Syburg: Die Sachsen kommen

Von Michael Eckhoff

Hagen. Das Mittelalter begann um das Jahr 500 und endete 1.000 Jahre später. In dieser langen Zeit wurden in Mitteleuropa über 20.000 Burgen gebaut. In einer Serie stellt der wochenkurier die mittelalterlichen Wehrbauten und Adelssitze des Hagener Raums vor – heute: die frühmittelalterliche „Wallanlage Hohensyburg“ (Sigiburg):

Erobert

Bereits in der vergangenen Woche berichteten wir über eine Wallburg – über jene im Volmetal nahe Ambrock. Und ähnlich wie in Ambrock ist auch die Hohensyburger Anlage heute nur noch nur an wenigen Wällen erkennbar. Allerdings ist unser Wissen im Hinblick auf ihre Geschichte nicht ganz so „dünn“ wie bei der Ambrocker „Burg“: Immerhin wird die „Sigiburg“ im späten 8. Jahrhundert unter anderem in den Lorscher Annalen urkundlich erwähnt. Sie wurde damals – genauer: im Jahr 775 – in einer spektakulären Aktion erobert. Die Verteidiger waren heidnische Sachsen, die Angreifer christliche Franken.

Um zu verdeutlichen, was seinerzeit geschah, müssen wir noch ein paar weitere Jahrzehnte zurückblättern. In der Epoche der Völkerwanderung schlossen sich zahlreiche germanische Stämme zu größeren Verbänden zusammen. Ein solcher Stammesverband waren die Franken, ein anderer die Sachsen. Während die Franken unter anderem im Rheinland und vielleicht auch in Teilen des westlichen Bergischen Landes siedelten, bewohnten die Sachsen im frühen 5. Jahrhundert hauptsächlich Gebiete in Holstein, im heutigen Niedersachsen und vielleicht auch schon Teile des nördlichen Münsterlandes. Ihr spätestens seit dem 3. Jahrhundert zu beobachtender steter „Drang nach Süden“ kam zwischenzeitlich zum Stillstand – weil um 430/450 viele Sachsen zunächst die Eroberung Englands bevorzugten (zusammen mit Angeln und Jüten). Die Namen einiger englischer Grafschaften stammen daher – man denke an Essex und Sussex.

Brukterer?

Zu Beginn des Mittelalters – das heißt: um 500 – ist nicht eindeutig auszumachen, wer in der Region entlang der Ruhr tatsächlich wohnte. Waren es die seit dem 3. Jahrhundert gemeinhin dem Stammverband der Franken zugeordneten Brukterer? Vieles spricht für diese These, denn vom Heiligen Suitbert wissen wir, dass er um 690 bei den „Boructuarii“ – so nannte man mittlerweile die Brukterer – im Bereich Recklinghausen/Dortmund missionierte. Suitbert war ein aus England stammender Angelsachse, Gründer und erster Abt des Klosters Kaiserswerth (Düsseldorf); er starb wahrscheinlich 713.

War es ihm gelungen, einige Brukterer/Boructuarier zum Christentum zu bekehren? Es scheint so! Denn vom ebenfalls angelsächsischen Mönch und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis kennen wir einen Bericht, wonach die Sachsen bei einem Einfall im Jahr 694 oder 695 diese christianisierten Bevölkerungsteile vertrieben haben.

Zahlreiche prächtige Bäume gehören heute zu den Sehenswürdigkeiten inmitten der Hohensyburg. Wer genau hinschaut, erkennt, dass so mancher Baumriese direkt auf den frühmittelalterlichen Verteidigungswällen steht. (Foto: Michael Eckhoff)
Zahlreiche prächtige Bäume gehören heute zu den Sehenswürdigkeiten inmitten der Hohensyburg. Wer genau hinschaut, erkennt, dass so mancher Baumriese direkt auf den frühmittelalterlichen Verteidigungswällen steht. (Foto: Michael Eckhoff)

Tiefpunkt

Seit dem 7. Jahrhundert nahm die Einwohnerzahl in unseren Breitengraden wieder zu. Zuvor – im 6. Jahrhundert – hatte sie höchstwahrscheinlich einen Tiefpunkt erreicht. Das mag an der Völkerwanderung gelegen haben, könnte aber auch „natürliche“ Ursachen gehabt haben; eine Klimaverschlechterung ist – unter anderem durch die Analyse von Baumringen – erwiesen.

Forscher sind mittlerweile überzeugt, dass es seinerzeit zwei Naturkatastrophen globalen Ausmaßes gab. Zum einen fiel ein relativ großer Meteorit auf die Erde, zum anderen war es – fast gleichzeitig – im Jahr 536 zu einem immensen Vulkanausbruch gekommen. Eine jahrelange Abkühlung um schätzungsweise drei Grad war wohl die Folge, was natürlich gravierende Auswirkungen hatte.

Nach Süden

Am Ende des 7. Jahrhunderts waren die Sachsen wieder soweit erstarkt, dass ihre Expansionsgelüste gen Süden abermals wuchsen. Vor allem das nördliche Hessen und die Gegend des heutigen Ruhrgebiets wurden bald zu „Streitzonen“ zwischen Franken und Sachsen. Welche Rolle dabei die Borchter (jüngste Schreibweise für die Brukterer) spielten, wissen wir nicht. Gerieten sie zwischen die Fronten? Oder wurden sie – zumindest teilweise – von den Sachsen eingegliedert? Ist auf die Brukterer die Errichtung der Wallanlage auf dem „Sigiberg“ zurückzuführen? Im Jahr 775 gilt die Sigiburg als wichtige Grenzfeste der Sachsen. Prompt wurde sie von den Franken angegriffen – unter Führung von König Karl. Dieser fränkische Monarch ist der im Jahr 800 zum Kaiser gekrönte Karl der Große, der vor genau 1200 Jahren in Aachen gestorben ist.

Einige Indizien sprechen dafür, dass die Borchter nach Beendigung der Kriege auf Geheiß Karls das Sauerland und große Teile des östlichen Bergischen Landes besiedelten. Die Sigiburg wiederum gehörte nach allem was wir wissen zum „Territorium“ eines ehedem sächsischen Haupthofes, der von Karl dem Großen zum Reichshof erhoben wurde.

Darüber und auch über die Sigiburg mehr in der kommenden Woche …