Thema Kinderlandverschickung: US-Forscherin in Hagen

Hagen. (Red.) Eine Doktorandin aus den USA kam jetzt nach Hagen, um hier ehemalige Teilnehmer an der Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg zu interviewen. Im Historischen Centrum befragte sie an Hand eines von ihr entworfenen Fragenkatalogs die Hagener Günther Kühnholz (Jg. 1932) und Herbert Weber (Jg. 1931) nach ihren Erfahrungen während der Kinderlandverschickung in Pommern vom Sommer 1943 bis gegen Kriegsende.

Dallas Scouton-Johnson von der Florida State University befragte für ihr Dissertationsvorhaben die Hagener Günther Kühnholz und  Herbert Weber nach ihren Erfahrungen in der Kinderlandverschickung. Im Hintergrund: ihr Betreuer Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. (Foto: wochenkurier)
Dallas Scouton-Johnson von der Florida State University befragte für ihr Dissertationsvorhaben die Hagener Günther Kühnholz und Herbert Weber nach ihren Erfahrungen in der Kinderlandverschickung. Im Hintergrund: ihr Betreuer Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. (Foto: wochenkurier)

Recherche in Hagen

Im Rahmen der so genannten erweiterten Kinderlandverschickung wurden im Zweiten Weltkrieg Hunderttausende von Kindern aus den bombenkriegsgefährdeten Großstädten evakuiert. Auch Hagen gehörte zu diesen Orten. Dallas Scouton-Johnson von der Florida State University in Tallahassee ist die erste US-Historikerin, die sich speziell diesem Thema widmet. Zur Erforschung der Kinderlandverschickung kam sie auf Grund ihrer deutschen Wurzeln. Ihre Ur-Ur-Großeltern mit Namen Bergmann stammten aus Stettin und wanderten um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA aus. Allerdings spricht heute niemand mehr in Scouton-Johnsons Familie Deutsch. Ihre Deutschkenntnisse erwarb sie daher erst im College.

Das Thema fesselte sie deshalb so, weil sie als zukünftiges Elternteil von der Vorstellung schockiert war, dass Kinder ihren Eltern weggenommen und in Lager oder in fremde Familien Hunderte von Kilometern entfernt gebracht würden. Sie wollte unbedingt herausfinden, wie diese Kinder ihre Zeit in der Kinderlandverschickung erlebt oder überlebt hatten. Da es in den USA bisher keinerlei Literatur über die Kinderlandverschickung gibt, recherchierte sie im Internet.

Hilfe erbeten

Dabei stieß sie ständig auf den Namen des an der TU in Dortmund lehrenden Historikers Prof. Dr. Sollbach. Experte Sollbach ist der Pionier für das Thema „Kinderlandverschickung“ speziell im Ruhrgebiet und ist international als Kinderlandverschickungs-Spezialist bekannt. Scouton-Johnson wandte sich mit der Frage an ihn, ob er ihr bei der Planung und Durchführung ihres Dissertationsvorhabens mit Rat und Tat behilflich sein würde. Auf Grund seiner positiven Antwort kam die Doktorandin Anfang Mai zu einem dreiwöchigen Besuch zu ihm. Inzwischen hat sie mit ihm ausführlich ihr Forschungsvorhaben besprochen und auch eine erste Durchsicht des von ihm gesammelten Kinderlandverschickungs-Materials vorgenommen. Am 27. Mai hält sie am Institut für Amerikanistik der TU Dortmund einen Vortrag über das Thema aus einer US-Perspektive.

Erstmalig im Ruhrgebiet

Es ist allerdings nicht ihr erster Besuch in Deutschland. 2007 studierte sie an der Universität in Freiburg deutsche Geschichte. Ihr jetziger Besuch ist allerdings der erste im Norden Deutschlands und vor allem im Ruhrgebiet. Beim Besuch der Innenstadt von Hagen war sie doch sehr erstaunt über die Größe des Stadtzentrums. Sie hatte bisher angenommen, dass mit Ausnahme von Dortmund alle Städte in der Umgebung recht klein seien. Inzwischen konnte sie aber auch schon etwas von Herdecke, dem Wohnort von Prof. Sollbach, kennen lernen. Besonders beeindruckt war sie hier von den kleinen, hübschen Fachwerkhäuschen im Altstadtkern. Eine historische Stadtführung wird noch folgen, ebenso wie ein Empfang im Rathaus durch Herdeckes Bürgermeisterin Dr. Katja Strauss-Köster.

Dallas Scouton-Johnson ist inzwischen sicher, dass dies nicht ihr letzter Besuch hier war. Bei ihrem Aufenthalt hat sie inzwischen so viele freundliche und hilfsbereite Menschen angetroffen, dass sie sich in diesem Raum schon richtig wohlfühlt. Daher will sie auch mit ihrem Mann im nächsten Jahr wiederkommen und dann für längere Zeit bleiben.