Tatort Bahnhofsplatz

Hagen. (ric) Der Tritt traf sein Ziel ebenso wie der Schlag. Aber niemand sah hin, niemand half. Alle drehten sich weg und ignorierten das, was da am letzten Montagabend am Bahnhof in aller Öffentlichkeit passierte.

Es waren viele Menschen in der Feierabendzeit an der Haltestelle am Hauptbahnhof zugegen. Zwei junge Frauen, die einen Hund an der Leine führten, sollen eine Rentnerin angepöbelt haben, weil diese etwas gegen das Tier gesagt habe. Die Frauen beschimpften die alte Dame. Schließlich griff eine Studentin ein, versuchte zu schlichten und wies darauf hin, dass die Rentnerin einen verwirrten Eindruck machte. Doch die Frauen hatten anscheinend noch nicht genug und pöbelten nun die Studentin an. Zu diesem Zeitpunkt kam Grazyna S. an der Haltestelle an. Sie erkannte die Situation sofort und eilte der jungen Frau zu Hilfe.

Auf Hilferufe keine Reaktion

Doch dann eskalierte alles. „Ich habe den beiden Frauen gesagt, dass sie die Rentnerin und die Studentin nicht weiter belästigen sollten“, gibt Grazyna S. an. „Als sie mich daraufhin beschimpft haben, habe ich darum gebeten, mich in Ruhe zu lassen.“ Vergebens. Als nächstes traf sie ein Schlag am Arm – und ein Tritt. Grazyna S. war schockiert. Dann riefen sie und die junge Studentin um Hilfe, sprachen auch spontan die umherstehenden Menschen an. „Aber niemand reagierte auf unsere Rufe“, erklärt die Frau, die zum Glück keine gravierenden Verletzungen davon trug.

Ihre letzte Rettung: Ein Bus, dessen Türen sich hinter ihr öffneten. Die beiden Frauen flüchteten hinein, während die Schlägerinnen die Haltestelle zu Fuß verließen. „Sie sind seelenruhig gegangen“, staunt Grazyna S., „kein Mensch hat sie noch angesprochen oder aufgehalten.“

Wo bleibt die Zivilcourage?

Weil alles so schnell ging, konnte die Polizei erst vom Bus aus gerufen werden. „Doch weil die Situation vorbei war und wir nicht wussten, wo die beiden Frauen nun waren, sah die Polizei keine Veranlassung mehr, noch zu kommen,“ erzählt Grazyna S., „das Schlimmste ist aber für mich, dass sich viele Menschen – vor allem auch Männer – am Bahnhof aufhielten und niemand hat uns zur Seite gestanden. Gibt es denn keine Zivilcourage mehr?“

An der Haltestelle am Hauptbahnhof wird die Frau, die doch bloß einer Rentnerin und einer Studentin helfen wollte, in Zukunft besonders vorsichtig sein. Doch obwohl sie durch den Vorfall Angst habe, wolle sie, wenn es noch einmal zu einer solchen Situation kommt, auch weiter eingreifen. „Denn irgendwer muss doch Zivilcourage haben“, meint sie.