SonnTalk: Viel voraus

Von Claudia Eckhoff

Die Aussicht, dass die diesjährige Herbst-Reise mit ihrer Freundin
ausgerechnet nach Sachsen in die Oberlausitz und dann obendrein auch noch nach
Bautzen gehen sollte, ließ bei Marie nicht so recht Vorfreude aufkommen.
Jetzt ist sie zurück und ist zufrieden. Schön war’s nämlich. Tolle Orte hat
sie gesehen, bilderbuchmäßig sanierte Altstädte mit brandneuen Einkaufspassagen,
architektonische Perlen ohne Ende, großartige Geschichte, beeindruckende
Landschaften und pikobello Autobahnen. Unserem Solidarbeitrag sei Dank.
Gigantische Felder gibt es ebenfalls. Darauf haben drei Trecker eine Woche
lang zu tun. Immobilien bekommt man auf dem Lande für den berühmten „Appel und
‘nen Ei“. Aber es ist nicht alles gottverlassen und am Ende der Welt. Dresden
etwa ist schuldenfrei. Noch mal: SCHULDENFREI!
Seit Jahren schon kann die Stadt massiv in Kunst und Kultur investieren. Sie
wächst und gedeiht. Jedes Jahr gibt es massig Neu-Dresdner. Was die da
händeringend brauchen, sind Kindergartenplätze.
Jede Menge Forschungseinrichtungen und Unternehmen siedeln sich an. An einem
einzigen davon arbeiten Spezialisten aus 53 Nationen zusammen. Hört sich nach
Kohls blühender Landschaft an.
Aber: Warum existiert ausgerechnet dort Pegida? Und was ist denn da los im
nahen Bautzen, wo immer wieder Migranten durch die Stadt gehetzt werden und
Heime brennen?
Der kostümierte Stadtführer will es im Schein seiner Laterne den
West-Touristen so erklären: Hinter dem Heimbrand stecke in Wirklichkeit etwas
ganz anderes – und die Hetze, ach, die sei eigentlich gar nicht der Rede wert
gewesen. Das hätten die Wessies hochgekocht. Der Mann ist an sich glaubwürdig,
immerhin Geschäftsführer einer Sozialeinrichtung. Trotzdem weiß Marie jetzt
weniger denn je, was sie von der dortigen Parallelgesellschaft noch glauben
soll.
Marie versucht sich spaßeshalber mal vorzustellen, wie so ein Oberlausitzer
oder so ein Bautzener ohne Vorwarnung an einem x-beliebigen Vormittag in einer
unserer nordrhein-westfälischen Städte zum Brötchenkauf in die Fußgängerzone
loszieht. Der bricht zusammen: So viel Multi-Kulti, so viel Sprachgewirr
verkraftet der ungeübte Sachse sicher erst nach intensiver Eingewöhnungs- und
Anlernphase. Da haben wir ihm einfach viel voraus.
Schönen Sonntag.