Langsames Sterben einer Gemeinschaft

Hagen. (anna) Er ist gerade 80 Jahre alt geworden und steht seit elf Jahren dem Hagener Bund der Danziger vor. Werner Klatt aus der Lützowstraße wird nicht müde, seiner einstigen Heimat, der schönen Stadt Danzig, zu huldigen. Zu diesem Zweck hält er die aus dem Osten Vertriebenen in Hagen zusammen.
Bis heute, 70 Jahre nach dem Krieg, kann sich der Rentner nicht damit abfinden, dass aus der eher deutschen Handels- und Hansestadt Danzig die polnische Stadt Gdansk geworden ist. Bis heute trauert er um seine Heimat, in der er nie wieder leben wird. Als Vertriebener schloss er sich in Hagen schon in frühen Jahren der Danziger Vereinigung an. Noch etwa 30 Mitglieder hat der Verein in Hagen heute.

Bund der Danziger

Der Bund der Danziger, 1946 in Lübeck gegründet, ist eine Gemeinschaft, die die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der Danziger Kultur, der Sprache und der Mundarten sowie der Danziger Identität zum Ziel hat. Er verbindet seit 1939/45 „verstreut“ wohnende Angehörigen in Westdeutschland zu einer zusammen haltenden, sich in allen Lebenslagen beistehenden Gemeinschaft.

Vertrieben

Großgeworden ist Werner Klatt auf einem kleinen Bauernhof in dem kleinen Dorf Mariensee in der Nähe von Danzig. Nach Kriegsende, am 26. März 1945, besetzten sowjetische Truppen die Region und zerstörten den größten Teil der Hafenstadt am Weichseldelta. Die noch verbliebene deutsche Bevölkerung wurde vertrieben.
Täglich zogen nun große Flüchtlingstrecks an Klatts Hof vorbei und die neuen polnischen Bewohner übernahmen allmählich die frei gewordenen Bauernhöfe. Werner Klatt war damals zehn Jahre alt und begriff langsam, dass auch seine Familie nicht bleiben konnte. Schwester und Bruder hatten sich schon auf den Weg in den Westen gemacht. Der Vater war in einem Gefangenenlager verstorben.
Allein mit der Mutter musste der Zehnjährige jetzt den Hof bestellen und sich auf die Flucht vorbereiten. „Aber wir hatten nur ein Pferd und der Schnee lag hoch“, erinnert sich der 80-Jährige. „Wir hätten es nicht weit gebracht. So warteten wir noch bis 1946 auf eine bessere Gelegenheit.“
Das einzige Pferd der Familie war inzwischen von Polen konfisziert, als es hieß, dass ein Zug die letzten Einheimischen von Danzig nach Stettin bringen würde. Man müsse nur morgens rechtzeitig am Bahnhof sein. Diese Gelegenheit nutze Werner Klatt. Mit dem Federbett im Rucksack und zwei Taschen an der Hand ging’s für Mutter und Sohn erst einmal nach Stettin.
Schwester gefunden
Dort wurden die Vertriebenen auf westdeutsche Städte verteilt. Werner Klatt und seine Mutter kamen nach Hamburg, wo sie über ein Jahr lang schrecklichen Hunger erleiden mussten. Über den Suchdienst des Roten Kreuzes fand Klatt dann seine Schwester in Kiel. Sie war schwanger und bekam deshalb doppelte Lebensmittelrationen. Zudem lebte sie auf dem Land und pflegte gute Beziehungen zu dort ansässigen Bauern. „Endlich konnte ich mich wieder satt essen“, erinnert sich Klatt.
Mutter und Sohn zogen nach Kiel und Werner Klatt besuchte zum ersten Mal eine Schule in Westdeutschland. Zwei Jahre Schulzeit hatte ihm der Krieg geraubt. Nun musste er vieles nachholen – aber er hatte endlich wieder genug zu essen.

Umzug nach Hagen

Inzwischen hatte die Familie Klatt auch wieder Kontakt zum Bruder, den es nach Hagen verschlagen hatte. Er war Melker auf dem Gut Harkorten in Haspe und seine Frau erwartete das zweite Kind. Deshalb wurde dringend eine Oma gebraucht, die sich um die beiden Kinder kümmern sollte, denn auch die Ehefrau arbeitete auf dem Gut.
So landete Klatt schließlich an der Volme. Er machte eine Ausbildung zum Landwirt, schließlich wollte er irgendwann zurück in die Heimat. Er war auf Bauernhöfen im Sauerland, in Kamen und Dortmund-Wickede tätig. „Da, wo heute der Flughafen ist, habe ich die Felder bestellt“, erinnert sich der 80-Jährige.
Seit der Volkszählung 1987, zu der viele Helfer gebraucht wurden, war Werner Klatt bei der Stadt Hagen tätig. Drei Jahre lang war er Hausmeister der Sporthalle Altenhagen, später arbeitete er im Sozialamt.

Kein Nachwuchs

In den ostdeutschen Heimatstuben an der Hochstraße verbrachte Werner Klatt viel Freizeit im Bund der Danziger. Dort traf er auf Gleichgesinnte, die ebenso um ihre Heimat trauerten wie er. Mit den Jahren starben viele „Danziger“ und auch andere Vertriebenengruppen schrumpften sichtbar. Heute vereinen sich alle Vertriebenen in der Danzigergruppe, auch die Pommern und die Ostpreußen.
Auf Nachwuchs im Verein wagt der 80-Jährige nicht zu hoffen. „Die Jugend weiß doch gar nicht mehr, wo Danzig überhaupt liegt.“ Seit ihr Domizil an der Hochstraße verkauft wurde, treffen sich die Danziger jeden dritten Sonntag im Monat um 14 Uhr in der Awo-Begegnungsstätte in der Böhmerstraße. Wer die Liebe zu Ostdeutschland teilt, kann einfach mal vorbeischauen.