Mietze in Not?

Hagen. (as) Kann man eine Katze erziehen? Dagmar Kolatschke muss lachen. Laut und herzlich. „Warten Sie einfach ein paar Wochen“, sagt sie. „Dann hat die Katze Sie erzogen.“ Dagmar Kolatschke zwinkert. „War’s das“, scheint sie zu fragen. „Alle Vorurteile bestätigt?“

Seit fünf Jahren haben Dagmar Kolatschke und ihr Mann Katzen. Um deren manchmal rätselhaftes Verhalten für sich zu erklären, hat die Hagenerin Tierpsychologie mit dem Schwerpunkt Katze studiert. (Foto: A. Schneider)
Seit fünf Jahren haben Dagmar Kolatschke und ihr Mann Katzen. Um deren manchmal rätselhaftes Verhalten für sich zu erklären, hat die Hagenerin Tierpsychologie mit dem Schwerpunkt Katze studiert. (Foto: A. Schneider)

Vorurteile kennt Dagmar Kolatschke zur Genüge. Sie spürt sie, wenn ihre Gesprächspartner von ihrer großen Leidenschaft erfahren. Die Bedienstete der Stadt Hagen hat sich nämlich nebenher weitergebildet. Sie hat an der Akademie für Tiernaturheilkunde im schweizerischen Drünten Tierpsychologie (Spezialgebiet Katze) studiert. Sie ist Mitglied im Berufsverband der Tierverhaltensberater und -trainer. Sie hilft gern, wenn Katze, Frauchen oder Herrchen in Not sind. Sie sorgt für „Lucky Cats“.

Böller, Kracher und Raketen

Gerade an den jüngst vergangenen Feiertagen war Dagmar Kolatschke häufige Ratgeberin. Wie bereitet man eine Katze auf Silvester vor? Auf Farbexplosionen in der Luft? Auf Böller und Kracher vor der Haustür? „Mit Ruhe und Gelassenheit“, sagt die Hagenerin. „Je ruhiger ich als Tierhalterin bin, desto ruhiger ist mein Tier.“ Wer mit den Haustieren eine angenehme Silvesternacht verbringen möchte, sollte die Tiere durch eigenes Verhalten nicht nervös machen. „Wenn ich anfange, mein Haustier zu betüddeln, fragt es sich, ob etwas Schlimmes bevorsteht“, sagt Dagmar Kolatschke.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann nach Aussage der Fachfrau Sandelholzöl in der Wohnung vernebeln. „Es wirkt angstlösend und entspannend“, sagt sie. Aber Vorsicht: „Es muss ein reines Öl ohne Zusätze sein. Zusätze können für Katzen toxisch, also giftig sein.“ Eine Hilfe für Katzen könne zudem ein Rückzugsort sein. „Einfach ein Loch in einen großen Pappkarton schneiden und vielleicht noch eine Decke darüber legen“, rät Dagmar Kolatschke. Die Katzen schlüpfen in das Versteck, entdecken etwas Neues und bauen so ein ganz persönliches Schutzschild zwischen sich und dem unbekannten Knallen und Krachen draußen auf.

Mit Ruhe und Gelassenheit

Und wenn – wie sagt man in diesem Fall? – die Katze bereits in den Brunnen gefallen ist? Was tun, wenn sich die sonst freundliche Mietze so erschrocken hat, dass sie sich nicht mehr aus seiner Ecke traut? Dagmar Kolatschke rät auch hier zur Gelassenheit. „Je mehr man drumherum macht, desto unruhiger werden die Tiere“, betont die Tierverhaltensberaterin. Es beginnt eine Art Angstspirale. Frauchen sorgt sich um die Katze und verhätschelt sie. Die Katze wiederum versteht die übertriebene Fürsorge als Grund, dass tatsächlich etwas ganz Schreckliches geschehen sein muss und zieht sich noch weiter zurück.

„Stopp“, sagt Dagmar Kolatschke in solch einem Fall ganz deutlich. „Gehen Sie Ihren eigenen Weg. Lassen Sie sich nicht von den Ängsten des Tieres beeinflussen.“ Denn: „Je mehr Sie Ihren Tagesrhythmus beibehalten, desto ruhiger kann Ihr Tier wieder werden.“ Irgendwie logisch.

Wie kommt eine städtische Bedienstete dazu, sich ausgerechnet zur Katzenpsychologin ausbilden zu lassen? „Wir haben seit fünf Jahren Katzen“, sagt sie. Zwei neugierige Main-Coon-Kater beäugen das Gespräch. Dagmar Kolatschke gibt zu, dass sie sich selbst zu Beginn ihres Zusammenlebens mit den Katzen sehr stark hat vereinnahmen lassen. „Manches Katzen-Verhalten stellt einen vor ein großes Rätsel“, sagt sie.

Genau diese Rätsel aber wollte sie entschlüsseln. Sie wollte besser verstehen, was in den Köpfen ihrer beiden vierbeinigen Racker vor sich geht. Wie man sich wappnet, wie man sich und der Katze hilft.

Katzen können beharrlich sein

Was tun beispielsweise, wenn die junge Katze jeden Morgen auf dem Bett steht und so lange mit den Füßen auf ihrem Menschen herumhopst, bis dieser tatsächlich aufsteht und den Futternapf füllt. „Das ist grundfalsch“, sagt die Fachfrau. „Katzen wissen: Was sie einmal erreicht haben, schaffen sie wieder.“ Dagmar Kolatschke ist in dieser Situation einfach liegen geblieben. Das heißt: Einfach war es nicht. Denn so eine Katze ist geduldig. Stundenlang wurde sie von ihrem Katzenkleinkind angestupst. Die Tierexpertin reagierte nicht. Erst als die kleine Samtpfote aufgegeben hatte, stand die Expertin auf. Futter fürs Kätzchen gab’s allerdings nicht sofort. Erst später, nachdem Frauchen das Frühstück für sich selbst zubereitet hatte. Seitdem wurde nicht mehr in der Nacht gebettelt.

Dieses Verhalten zeigt: Wer mit einer Katze arbeiten möchte, muss auch an sich selbst arbeiten. „Die größte Arbeit sogar liegt beim Halter“, sagt Dagmar Kolatschke. „Man muss konsequent mitarbeiten. Man muss die Ruhe bewahren und viel Geduld mitbringen.“ Denn Katzen sind beharrlich. Sie haben Zeit. Viel Zeit. Sie warten auf ihre Chance. Wer nachgibt, hat verloren. Denn dann hat sie es wieder geschafft, die kleine Katze. Sie hat ihren großen Menschen nach den eigenen Wünschen erzogen.