SonnTalk: Hauchzarte Gene

Von Claudia Eckhoff
Dunjas Familie hat mindestens einen wahren Helden vorzuweisen. Was ihr Großvater mütterlicherseits im damals noch vereinten Jugoslawien vollbrachte, machte ihn landesweit bekannt. Sogar in den Zeitungen stand es geschrieben: Er hatte bei der Landarbeit eigenhändig und allein einen Wolf erlegt. Aber nicht mit dem Gewehr! Niedergestreckt hatte er das Tier mit einer einfachen Heugabel. Der Mann hatte ein unerschrockenes Löwernherz. Regelmäßig zertrat er Schlangen oder machte ihnen mit der Sense den Garaus.
Aber er hatte auch eine andere, eine hauchzarte Seite. Die kam legendär zum Vorschein, als bei der Arbeit im Obstgarten ein anderer Mann von der Leiter stürzte und mit gebrochenem Bein liegen blieb. Der waghalsige Wolfs-Töter eilte sofort zur Hilfe, sah die verdrehten Knochen – und lag im nächsten Moment selbst im Gras daneben: Ohnmächtig!
Diese Gene haben sich mütterlicherseits leider weitervererbt. Dunjas Bruder etwa trägt eine dicke Narbe am Augenlid. Cool sieht das aus – nach Schlägerei. Aber: Er zog sie sich als Schüler zu, als ihm bei einem Film über Krebspatienten schlecht wurde und er einfach mit dem Stuhl umkippte.
Dunjas Cousin lebt absolut gesund: Kein Alkohol, kein Nikotin, dafür umso mehr Vitamine. Beim Tomatenschneiden vorgestern rutschte er mit dem Messer ab und schnitt sich. Sobald die ersten Blutstropfen sichtbar wurden, lag der Schrank von einem Kerl auch schon bewusstlos am Küchenboden. Sein Vater, der daneben saß und Kreuzworträtsel löste, rührte sich kein bisschen. „Silvana!“ rief er nur in Richtung Wohnzimmer nach seiner Frau. „Komm mal her. Kümmere dich um deinen Sohn hier. – Mann, Mann, Mann, was für Gene! Ich dagegen würde ja nicht einmal jammern, wenn ich mir den Finger ganz abgeschnitten hätte.“
Ohne ihn jetzt beim Wort zu nehmen und noch auf einem Test zu bestehen:
Schönen Sonntag.