„Maschinenmöbel“ machten ihn berühmt

Von Michael Eckhoff

Im Wasserlosen Tal steht eine ungewöhnliche Häuserzeile. Kleine Bruchsteinbauten reihen sich dort aneinander. Was viele Menschen nicht wissen: Diese Siedlung ist Bestandteil der herausragenden Hagener Architektur der Osthaus-Ära. (Foto: Archiv Hagener Heimatbund)

Hagen. Im Wasserlosen Tal, knapp ein Kilometer oberhalb der Stadthalle, steht etwas im Hintergrund auf der linken Seite eine bruchsteinerne Häuserzeile: die Walddorfsiedlung, ein wichtiges Dokument der Osthaus-Ära. Es handelt sich um eines der bedeutendsten Baudenkmäler Hagens, entworfen von dem Maler und Designer Richard Riemerschmid (1868 bis 1957). Seit zehn Jahren gibt es hier auch ein kleines Museum – in einem der elf zugehörigen Häuser. Der Fortbestand dieses Museums ist allerdings aktuell stark gefährdet. Es fehlt an Geld.

2001 wurde dieses Haus restauriert und ein Weilchen später als Bestandteil des Osthaus-Museums der Öffentlichkeit zugänglich. Es ermöglicht den ungewöhnlichen Einblick in die Lebenswelt einer Arbeiterfamilie um 1910. Die Haushaltsschieflage der Stadt Hagen hat nun auch die Miete für dieses Haus (circa 7.500 Euro warm im Jahr) auf die Streichliste geraten lassen, weshalb der Mietvertrag gekündigt wurde. Aktuell überbrückt der Osthaus-Bund diese Lücke – nun wird jedoch eine dauerhafte Lösung für die nächsten zehn Jahre gesucht. Osthaus-Bund und DGB wollen dafür möglichst bald Sponsoren gewinnen.

„Immer einer der ersten“

In dem Ende der 1980er Jahre im Gruner-und-Jahr-Verlag („Schöner Wohnen“) erschienenen Buch „Große Architekten – Menschen, die Baugeschichte machten“ wird Walddorf-Architekt Riemerschmid in einem Atemzug genannt mit Stars wie Walter Gropius, Le Corbusier, Mies van der Rohe und Alvar Aalto. Und Autor Kurt Gustmann leitet seinen Text ein mit den Worten: „Riemerschmid war immer einer der ersten. Er gehörte zu den Künstlern, die dem Jugendstil zum Durchbruch verhalfen. Er richtete das erste moderne Theater Deutschlands ein – das Münchner Schauspielhaus. Er plante die erste deutsche Gartenstadt (in Hellerau bei Dresden). Er entwarf die ersten ’Maschinenmöbel“ – ein Schlafzimmer beispielsweise für 225 Mark, kartonverpackt. Er konstruierte Holzfertighäuser, experimentierte mit Schichtholz und Aluminium, entwarf Stoffe, Gläser, Bestecke und Geschirr. Dabei hatte er eigentlich nur Maler werden wollen.“

Lange schien er fast vergessen zu sein. In architekturgeschichtlichen Standardwerken der 50er/60er Jahre wird er kaum genannt. Doch das stellt sich längst anders dar. Heute ist klar: Der 1957 im Alter von 89 Jahren verstorbene Riemerschmid gehört in vorderster Linie zu denen, die man auflisten muss, wenn von den Anfängen der Moderne die Rede ist. Sein Kollege Henry van de Velde urteilte über den Sohn eines Münchner Likör-Fabrikanten: „Die Einfachheit der Werke Riemerschmids ist von Adel durchdrungen, und jedes seiner Werke ist eine gute Tat.“

Designer von Weltruf

Als van de Velde dies 1902 sagt, ist Riemerschmid bereits ein Möbeldesigner von Weltruf. Auf der Kunstausstellung in Dresden 1899 wurde sein Musikzimmer-Entwurf preisgekrönt, und auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 bekommt der Jugendstil-Künstler für das „Zimmer eines Kunstfreundes“ sogar den Grand Prix. Einen weiteren Karriere-Sprung macht Riemerschmid just zur gleichen Zeit in seiner Heimatstadt München: Das im April 1901 eröffnete Schauspielhaus (die späteren Kammerspiele) bringt ihm erstmals als Architekt Ruhm und Ansehen. Das Schauspielhaus wird als eine Demonstration des neuen Zeitgeistes eingestuft. Und der bedeutende Jugendstil-Chronist Friedrich Ahlers-Hestermann preist das Haus in den höchsten Lobestönen: „Das erste völlig moderne Theater der Welt.“

Kurz zuvor hatte Riemerschmid zusammen mit ähnlich ausgerichteten Künstlern wie zum Beispiel Peter Behrens (Planer des Hagener Krematoriums) die Münchner „Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk“ gegründet, wo man Wert darauf legte, dass das neue Design auch höchsten Qualitätsansprüchen gerecht wurde.

Um noch einmal mit Kurt Gustmann zu sprechen: „Riemerschmids Möbel für die Vereinigten Werkstätten gehören zu den besten Beispielen des Jugendstils. Sie zeichnen sich durch Eigenschaften aus, die weit über die modischen Aspekte des Jugendstils hinausweisen. Riemerschmids Möbel kommen beim Publikum an und haben fast immer eine gute Presse.“ Nur vereinzelt habe man ihm vorgeworfen, zu nüchtern zu sein. Aber genau das ist Riemerschmids Vorteil, als um 1905 der Jugendstil zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik gerät und immer häufiger als „kitschig“ eingestuft wird.

Gestaltung eines Arbeiterwohnhauses

Eingerichtet ist das Haus mit seinen rund 60 Quadratmetern Wohnfläche mit einigen zeitgenössischen Möbeln, so etwa mit einem aus der Zeit um 1910 stammenden Küchenherd, den das Westfälische Industriemuseum als Leihgabe zur Verfügung gestellt hat. (Foto: Michael Eckhoff)

Zu diesem Zeitpunkt hat Riemerschmid eine neue Aufgabe vor der Brust: bei der 1905 auf Initiative von Karl Ernst Osthaus in Hagen abgehaltenen XIV. Tagung der Zentralstelle der Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen soll der prominente Designer einen Vortrag halten über die künstlerische Gestaltung eines Arbeiterwohnhauses. Dass Riemerschmid hierzu von Osthaus gebeten worden war, hatte sicherlich auch mit seinen „Maschinenmöbel“-Entwürfen zu tun, mit deren Entwicklung er sich seit spätestens 1903 beschäftigte. Ab 1906 gehen diese Entwürfe in Serie: Angeboten werden drei komplette Wohnungseinrichtungen, die preisgünstigste für 570 Mark (Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche), produziert aus einfachem, aber massiven Holz, alles in Einzelteile zerlegt, kartonverpackt. „Ein Erfolgsrezept, 50 Jahre vor Ikea,“ schreibt Kurt Gustmann.

Und kurz nach der Tagung in Hagen erhält Riemerschmid von der hiesigen Textilfabrik Elbers den Auftrag, eine Arbeitersiedlung zu konzipieren und zu bauen. Eigentlich soll es knapp 90 Häuser geben, doch schlussendlich wird im Wasserlosen Tal nur eine Zeile mit elf Häusern errichtet. Sie besteht bis heute äußerlich wenig verändert.

Eines von den Häusern, postalisch: Nummer 17, ist weitgehend original erhalten und vor zehn Jahren mit Hilfe der Hagener Sparkasse als Außenstelle des Osthaus-Museums der Öffentlichkeit übergeben worden. Zuvor wurde das Innere des Hauses nach gründlicher Befunduntersuchung mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes sowie der Fakultät für Bauwesen/Universität Dortmund im wesentlichen originalgetreu wiederhergestellt.

Mit Leihgaben eingerichtet

Eingerichtet ist das Haus mit seinen rund 60 Quadratmetern Wohnfläche mit einigen zeitgenössischen Möbeln, so etwa mit einem aus der Zeit um 1910 stammenden Küchenherd, den das Westfälische Industriemuseum als Leihgabe zur Verfügung gestellt hat.

Ferner stehen in der Wohnküche im Erdgeschoss ein zweitüriger Vitrinenschrank, ein Küchentisch mit vier Stühlen und zwei Schuhputzkästen – alles Leihgaben, unter anderem von Dietmar Millhoff (Vorsitzender des Hagener Heimatbundes). Während im Erdgeschoss keine Original-Riemerschmid-Möbel zu sehen sind, stellt sich die Situation im Obergeschoss etwas anders dar: dank einer Leihgabe aus Berlin – vom „Museum der Dinge“ – kann hier eine um 1905 von Riemerschmid entworfene Schlafzimmereinrichtung mit Doppelbett, Nachtkästchen, Waschkommode und Kleiderschrank gezeigt werden. In einem sich dem Schlafraum anschließenden kleinen Zimmer – wahrscheinlich früher als Kinderzimmer gedacht – werden momentan einige Dokumente von und über Richard Riemerschmid und über die Walddorf-Siedlung gezeigt, die aus dem Osthaus-Archiv beziehungsweise – Museum stammen.

Zudem gibt es im Osthaus-Museum eine Broschüre, die über die Planung, Errichtung und Ausgestaltung des Arbeiterhauses sowie über die Einbindung der Siedlung und Ausgestaltung des Arbeiterhauses informiert. Diese Broschüre wurde von Museumsmitarbeiterin Andrea Sinzel verfasst.

„Normale“ Öffnungszeiten gibt es in dieser Außenstelle nicht, wer das Haus besichtigen möchte, muss sich ans Osthaus-Museum wenden. Die Renovierungsarbeiten wurden – außer von der Uni Dortmund – großzügig unterstützt von den Hagener Firmen Vormann, Befestigungstechnik Henke, Dietmar Millhoff und Heinz Mankopf KG.