Neue Reifen-Kennzeichnung ersetzt nicht die Beratung

Welf Stankowitz, Referatsleiter Fahrzeugtechnik vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat. (Foto: pr.nrw)

Hagen. (Red.) Ab dem 1. November 2012 werden Verbraucher auf allen Neureifen, die nach dem 30. Juni 2012 produziert wurden, eine einheitliche Kennzeichnung (Label) vorfinden. Das neue Label informiert über drei gesetzlich festgelegte Leistungsmerkmale des Reifens: die Energieeffizienz, die Bremseigenschaften auf nasser Fahrbahn und die Lautstärke, die ein Reifen beim Vorbeifahren erzeugt. Hintergrund ist eine EU-Verordnung, die über die Kennzeichnungspflicht mehr Sicherheit, Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit im Straßenverkehr erreichen will. Genügt also künftig ein Blick aufs Reifenlabel, um die richtige Wahl beim Kauf zu treffen? So einfach ist es nicht – die fünf Verkehrssicherheits-Experten an unserem Lesertelefon am Donnerstag, 20. September 2012, erklärten, warum.

Wie aussagekräftig ist das neue Reifenlabel?

Welf Stankowitz: Wir freuen uns, dass es das Label gibt. Denn es bietet den Verbrauchern eine erste Auskunft über die Qualität eines Reifens, hinter der objektive Tests stehen. Das Label gibt allerdings nicht genügend Einblick in die vielfältigen Aspekte eines Reifens. Von etwa 20 wichtigen Leistungsmerkmalen werden lediglich drei bewertet.

Dipl.-Verww. (FH) Uwe Becker; Verkehrssicherheitsexperte des ACE (Auto-Club Europa). (Foto: pr.nrw)

Kann ein Reifen gleichzeitig in den Kategorien „Energieeffizienz“ und „Nasshaftung“ topp sein?

Dipl.-Ing. Norbert Allgäuer: Energieeffizienz und Nasshaftung sind zwei Eigenschaften eines Reifens, die beide mit der Laufflächenmischung zusammenhängen – und gegenläufig sind. Harter Gummi rollt leicht, hat beim Bremsen auf nasser Fahrbahn aber das Problem, dass er keine gute Verzahnung aufbaut. Es steckt sehr viel Entwicklungsaufwand in einem Reifen, der in beiden Kategorien gute Werte erreicht. Nur wenige Qualitätsreifen werden daher sowohl in der Disziplin „Rollwiderstand“ als auch in der Kategorie „Nasshaftung“ vorne liegen.

Welchem Reifen sollte ich den Vorzug geben – dem in einer niedrigen Energieeffizienz-Klasse oder dem mit einer besonders guten Nasshaftung?

W. Stankowitz: Für uns steht die Verkehrssicherheit im Vordergrund. Deshalb empfehlen wir, immer den Reifen mit einer besseren Nasshaftung vorzuziehen – auch wenn dadurch die Energieeffizienz-Klasse absinkt. Bei einer Fahrt von Flensburg nach Passau kann man mit einem Reifen, der in der Kategorie „Rollwiderstand“ um eine Klasse besser ist, etwa einen Liter Sprit sparen – das sind derzeit 1,75 Euro. Beim Bremsweg auf nasser Fahrbahn verlängert sich dieser jedoch von Klasse zu Klasse um jeweils sechs Meter – das kann entscheidend sein, ob Sie vor oder hinter einem Zebrastreifen zum Stehen kommen!

Dipl.-Ing. Stefan Ehl; Prüfingenieur der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger. (Foto: pr.nrw)

Ist die Nasshaftung gleichzusetzen mit den Aquaplaning-Eigenschaften eines Reifens?

N. Allgäuer: Nein, das sind zwei völlig unterschiedliche Kriterien. Während die Laufflächenmischung für das Bremsverhalten eines Reifens auf nasser Fahrbahn ausschlaggebend ist, sind es für die Aquaplaning-Eigenschaften die Profiltiefe und die Profilgestaltung. Sie beeinflussen die Fähigkeit eines Reifens, Wasser von der Fahrbahn aufzunehmen.

Bewertet das Label auch die Wintereigenschaften eines Reifens?

N. Allgäuer: Nein, das Label bildet die Eigenschaften, die ausschlaggebend für einen Winterreifen sind – wie den Grip auf Schnee und Eis – nicht ab. Es kann also sein, dass Sie einen Reifen haben, der in den Kategorien „Nasshaftung“ und „Rollwiderstand“ nicht mit „A“, sondern mit „C“ bewertet wird – der aber ein Top-Winterreifen ist! Hier sollten Sie sich im Fachhandel beraten lassen.

Dipl.-Ing. Norbert Allgäuer; Leiter Pirelli Tyre Campus. (Foto: pr.nrw)

Hat das Label Auswirkungen auf meinen Versicherungsschutz?

Marco Becker: Nein, auf den Versicherungsschutz hat das Reifenlabel keine Auswirkungen. Hier ist nach wie vor ausschlaggebend, dass die Bereifung den Witterungsverhältnissen angepasst ist.

Senkt ein „leiser“ Reifen auch die Geräuschbelastung im Fahrzeuginneren?

Dipl.-Verww. Uwe Becker: Die Messung betrifft nur die Lautstärke, die ein Reifen außerhalb des Fahrzeugs beim Vorbeifahren erzeugt. Das heißt, Sie tun in erster Linie etwas für Ihre Mitmenschen, wenn Sie mit einem leisen Reifen die Lärmwerte senken.

Werden vor dem Stichtag produzierte Reifen ohne Label verkauft?

Dipl.-Ing. Stefan Ehl: Reifen, die vor dem 1. Juli 2012 produziert wurden, sind auch weiterhin ohne Label im Handel zu finden.

Marco Becker; Leiter der Gruppe Kaskoschaden und der Verkehrsserviceversicherung, DEVK Versicherungen. (Foto: pr.nrw)

Betrifft die neue Verordnung alle Reifen?

S. Ehl: Die Kennzeichnungspflicht betrifft nur nach dem Stichtag produzierte Neureifen für Pkw sowie leichte und schwere Nutzfahrzeuge. Ausgenommen sind beispielsweise runderneuerte Reifen und Reifen, die auf Oldtimer montiert werden.

Wo kann ich mich über weitere Leistungsmerkmale eines Reifens informieren?

U. Becker: Reifentests, wie sie die Automobilclubs durchführen, informieren Sie umfassend über alle weiteren relevanten Merkmale eines Reifens. Diese Tests sowie das Gespräch mit Ihrem Reifenfachhändler sind für die Wahl eines guten Reifens nach wie vor unerlässlich.