Sucht: Stigma und Hilfe

Dr. Bodo Lieb ist Referent zum Thema „Sucht“.(Foto: KKH)

Hagen. „Von Säufern, Junkies und Kiffern – Ursachen, Behandlung und soziales Stigma von Suchterkrankungen“ lautet der Titel des Chefarztvortrags im Rahmen des „Hagener Gesundheitsforums 2018“ am Donnerstag, 5. Juli, ab 16 Uhr im Sparkassen-Karree.
Vortragender ist Chefarzt Dr. med. Bodo Lieb, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Katholischen Krankenhaus Hagen GmbH.
Obwohl Suchterkrankungen seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte beschrieben sind, werden Suchtkranke bis heute mit Vorurteilen und gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert.

Sucht als „echte Krankheit“ begreifen

Die moderne Suchtmedizin hilft, durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden Suchtstörungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung stärker als „echte“ Krankheiten zu begreifen. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Behandlung von Suchtkrankheiten mit Medikamenten und Psychotherapie untersucht und wirksam. Der Vortrag gibt einen Überblick über die zum Teil bahnbrechenden Erkenntnisse aus den letzten 30 Jahren Suchtforschung und daraus resultierenden Verbesserungen in der Diagnostik und Therapie.

Dr. Bodo Lieb im Interview

Dazu vorab einige Fragen an Dr. Lieb:Was ist es, das Sie an Ihrem Fachgebiet besonders reizt?
Dr. Lieb: Suchterkrankungen kennen keine Schicht- oder Klassengrenzen. Sie betreffen Arme wie Reiche, Junge wie Alte, Professoren wie Schichtarbeiter. In der Therapie kommen alle diese Menschen zusammen, verstehen und unterstützen sich, da sie ein gemeinsames Schicksal teilen. Das täglich erleben zu dürfen, ist ein großes Geschenk.

Gibt es nach Ihrer Erfahrung Vorboten, die schon früh auf Suchterkrankungen hinweisen?
Dr. Lieb: Bei entsprechender familiärer Veranlagung und/ oder dem Aufwachsen in vernachlässigten Gesellschaftsmilieus fangen Kinder häufig schon im Alter von 9-10 Jahren an, Nikotinzigaretten zu rauchen, zu „kiffen“ (Anm.: Cannabiskonsum) und/ oder Alkohol zu trinken. Das sind keine „Pennälerstreiche“, sondern leider häufig der Start in ein von viel Leid geprägtes Leben und sollte bei Angehörigen, Lehrern und Jugendamt alle „Alarmglocken schellen“ lassen. Insbesondere der Cannabiskonsum führt schnell dazu, dass Schulleistungen abstürzen und betroffene Teenager abwesend, antriebsarm und interessenlos erscheinen.

Wird aus Ihrer Sicht genügend im Vorfeld getan? Was halten Sie hier für erfolgreich?
Dr. Lieb: Das Thema Suchtprävention ist komplex und wissenschaftliche Daten zur Wirksamkeit leider rar. Meiner Meinung nach sollte weniger in das Gießkannenprinzip der „Breitenprävention“ investiert werden, sondern die begrenzten Ressourcen sollten mehr auf die Hochrisikogruppen konzentriert werden. Ich denke da an spezifische Familienunterstützung von Kindern suchtkranker Eltern und soziale Brennpunkt-Arbeit.

Sind ausschließlich die Lebensumstände maßgeblich? Welche Rolle kommt Veranlagungen zu?
Dr. Lieb: Durch genetische Forschung und Zwillingsstudien weiß man, dass ein erheblicher Anteil der Suchterkrankung erblich ist und die Betroffenen, wie bei anderen Erkrankungen wie Diabetes auch, gar nichts „für ihre Sucht können“. Was die Lebensumstände angeht, ist häufig das Elternvorbild maßgeblich. Wenn jede familiäre Feier im Alkoholexzess endet und die erste Handlung der Eltern nach dem Aufwachen der Griff nach der Kippe ist, werden Kinder diesen Lebensstil übernehmen.

Wie kommt es aus Ihrer Erfahrung zur jeweiligen Auswahl der Suchtmittel?
Dr. Lieb: Meist gibt es eine lebensbiographische Entwicklung in der Auswahl der Substanzen. Die allermeisten späteren Alkohol- oder Drogenabhängigen haben als „Einstiegsdroge“ die Nikotinzigarette. Mir ist kein einziger schwer Drogenabhängiger bekannt, der nicht  Nikotinzigaretten raucht oder zumindest als Kind geraucht hat. Später spielen die Umstände und begleitende psychische Probleme die Hauptrolle in der Substanzauswahl. So wählen Menschen mit Gewalt- und Mißbrauchserfahrungen gerne Heroin als Droge, da dieses schlimme Erinnerungen und daran gekoppelte Gefühle zuverlässig betäuben hilft, aber natürlich langfristig alles nur noch schlimmer macht.

Wenn Sie für die Veranstaltung einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Dr. Lieb: Dass die Besucher nach dem Vortrag suchtkranke Menschen aus ihrem direkten Umfeld, aber auch die „aus der Fußgängerzone“ mit anderen Augen sehen und vielleicht den ein oder anderen ermutigen, sich Hilfe zu suchen.