Katastrophe im Hagener Rathaus verhindert

Gevelsberg/Hagen (zico) Am Aschermittwoch, so sagt der Volksmund, ist alles vorbei – und zwar in Sachen Karneval. Am Aschermittwoch des Jahres 1998 jedoch geht es in der Bürgerhalle des damaligen Hagener Rathauses um mehr als um das Einmotten von Pappnasen und falschen Bärten. Es geht um Menschenleben und um eine mögliche Katastrophe!

Letztlich sind es zwei beherzte Männer, die das Furchtbare verhindern. Feuerwehrmann Eckhard Kühl und Hagens damaliger Presseamtsleiter Hubertus Kramer sitzen knapp 16 Jahre später im Wohnzimmer von Horst Wisotzki, 1998 noch stellvertretender Chef der Hagener Feuerwehr, und erinnern sich. In all den Jahren dazwischen haben sich Kühl und Kramer, heute Gevelsberger SPD-Vorsitzender und Abgeordneter im NRW-Landtag, nicht mehr getroffen. Damals aber, vor 16 Jahren in der Bürgerhalle, da waren sie ein perfektes Team, das schlimmen Schaden von der Stadt und einer nicht zu beziffernden Zahl von Menschen abgewendet hat.

Mit Benzinkanister und Feuerzeug

Es ist später Vormittag an diesem 25. Februar 1998, als Imam G. die Bürgerhalle betritt. Bewaffnet mit einem Benzinkanister und einem Feuerzeug, verlangt er, den Oberbürgermeister zu sprechen. Sein Anliegen: Wenige Tage, nachdem seine Wohnung an der Altenhagener Brücke der Tat von Brandstiftern zum Opfer gefallen ist, will er für seine achtköpfige Familie eine Unterkunft. Doch OB Dietmar Thieser ist an diesem Tag gar nicht vor Ort, sondern bei einer Sitzung des Kommunalverbandes Ruhrgebiet in Gelsenkirchen. Für Imam G. kein Grund, wieder abzurücken. Er verlangt weiterhin einen kompetenten Ansprechpartner. Dass die Stadtverwaltung bereits fieberhaft nach passenden Wohnungen gesucht und auch entsprechende Möglichkeiten gefunden hat, ist ihm offensichtlich nicht bewusst.

Anruf beim wochenkurier

Kurz zuvor läutet in der Redaktion des wochenkurier Hagen das Telefon. Anna Linne, die sich seit Jahren mit einfühlsamen Sozialreportagen einen Namen als Anwältin der kleinen Leute in der Volmestadt gemacht hat, geht an den Apparat. Am anderen Ende der Leitung kündigt die Frau von Imam G. an, was ihr Mann vorhat. Feuerwehr und Polizei ahnen zu diesem Zeitpunkt von nichts. Anna Linne begreift sofort, dass hier mehr auf dem Spiel steht als die Jagd nach einer Sensationsgeschichte. Sie verständigt Ordnungshüter und Brandbekämpfer, statt nach Kamera und Notizblock zu greifen. Um 11.52 Uhr ergeht Einsatzbefehl an die Feuerwehr.

„Ich bin mit C-Rohr und entsichertem Feuerlöscher da rein gegangen, um mit dem Mann zu sprechen und ihn vielleicht zu überwältigen“, erinnert sich Eckhard Kühl, seinerzeit Einsatzleiter noch heute an jedes Detail: „Der Mann stand in einer Benzinlache, hatte sich mehrfach mit dem Sprit übergossen, es roch penetrant nach Benzin. Die Damen von der Information hatten sich in Sicherheit gebracht; ich war allein mit dem Mann und hab ihn an seine Kinder erinnert, die ihn noch brauchen würden.“ Doch Imam G. beharrt darauf, „einen im Anzug“ sprechen zu wollen.

„Ich bin dann über Umwege aus der ersten Etage runter in die Bürgerhalle, um mir ein Bild machen zu können“, schildert Hubertus Kramer mehr als eineinhalb Jahrzehnte später im Hause Wisotzki die Szenerie: „Nervös war ich zu diesem Zeitpunkt nicht, der Schreck kam erst viel später. Aber ich war froh, dass wir zu zweit waren.“

Gestenreich, aber mit klarem Verstand, macht Imam G. noch einmal deutlich, was er will – den Oberbürgermeister sprechen und eine Wohnung für seine Familie, die bei dem Brand ihr gesamtes Hab und gut verloren hat. Mittlerweile zittert Imam G. wie Espenlaub.

„Die Verdunstungskälte durch das Benzin ist in solchen Fällen erheblich“, erklärt Eckhard Kühl das Frieren des verzweifelten Mannes.

Wieder und wieder dreht Imam G. am Zündrad seines Feuerzeuges.

Trafen sich 16 Jahre nach der Fast-Katastrophe beim früheren Hagener Feuerwehr-Chef Horst Wisotzki (links) wieder: Feuerwehrmann Eckhard Kühl (rechts) und der heutige Landtagsabgeordnete Hubertus Kramer, damals Hagener Stadtpressesprecher. (Foto: Frank Schmidt)
Trafen sich 16 Jahre nach der Fast-Katastrophe beim früheren Hagener Feuerwehr-Chef Horst Wisotzki (links) wieder: Feuerwehrmann Eckhard Kühl (rechts) und der heutige Landtagsabgeordnete Hubertus Kramer, damals Hagener Stadtpressesprecher. (Foto: Frank Schmidt)

Hoch entzündliches Benzin-Luft-Gemisch

„Ein solches Benzin-Luft-Gemisch ist hoch entzündlich; da kann schon ein Funke ausreichen, um eine gewaltige Explosion auszulösen“, weiß Horst Wisotzki und blickt anerkennend auf jene Männer, die dafür sorgten, dass es nicht dazu kam. Der 62-Jährige schenkt ihnen Kaffee nach.

16 Jahre zuvor ist es Hubertus Kramer, der Imam G. beruhigen muss. Er ist nun „der im Anzug“, von dem der Verzweiflungstäter Hilfe erhofft. „Wir helfen Dir, 1.000-prozentig. Du bekommst eine Wohnung“, verspricht Kramer und hebt die Hand zum Schwur: „Deine Kinder fänden das gewiss nicht toll, ohne Papa aufzuwachsen.“ Imam G. denkt nach und legt dann sein Feuerzeug weg. Für Eckhard Kühl und Hubertus Kramer das Signal, beherzt zuzugreifen und den Mann freundlich, aber bestimmt nach draußen zu bringen, wo Flatterband den Gefahrenbereich einigermaßen absichert. Imam G. wird im Rettungstransportwagen ins Johanneshospital nach Boele gebracht; Hubertus Kramer fährt mit, um den Mann zu betreuen und dem Krankenhauspersonal die nötigen Angaben zu machen.

„Hätte der Mann das Feuerzeug entzündet, wäre es zur Katastrophe gekommen“, vergegenwärtigt Horst Wisotzki sich in Anwesenheit der beiden Hauptpersonen die erhebliche Gefahrenlage. Als Helden fühlen sich jedoch weder Kramer noch Kühl. „Ich habe nur meinen Job erledigt. Nach dem Einsatz habe ich Mittag gemacht, und dann ging es ganz normal weiter. Herr Kramer allerdings, der hat sich freiwillig in Gefahr begeben. Dazu gehört viel Mut“, so Eckhard Kühl.

„Keine Zeit, mich als Held zu fühlen“

Und wie ging der Tag für Kramer weiter? „Ich war mit dem Mann im Krankenhaus und habe mitgeholfen, ihm das Benzin vom Körper zu schrubben. Dann ging‘s zurück ins Rathaus, wo ich eine Pressekonferenz zum Thema Haushalt zu leiten hatte. Mal abgesehen, dass ich nicht der Typ dafür bin – ich hatte auch gar keine Zeit, mich als Held zu fühlen“, so der heutige Landtagsabgeordnete.

Die Türen der Bürgerhalle aber stehen an diesem Aschermittwoch des Jahres 1998 noch lange geöffnet, damit das explosive Luft-Benzin-Gemisch ins Freie strömt und der bestialische Gestank langsam verfliegt. Wenige Tage später erhält Imam G. die Wohnung für seine Familie. Der Prozess gegen ihn wegen versuchter schwerer Brandstiftung geht glimpflich für ihn aus. Was aus ihm geworden ist? „Wir wissen es nicht“, sagen Kühl und Kramer. Und die Bürgerhalle? Die ist inzwischen abgerissen – ohne „Knalleffekt“.