Keine Kirche ohne Mittelalter

Von Michael Eckhoff

An der Hohle Straße in Eilpe zeigt sich - trotz einiger kriegsbedingter Veränderungen - mit der ev. Christuskirche ein gut erhaltener Vertreter der Neugotik. Geplant 1896 von Baurat Karl Siebold (Bielefeld), entstand bis 1898 ein reich gegliedertes Gotteshaus mit vorgesetztem Turm aus rauem Bruchsteinmauerwerk. (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. Seit geraumer Zeit berichtet der wochenkurier unter der Überschrift  „Jugendstil & mehr“ regelmäßig über die Hagener Architekturgeschichte. Im Mittelpunkt: die Entwicklung zwischen 1875 und 1925.

Hierbei erwähnten wir regelmäßig Begriffe wie „Historismus“ oder „Neugotik“. Zahlreiche Leser haben mittlerweile darum gebeten, diese Begriffe einmal etwas zu erläutern und zu erklären, warum alle Hagener Kirchen des späten 19. Jahrhunderts in mittelalterlichen – meist neugotischen – Formen errichtet worden sind. Wir kommen der Bitte gern nach – mit einem kleinen „Schlenker“ durchs Rheintal:

„Wenn der Prinz da ist, gehen wir alle im Mittelalter.“ Mit diesen Worten kommentierte der Überlieferung zufolge ein Diener 1835 die romantischen Anwandlungen des preußischen Prinzen Friedrich Ludwig. Der Prinz hatte 1823 die Burgruine auf dem Fatzberg am Mittelrhein nahe Bingen erworben. Prinz Friedrich Ludwig war – wie viele seiner Zeitgenossen – ein großer Fan des Mittelalters.

Ruinen und Märchen

Burgruinen und gotische Kirchen, aber auch die Sagen und Märchen längst verflossener Zeiten faszinierten um 1820 zahllose Menschen. Eine Vorreiterrolle fiel hierbei englischen Reisenden zu – sie waren gleichsam die ersten Touristen am Mittelrhein. Ihnen wiederum folgten preußische Adelige und Dichter, etwa Ferdinand Freiligrath und Heinrich Heine.

Zu den schönsten Kirchen Hagens gehörte einst die 1886/89 errichtete Lutherkirche am Hauptbahnhof, Architekt: Julius Zeißig (Leipzig). Das evangelische Gotteshaus wurde ein Opfer des Zweiten Weltkriegs. (Foto: Sammlung Eckhoff)

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn…“ dichtete Heine 1823 und schuf damit eine der Grundlagen für die bis heute anhaltende Loreley-Begeisterung.

Auch Bauherren

Die preußischen Adeligen betätigten sich aber nicht nur als romantische Schwärmer, sondern ebenso als Bauherren. So ließ beispielsweise Prinz Friedrich Ludwig von Preußen vom seinerzeit berühmtesten Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel umfangreiche Pläne anfertigen, die einen Wiederaufbau der Burg auf dem Fatzberg unter schonender Einbeziehung der mittelalterlichen Reste zum Ziel hatten.

Ab 1825 wurde der Wideraufbau in die Tat umgesetzt – unter dem Namen „Burg Rheinstein“ ist uns dieser Wiederaufbau heute geläufig. Die Burg Rheinstein als erster Burgenneubau der Rheinromantik setzte Maßstäbe und fand viele Nachahmer.

Kölner Impuls

Ein weiterer wichtiger Impuls ging vom Kölner Dom aus. Die gotische Kathedrale stand noch zu Beginn des 19. Jahrhundert als lediglich halbfertiger Torso inmitten der Rheinmetropole. Dann ereignete sich ein Glücksfall: 1814 wurde eine Hälfte des Fassadenplanes von 1280 wiederentdeckt, die andere Hälfte 1816 in Paris. Im Zusammenspiel mit den Romantikern und ihrer Begeisterung für das Mittelalter setzten sich fortan zahlreiche Kräfte für die Fertigstellung der alten Bischofskirche ein. Am 4. September 1842 legte der preußische protestantische König Friedrich Wilhelm IV. tatsächlich den Grundstein für den Weiterbau des Kölner Doms.

Von der Gotik geprägt sind sogar manche Hagener Mietshausfassaden der „Ära 1900“. Unser Beispiel steht an der Hochstraße in Oberhagen. (Foto: Michael Eckhoff)

Der erste Dombaumeister dieser Bauphase wurde im Jahr 1833 Ernst Friedrich Zwirner (bis 1861). 1880 wurde der Dom nach über 600 Jahren fertiggestellt, getreu den Plänen der Kölner Dombaumeister des Mittelalters und getreu dem erhaltenen Fassadenplan aus der Zeit um 1280.

Auswirkungen

Die unter anderem durch den Burgen-Bau und die Dom-Vollendung befeuerte Mittelalter-Begeisterung schwappte vom Mittelrhein schnell auf andere Landesteile über. Neben der Gotik geriet zudem ihr stilistischer Vorgänger – die Romanik, mitunter auch „Rundbogenstil“ genannt  – zunehmend ins Visier diverser Bauherren. Bald entstanden immer häufiger Kirchen und Repräsentationsgebäude – und oft auch Fabriken – in Bauformen des 12. bis 15. Jahrhunderts. Aufgrund der Tatsache, dass man hier historische Baustile aufgriff (wozu später auch noch Renaissance und Barock traten), bürgerte sich für diese Epoche der Begriff „Historismus“ ein.

Manche Fabrikbauten aus der Zeit um 1900 erinnern an mittelalterliche Burgen - so auch die „Elbers-Turbine“ hinterm Cinestar an der Springe. (Foto: Michael Eckhoff)

Rasch gelangten die Zeitgenossen zu der Überzeugung, eine Kirche sei nur dann eine „ordentliche“ Kirche, wenn ihr Baustil aus dem Mittelalter herrühre. In der evangelischen Kirche wurde diese Ansicht sogar in eine Vorschrift „gegossen“ – nachzulesen im „Eisenacher Regulativ“. Dieser Vorschriftenkatalog zur Gestaltung von protestantischen Kirchenbauten in Deutschland, mit der eine grundsätzliche Normung der Kirchenbauten im 19. Jahrhundert angestrebt wurde, erschien 1861.

Im Paragraphen 3 heißt es: „Die Würde des christlichen Kirchenbaues fordert Anschluss an einen der geschichtlich entwickelten christlichen Baustyle und empfiehlt in der Grundform des länglichen Vierecks neben der altchristlichen Basilika und der sogenannten romanischen (vorgotischen) Bauart vorzugsweise den sogenannten germanischen (gotischen) Styl.“

Die Vorschriften blieben immerhin bis 1908 wirksam. Sie wurden just aufgegeben, als gerade die Wehringhauser ihre Pauluskirche planten – weshalb dieses Gotteshaus das seinerzeit erste in Hagen war, dessen Aussehen nicht mehr auf dem Mittelalter basiert.

Viele Beispiele in Hagen

Wohl im 12. Jahrhundert erhielt Boele ein erstes Gotteshaus. Diese Dorfkirche entsprach in der Gründerzeit nicht mehr den Ansprüchen, so dass 1877 der Grundstein für einen Neubau gelegt wurde. Architekt G.A. Fischer entwarf ein zweitürmiges Bauwerk mit Doppelturmfassade im „mittelalterlichen“ Rundbogenstil. (Foto: wochenkurier)

In Hagen lassen sich als erhaltene Beispiele für die Imitation von mittelalterlichen Vorbildern insbesondere mehrere Kirchen nennen – so etwa die evangelischen Gotteshäuser in Eppenhausen, Vorhalle und Eilpe oder auch die katholischen Kirchen in Altenhagen, Haspe und Hohenlimburg. Als herausragende Exemplare gelten St. Michael in Wehringhausen und St. Marien an der Hochstraße, beide geplant von Clemens Caspar Pickel. Er zählt zu den herausragenden Neugotikern in Westdeutschland.

Die meisten Pläne dieser „gotischen“ oder „romanischen“ Kirchen stammen von Architekten, die zumindest zeitweise  unter dem Einfluss des Kölner Dombaumeisters Zwirner bzw. der Kölner Dombauschule standen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Professor Ludwig Becker, Architekt von St. Josef in Altenhagen.

Jenseits der Kirchen sind vom Mittelalter geprägt beispielsweise auch Bauten auf dem Elbers-Gelände, ein Fabrikgebäude (Hoesch-Walzhalle) am Langenkamp in Hohenlimburg, der Freiherr-vom-Stein-Turm auf dem Kaisberg, etliche Villen (etwa „Haus Ruhreck“) und sogar manche Mietshausfassaden in Haspe, Altenhagen oder Wehringhausen. Groß in Mode war eine Zeitlang überdies das Ziel, „altdeutsch“ zu bauen – was unter anderem durch Fachwerkteile erreicht werden sollte, die ausschließlich Ziercharakter haben.

(wird fortgesetzt)