Tilo: Hoffentlich

Als Tilo unlängst nach Leipzig musste, wollte er zunächst mit der Bahn fahren. Doch ein Preisvergleich ließ ihn dann umsteigen – auf den Linienfernbus eines großen deutschen Anbieters. Dessen Ticket war unschlagbar günstig.
Doch im Nachhinein wird Tilo etwas mulmig. Daran trägt Tilos „alter Kumpel“ und „Sandkastenspielkamerad“ Martin Schulte eine gewisse Mitschuld. Das heißt, nicht er direkt ist schuld, sondern eher seine Tätigkeit, mit der er am Montagabend im Fernsehen bei RTL zu sehen war. Als Mitglied des „Teams Wallraff“ hat sich der in Gevelsberg aufgewachsene Enthüllungsjournalist als Aushilfsfahrer bei einem Unternehmen verdingt, das ausgerechnet jenem großen Anbieter, mit dem auch Tilo in Leipzig war, Busse und Fahrer zur Verfügung stellt.
Rein theoretisch ist in der Fernbus-Branche (fast) alles ordentlich gesetzlich geregelt. Das bezieht sich auf die Sicherheit bei den Bussen genauso wie auf die Lenkzeiten und Ruhepausen der Fahrer – eigentlich könnte also alles bestens laufen. Eigentlich! Aber es ist auch hier wie immer mit Theorie und Praxis – dazwischen liegt die Adria, sagen die Italiener.
Große Anbieter lassen insbesondere Subunternehmer fah­ren – und die wiederum konnten die Tiefpreise, zu denen sie bislang verdonnert wurden, offenbar nicht immer problemlos halten. Martin Schulte und das Team Wallraff sind deshalb nach längerer, intensiver Recherche zu einer eindeutigen Erkenntnis gelangt: In der Branche wurde in den vergangenen Monaten massig getrickst und gemauschelt und wohl regelmäßig auch der vorgeschriebene Standard unverantwortlich unterhöhlt.
Von Anfang an hat Schulte erlebt, dass weder Lenkzeiten und Ruhepausen eingehalten wurden noch, dass stets hundertprozentig verkehrssichere Busse zum Einsatz gelangten. Am Ende seines letzten Trips hatte Tilos alter Freund stolze 68 Arbeitsstunden in vier Tagen auf dem Buckel – mit kaum mehr als 20 Stunden Ruhepause. Das ist gesundheitsgefährdend – und zwar für den völlig übermüdeten Busfahrer ebenso wie für die Fahrgäste und andere Verkehrsteilnehmer.
Schultes Einsatz als „Wallraffs Aushilfsfahrer“ liegt ein Weilchen zurück, konnte aber jetzt erst ausgestrahlt werden. Seit Schultes Recherche wurden die Ticketpreise etwas erhöht – vielleicht dient der „Mehrpreis“ ja auch der Sicherheit. Hoffentlich.
Tilo