Paul Schachts „Quetschkommode“

Zu den Klängen seiner geliebten Ziehharmonika hat Paul Schacht vielen Menschen unterhaltsame Stunden geschenkt. Mittlerweile wird dem 90-Jährigen das Spielen jedoch zu anstrengend und er möchte seine „Hohner Erica“ in Liebhaber-Hände abgeben. (Foto: Bärbel Taubitz)

Hagen. (tau) Seine Augen funkeln schelmisch. Seine Lebendigkeit ist ansteckend. Wer Paul Schacht einmal erlebt hat, vergisst ihn nicht mehr. 90 Jahre alt ist er, aber jung in seinem Herzen. Nur eins betrübt den Hagener etwas: Das Spielen auf der Ziehharmonika muss er aufgeben. Viele Jahre lang hat der Rentner zu den Klängen seiner geliebten „Quetschkommode“, die er einst von einem Nachbarn erstand, Gassenhauer und Schlager schwungvoll zum Besten gegeben. Auf Geburtstagen, Familienfeiern, Ausflügen oder einfach zwischendurch.

Erinnerungen

„Spielste mal wieder?“ riefen die Kinder, und Paul musizierte vom Balkon herunter, versorgte die Dötze dazu noch gerne mit Süßigkeiten, die er ihnen an einem Band herunterließ. „Kannste auch ,Die Fischerin vom Bodensee‘?“ fragte ihn mal ein junger Zuhörer. Und erklärte auf Pauls verwunderte Frage, woher er dieses Lied denn kenne: „Von meinem Opa! Der verschwindet immer für eine Weile im Keller. Und wenn er wieder hochkommt, singt er das!“ – Also übte Paul eifrig, und kurze Zeit später konnte er dem Jungen auch diesen Musikwunsch erfüllen. Nicht ohne Grund hat er von ehemaligen Mitmietern eine Urkunde zum 90. Geburtstag bekommen – als „ältester und bester Musikant der Rembrandtstraße“

Mit „Ruthchen“

Mittlerweile ist der gebürtige Danziger, zusammen mit seiner Frau, ins Wohn- und Pflegezentrum St. Hedwig am Bergischen Ring umgezogen. Nach einem bewegten Leben, unter anderem in Kriegsgefangenschaft, landete er 1957 aus der DDR kommend schließlich in Hagen, wo er sie über einen Krupp-Kollegen kennen lernte. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt er. „Und bis heute haben wir uns nicht ein einziges Mal gestritten!“

Ohne Ruthchen geht nichts, auch nicht im Heim, wo die beiden seit nunmehr vier Jahren leben: Sie sitzt bei ihm, wenn er schreibt, sie spielen zusammen Rommee, jeden Abend gibt Paul seiner Liebsten ein kleines Privatkonzert mit stimmungsvollen Liedern.

„Wir sind so glücklich hier!“ betonen die beiden. Und das nicht zuletzt wegen der Heimleitung und ihrer Haushaltshilfen Anna und Patrik, mit denen sie aufs Herzlichste verbunden sind, erzählen sie strahlend.

Kreativ!

Langeweile gibt es nicht, wo Paul Schacht ist. Er hat immer wieder neue Ideen. So bastelte er mal eine Zeitlang Weihnachtsgrußkarten und verschickte sie an liebe Menschen. Dann betätigte er sich als Autor und schrieb in über 35 Ausgaben des hausinternen „Hedwigblatts“ Anekdoten aus seinem Leben und dem Heimalltag. Gelernt hat er all dies nicht. Zwar hat der Hagener schon die verschiedensten Arbeiten verrichtet – mal als „Ausbimmler“ im Dorf in der Mark Brandenburg, mal im Sägewerk, mal als Kreissekretär der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft, ebenso auf dem Bau, in der Landwirtschaft und am Hochofen. Niemals war er aber im schriftstellerischen oder gestalterischen Bereich tätig. „Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Es ist alles in mir drin und fließt einfach heraus!“ erklärt er nicht ohne Stolz.

Die kleine „Konzertina“ war Paul Schachts Musik-Begleiter, wenn er als Clown auftrat. Auch für dieses erinnerungsträchtige Stück sucht er nun einen neuen Besitzer. (Foto: Bärbel Taubitz)

„Entertainer“

Auch das Ziehharmonikaspielen hat er sich selbst beigebracht. Gepaart mit einem schauspielerischen Naturtalent gehen ihm die heiter-besinnlichen Sprüche und Lieder, auch mal zünftig bayerisch oder mit Wiener Schmäh, charmant von den Lippen.

Sogar als Clown sorgte er mit seiner kleinen „Konzertina“ für Begeisterung. Nach einem zweistündigen Auftritt bei einem Ausflug der Senioren-Union kam seinerzeit eine Frau, die ihn als Entertainer buchen wollte. Aber das war nicht Paul Schachts Ding. „Ich habe dafür nie Geld genommen.“ Die Freude am Spielen, das war immer sein Motor.

Aufhören

Wenn der 90-Jährige heute seine Ziehharmonika zur Brust nimmt und ein Lied anstimmt, tut er dies noch immer mit vollem Einsatz. Aber das kostet Kraft. Mittlerweile zuviel Kraft. „Es juckt mir in den Fingern, wenn ich sie da liegen sehe, aber ich muss vernünftig sein!“ Schließlich ist er schon einmal umgefallen. „Bei einem musikalischen Sonntagfrühschoppen, ich sang gerade ,In einer Mexikanerbar‘“, erinnert er sich schmunzelnd. Ist sich aber bewusst, dass mit solchen Situationen nicht zu spaßen ist. Er kam ins Krankenhaus, zum Glück ohne böse Folgen. „Aber jeder sagte mir: ,Paule, mach mal Schluss!‘“

Deshalb möchte der sympathische Senior seine „Hohner Erica“ sowie die kleine Clowns-Zieharmonika nun, wenn auch nicht ganz kostenlos, in Liebhaber-Hände abgeben. „Ich wünsche mir einfach, dass meine Musik weiterlebt und sich jemand findet, der die Instrumente auch spielen kann.“

Wer Interesse daran hat, kann sich beim wochenkurier, Telefon 02331 / 32211 melden.