Laute Glocken und Gesindel

Hagen. (tau) Was stand bei den Hagenern am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ fort.

Es berichtet wieder Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach:

Auch Modernisierungen gab es im Juli 1914 in Hagen. Eine solche fortschrittliche Errungenschaft in Hagen betraf das Glockengeläut der Marien-Kirche an der Hochstraße: Es erhielt einen elektrischen Antrieb. Fortan musste man zum Läuten nur noch auf einen Knopf drücken.

Doch nicht alle Hagener empfanden Freude über diese Neuerung. Vor allem die Bewohner der Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft fühlten sich durch das „gewaltige Sturmgeläut“, das jeweils zehn Minuten anhielt und sich an den Werktagen noch dreimal und an den Sonntagen sogar noch häufiger wiederholte, in hohem Maße geschädigt. Wie das „Westfälische Tageblatt“ am 15. Juli berichtete, sei in der Nachbarschaft insbesondere das Führen von Telefongesprächen in den Zeiten des Glockengeläuts schlichtweg unmöglich.

In der damaligen Straße „Brusewinkel“ (zwischen Augusta- und der Elberfelder Straße) entstand ein modernes Wohngebäude im „Neuen Stil“. Entworfen wurde es vom damals führenden Hagener Architekturbüro Gebrüder Ludwigs. (aus: Westfälisches Tageblatt vom 15. Juli 1914)
In der damaligen Straße „Brusewinkel“ (zwischen Augusta- und der Elberfelder Straße) entstand ein modernes Wohngebäude im „Neuen Stil“. Entworfen wurde es vom damals führenden Hagener Architekturbüro Gebrüder Ludwigs. (aus: Westfälisches Tageblatt vom 15. Juli 1914)

Im „neuen Stil“

Fortschritt und Modernität taten sich damals in Hagen aber auch im Bereich der Schwenke kund, und zwar in baulicher Hinsicht. In der Straße „Brusewinkel“, einer heute nicht mehr vorhandenen kurzen Verbindung zwischen der Augusta- und der Elberfelder Straße, wurde seinerzeit der Bau eines von dem damals führenden Hagener Architektenbüro Gebrüder Ludwigs im „Neuen Stil“ entworfenen modernen Wohngebäudes mit insgesamt 80 Räumen für Drei- und Vierzimmerwohnungen in Angriff genommen.

Mit dem Abbruch der an der Stelle seinerzeit noch vorhandenen alten (Fachwerk-)Häuser verschwand ein weiteres Stück des alten Hagen.

Großes Feuer

Am Samstag, 11. Juli, brach abends auf dem Ausstellungsgelände auf der Springe während des Festkommers in einem der Eingangstürme des Hauptrestaurants ein Feuer aus. Es fand an den Latten und der Leinenverkleidung reichlich Nahrung. Der rasch am Ort eintreffenden Berufsfeuerwehr und den Männern der Freiwilligen Feuerwehr gelang es jedoch, eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Gegen 1 Uhr am Morgen war die Gefahr gebannt. Menschen kamen bei dem Brand glücklicherweise nicht zu Schaden. Eine achtlos fortgeworfene Zigarre oder ein noch glimmendes Streichholz hatte den Brand ausgelöst.

Brutales Verbrechen

Sorgen hatten die Eltern und anderen Bewohner vor allem im Bereich des Loxbaums. Sie beunruhigte die Unsicherheit in dem dortigen Waldgebiet, da sich dort laut „Hagener Zeitung“ vom 9. Juli „gefährliches Gesindel aller Art“ herumtrieb. „Verkommene Burschen“, die schon am frühen Abend in den Waldungen lagerten, würden Spaziergänger nicht nur auf „unflätige Weise“ belästigen, sondern auch überfallen und ausrauben.

Dass die Sorge der Eltern berechtigt und die Polizeikontrollen auch angebracht waren, bezeugt der Vorfall, bei dem am Morgen des 9. Juli das 7-jährige Töchterchen der Familie des Fuhrmanns Landwehr in der Dahmsheide nahe dem städtischen Gut Ischeland Opfer eines brutalen Verbrechens wurde. Als das Mädchen mit einigen anderen dort auf der Straße spielte, kam plötzlich ein Mann hinzu und riss die Siebenjährige mit sich fort. Die übrigen Mädchen rannten daraufhin schreiend davon. Dadurch wurde die Mutter des Kinds aufmerksam, und nachdem sie von den Kindern von dem Geschehen erfahren hatte, begab sie sich sofort auf die Suche nach ihrem Töchterchen. Kurze Zeit später entdeckte sie es in einem Kornfeld. Ihm war ein lebensbedrohlicher Stich mit einem Messer in die Brust zugefügt worden. Die Verletzte wurde ins Krankenhaus gebracht. Weiteres ist nicht bekannt.

Forsetzung folgt.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.

Stadtrundfahrt zu Denkmälern

Noch ein Terminhinweis: Hagen ist eine Stadt der Denkmäler. Über hundert Monumente bilden eine spannende, vielfältige und geschichtsträchtige Denkmallandschaft. In den 1920er Jahren wurden – zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs – vorwiegend Kriegs- und Kriegerdenkmäler aufgestellt, die uns heute in ihrer Symbolik oft eher befremdlich erscheinen.

Ihnen gilt bei einer Stadtrundfahrt am Samstag das besondere Interesse. Die dreistündige Bustour beginnt am kommenden Samstag, 26. Juli 2014 (Abfahrt um 15 Uhr) am Kunstquartier am Museumsplatz 1 (Navi: Hochstraße 73) in Hagen und wird in Kooperation mit dem Hagener Heimatbund unter Leitung von Michael Eckhoff (Vorstand des Hagener Heimatbundes) durchgeführt. Gegen 18 Uhr endet die Tour auch am Kunstquartier. Die Teilnahmekosten betragen 15 Euro und werden zu Beginn der Stadtrundfahrt am Treffpunkt erhoben.

Eine verbindliche Anmeldung ist unter 02331/ 207-2740 oder per Mail an kunstfuehrungen@stadt-hagen.de erforderlich.