Steiner und die Waldorf-Schule

Von Michael Eckhoff

Seit über 25 Jahren ist an der Enneper Straße in Westerbauer die private Waldorf-Schule beheimatet - die Unter-/Mittelstufe nutzt hierfür die ehemalige katholische Mühlenwertschule. (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. Rudolf Steiner, Naturwissenschaftler und Doktor der Philosophie, wäre am Sonntag 150 Jahre alt geworden. Die Süddeutsche Zeitung nannte den 1861 geborenen Österreicher am Samstag in ihrer Ausgabe ein „buntes Genie“. Und die Wochenzeitung „Die Zeit“ sieht in ihm den einzigen Idealisten, der bislang „den Praxistest bestanden hat“.

Seit etwa hundert Jahren gehört Steiner zu den einflussreichsten Denkern Mitteleuropas. Eng verknüpft ist mit ihm eine Lehre, die er selbst als „Anthroposophie“ bezeichnete. Ein Wort, das dem Griechischen entnommen wurde und sich aus den Wörtern Anthropos/Mensch und Sophia/Weisheit zusammensetzt. Er selbst und seine Anhänger stufen die Anthroposophie als Wissenschaft ein, seine Kritiker sehen darin vorrangig eine esoterische Glaubenswelt.

Großer Einfluss

Steiners Vorstellungen und Grundsätze, festgehalten in Dutzenden Büchern, sind schwer lesbare „Kost“. Häufig orientiert er sich an Goethe, Nietzsche, Fichte und älteren katholischen Werten. Und genauso oft lehnt er sich an fernöstliche Weisheiten an. Bis heute beeinflussen Steiners Lehren Schulen (Waldorfpädagogik), Landwirtschaft (biologisch-dynamischer Anbau, Demeter), Religion (Christengemeinschaft), Medizin, Kosmetik (Weleda) oder beispielsweise auch die Gestaltung von Bauten und Kleidung.

Ob Kunst-Superstar Joseph Beuys oder die Universität Witten/Herdecke… – von Steiners „Anthroposophie“ ließen und lassen sich mehr Menschen und Einrichtungen leiten, als vordergründig bekannt ist. Allein im Raum Hagen zählen zwei Kindergärten in Delstern und Haspe, die Rudolf-Steiner-Schule an der Enneper Straße in Westerbauer, das Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke, weitere Kindergärten in Herdecke und Witten, eine Lehrer-Ausbildungsakademie in Witten, eine Kirche in Herdecke, mehrere Bauernhöfe, einige Ärzte, manche Reformhäuser, eine Drogeriemarktkette oder auch ein paar Einzelhandelsgeschäfte zur anthroposophischen „Einflusszone“.

Fähigkeiten

Die meisten Menschen denken, wenn sie den Begriff „Anthroposophie“ hören, vor allem an Waldorf-Schulen oder -Kindergärten. Im Mittelpunkt des Unterrichts steht die ganzheitliche Vermittlung von Fähigkeiten. Die Schüler häufen weniger – so wie an Staatsschulen meist üblich – theoretisches Fachwissen an, sondern sie lernen eher praktische Kenntnisse. Vor allem dem handwerklichen, aber auch dem musischen Bereich (Tanz, Musik, Theater, Kunst) fällt eine hohe Bedeutung zu. An der Waldorf-Schule an der Enneper Straße gibt es beispielsweise ebenso spezielle Tanzräume (Stichwort: „Eurythmie“) wie eine Schmiede. Zur Schulbildung gehören ferner Praktika auf Bauernhöfen und häufig auch im Forst- oder Vermessungswesen.

Rudolf Steiner, Naturwissenschaftler und Doktor der Philosophie, wäre am Sonntag 150 Jahre alt geworden. Die Süddeutsche Zeitung nannte den 1861 geborenen Österreicher ein „buntes Genie“. Die Menschen heute verbinden mit ihm vor allem die Waldorf-Schulen und -Kindergärten, aber auch Formen alternativer Lebensweise. (Foto: wk)

Eine weitere Besonderheit ist die Tatsache, dass das Lernen anfangs entschleunigt wird und die Kinder von Beginn an mit Fremdsprachen konfrontiert sind – zunächst mit Englisch, recht schnell kommt dann meist Russisch hinzu. Zensuren gibt es über viele Schuljahre hinweg gar nicht. Auch erfolgt nach dem 4. Schuljahr kein Wechsel, vielmehr bleibt eine Klasse acht Jahre zusammen.

Gefragt wie nie

Das Wochenblatt „Zeit“ spottet, Waldorf-Schulen seien eine „Schmiede guter Menschen“. Die „Zeit“ weiß aber auch, dass diese privaten Schulen als Alternative zum Pisa-Stress an staatlichen Schulen so gefragt sind wie nie. Die „nackten Zahlen“ untermauern diese Tendenz. Gab es 1990 in Deutschland nur 132 Schulen mit rund 53.000 Schülern, so wuchs die Schulzahl 2009 auf 211 mit über 82.000 Kindern. Der Unterricht an deutschen Waldorf-Schulen erfolgt mit recht großen Unterschieden. Das hängt damit zusammen, dass es sich um „freie Schulen“ handelt, die normalerweise örtlichen Eltern-Initiativen gehören, so wie in Hagen.

1919 erste Schule

Rudolf Steiners Leben verlief alles andere als gradlinig. Eine Weile schlug er sich unter anderem als schlecht verdienender Lehrer einer sozialistischen Arbeiterbildungsanstalt durchs Leben. Erst als nach 1900 allerlei Reformbestrebungen in Deutschland die Runde machten, schlug seine große Stunde. Aufgrund zahlreicher Vortragstouren wurden immer mehr Menschen auf ihn aufmerksam. Der berühmte Schriftsteller Kurt Tucholsky nannte ihn damals spöttisch den „Christus des kleinen Mannes“.

1919 hob Steiner in Stuttgart die erste Schule aus der Taufe – eine Betriebsschule für Arbeiterkinder der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria.

Staatsfeinde

Den Nazis war die Anthroposophie selbstverständlich ein Dorn im Auge. So urteilte das antisemitische Hetzblatt „Der Judenkenner“ bereits am 28. August 1935, es handele sich hier um eine „gänzlich verjudete Bewegung“. Wenig später verbot Reinhard Heydrich die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland per Dekret; Begründung: „Nach der geschichtlichen Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft ist diese international eingestellt und unterhält auch heute noch enge Beziehungen zu ausländischen Freimaurern, Juden und Pazifisten. Die auf der Pädagogik des Gründers Steiner aufgebauten und in den heute noch bestehenden anthroposophischen Schulen angewandten Unterrichtsmethoden verfolgen eine individualistische, nach dem Einzelmenschen ausgerichtete Erziehung, die nichts mit den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen gemein hat. […] Die Organisation ist wegen ihres staatsfeindlichen und staatsgefährdenden Charakters aufzulösen.“