Leben im Bushäuschen

Seit einigen Wochen lebt der Obdachlose Hans Just in einem Bushäuschen an der Donnerkuhle. Eingehüllt in vier Schlafsäcke trotzt er Regen und Kälte. Menschen bringen ihm Essen und Trinken. Viele feinden ihn auch an und machen ihm das Leben schwer. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Armut hat viele Gesichter. Eins davon zeigt sich momentan im Unterstand der Bushaltestelle Donnerkuhle an der Eppenhauser Straße. Denn bereits seit einigen Wochen lebt der 57-jährige Hans Just in eben diesem Wartehäuschen.

Vier Schlafsäcke und viel Alkohol schützten ihn vor der Kälte, sagt er. Um ihn herum sein bisschen Hab und Gut, verpackt in Plastiktüten und ein paar Taschen. Sonst nur Unrat und Dreck. Umringt von Lebensmitteln, alten Flaschen und Plastikmüll sitzt der gelernte Starkstromelektriker stoisch auf der Wartebank und trotzt Regen und Kälte. Sogar ein kleines Tischchen hat er sich in der Zwischenzeit besorgt.

Hilfsbereite Hagener

Von Betroffenen häufig gar nicht als so schlimm empfunden, schließlich ist mit Alkohol alles erträglich, rührt das Schicksal des 57-Jährigen momentan die Herzen der Hagener, die an dem Bushäuschen vorbeifahren. In nur einer halben Stunde halten drei Pkw, deren Insassen dem Obdachlosen etwas zu essen bringen. Doch Brot und Kuchen liegen schon überall verstreut um die Haltestelle. „So viel kann ich einfach nicht essen“, meint Hans Just, der einst in Halden groß geworden ist und allen Spendern ein liebevolles Danke hinterher ruft. Die Frikadellen aus der Packung isst er zwar, aber Hans Just weiß, dass Fleischgenuss eigentlich für ihn ungesund ist. „Ich trinke am liebsten Whisky und Wein, das rettet mich.“

Ob er mal bessere Zeiten erlebt habe, weiß er nicht genau. Es sei schon lange so wie es jetzt ist. Hartz IV oder Sozialhilfe habe er noch nie bekommen, da er ja auch nie eine Wohnung nachweisen konnte. 30 Jahre lang sei er ohne einen Pfennig in der Tasche durch die Welt gewandert, erzählt Just, nie habe er dem Staat auf der Tasche gelegen. Genau so lange ertränkt der 57-Jährige seine Sorgen in Alkohol. Frau und Kinder habe er nie gehabt. „Nur mal so eine Liebelei in Dahl“, schmunzelt er.

Wieder zurück

Auch habe er lange in Fulda gelebt, dort mit drei Mördern und 15 Jugendlichen gekämpft. In welchen Zusammenhang konnte er nicht erklären. Mit gebrochenem Arm, einer Blutvergiftung und Lungenlähmung sei er ins Krankenhaus gekommen. Schreckliche Zeit. Jetzt sei er wieder in Hagen, diese Stadt sei schließlich seine Heimat.

Als ordentlicher Bürger hat Hans Just seinen Personalausweis immer griffbereit. In dem Bushäuschen leben zu dürfen, sei sein Recht, ist der Obdachlose überzeugt. (Foto: Anna Linne)

Mit Polizei und Ordnungsamt habe er tagtäglich Theater, ärgert sich der Obdachlose, „die reißen mir jede Nacht den Allerwertesten auf! Aber ich kenne meine Rechte, die können mir nichts.“ Und den Dreck rund ums Häuschen räumt ab und an Fatima weg, eine Freundin, die er aus Essen kennt.

Tatsächlich hat das Ordnungsamt den Aufenthalt im Bushäuschen vorerst einmal geduldet, denn gegen seinen Willen kann man Hans Just nicht umpflanzen. „Die machen sich Sorgen, dass ich bald erfrieren könnte, aber das ist bei vier Schlafsäcken unmöglich“, zeigt sich der Obdachlose sicher. „Die haben mich auch schon mal nach Boele ins Krankenhaus gepackt. Aber da habe ich so einen Rabatz gemacht, dass die mich wieder laufen ließen.“

Am letzten Donnerstag soll der Obdachlose dem Ordnungsamt versprochen haben, dass er während des Wochenendes die Bushaltestelle wieder freigeben würde. Wer’s glaubt!

Tatsache ist allerdings, dass sich die Beschwerden über eine Verdreckung des Häuschens beim Ordnungsamt häufen, denn Hans Just soll auch seine Notdurft dort verrichten. Und auch die Polizei wird fast jede Nacht kontaktiert, weil viele der Vorbeifahrenden glauben, in der Bushaltestelle einen Toten entdeckt zu haben.

Ob der Obdachlose bei Minustemperaturen ins Männerasyl zieht, bleibt fraglich, denn Hans Just ist überzeugt, dass er mit einem guten Whisky-Vorrat auch in der Bushaltestelle problemlos über den Winter kommt…