebiet markiert, ebenso nicht das Stift Essen. Aufschlussreich für uns ist, dass folgende Ruhrbrücken eingezeichnet sind: Kettwig, Werden (?), Hattingen, Herbede, Herdecke, Westhofen, Langschede (westlich von Fröndenberg). Als ungewohnt empfinden wir, dass die Karte von Westen nach Osten ausgerichtet ist.

Niederländisch

Der Holthauser Heimatforscher Detlef Klimke stützt sich bei seinen Untersuchungen unter anderem auf diesen zeitgenössischen „Plan der Action“, wobei er warnt: „Die zeichnerische Darstellung der Verhältnisse ist ungenau.“ (Repro: Klimke)

Sehr wahrscheinlich hat der Autor des 1761er Plans diese Karte verwendet und nicht nur die sehr spezielle Topografie übernommen, sondern auch die in niederländischem Idiom gefassten Ortsnamen; neben den bereits oben genannten ein weiteres Beispiel: „Terroer“. Das niederländische „Oe“ wird hier wie ein langes „U“ gesprochen, also „Zur Ruhr“. Gemeint ist hier möglicherweise „Haus Ruhr“, jedenfalls spricht die eingezeichnete Lage dafür.

Einige Orte können wir trotz der verballhornenden Schreibweise identifizieren: „Osterick“ = Oestrich; „Drusche“ („Dreesche“ in der niederländischen Karte) = Dröschede; „Oell“ = Haus Ohle am Baarbach; „Zumhaus“ = Haus Husen ; „Zum Busch“ = Haus Busch. Andere kennen wir nicht, so „Eventorp“ und „Ouer Eyck“. Topografie und Ortsnamen sind auch in einer französischen Karte von 1681 so oder ähnlich zu finden und – man staunt – sogar noch in einer Karte von 1805, in der die Gebietszuwächse des Landgrafentums Hessen-Darmstadt im ehemaligen Herzogtum Westphalen eingezeichnet sind. Die niederländische Karte aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts war offensichtlich ein lang genutztes Standardwerk.

Viel Phantasie

Dieselbe kartografische Grundlage hat auch eine Darstellung des Gefechts, die in der Buchhandlung Raspe in Nürnberg ebenfalls als Teil eines Sammelwerks erschien und die laufende Nummer 86 trägt. In dieser Darstellung endet das Gefecht in Westhofen mit dem Rückzug der Franzosen! Gezeigt werden Artilleriestellungen, die es gar nicht gegeben haben kann, weil die Freikorps der Alliierten keine Geschütze besaßen und die Franzosen je Bataillon nur eine leichte Kanone. Auch bei der Darstellung raumgreifender Bewegungen, die auf dem „Schlachtfeld“ stattgefunden haben sollen, ist dem Autor die Phantasie durchgegangen.

Ein weiteres populärwissenschaftliches Sammelwerk dieser Art ist ab 1759 in Augsburg erschienen. Hierzu schreibt ein Kommentator: Es „ enthält jedoch derartig gravierende Mängel, auch in den geographischen Angaben, daß daraus ein vollkommen verwirrendes Bild allein schon über die Lokalisierung der Kämpfe entstehen musste.“ Alle diese Sammelwerke befriedigten das Informationsbedürfnis eines breiten interessierten Publikums, dem allerdings die Möglichkeiten fehlte, den Wahrheitsgehalt der Publikationen zu überprüfen.

Wissenschaftlichen Anforderungen genügt allein ein sechsbändiges Werk, das in Berlin 1783 bis 1794 erschien. Es beruhte auf neuen Vermessungen der Gefechtsorte und Festungen und auf zuverlässigen Quellenzeugnissen. Herausgegeben wurde es von dem preußischen Oberst im Feldartilleriekorps und Direktor der Artillerie-Akademie Georg Friedrich von Tempelhoff.

Seinem Urteil wollen wir auch die Würdigung des Unternehmens „Westhofener Brücke“ überlassen, die nächste Ausgabe folgt.

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